Böblingen Zuhälter prügelt 17-Jährige mit Peitsche

Von Gerlinde Wicke-Naber 

Die Richter verurteilen einen Zuhälter. Foto: dpa
Die Richter verurteilen einen Zuhälter.Foto: dpa

Das Böblinger Amtsgericht verurteilt einen 30 Jahre alten Mann zu einer Haftstrafe. Er darf aber zunächst nach Hause. Fünf Monate saß er bereits in Untersuchungshaft.

Böblingen - Weil er eine 17 Jahre alte Jugendliche als Prostituierte ausgebeutet hat und die junge Frau, als sie nicht spurte, mit der Reitgerte verprügelte, muss ein 30 Jahre alter Mann aus dem Kreis Böblingen ins Gefängnis. Weil der Angeklagte ein Geständnis ablegte und so dem Opfer eine Aussage vor Gericht ersparte, fiel die Strafe relativ milde aus - so der Deal, der gleich zu Beginn der Verhandlung zwischen dem Staatsanwalt, dem Richter sowie dem Anwalt des Angeklagten ausgehandelt wurde. Unter Einbeziehung einer früheren Strafe wegen versuchter räuberischer Erpressung wurde der 30-Jährige zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Fast fünf Jahre liegen die Taten des 30-Jährigen zurück, der in einer kleinen Kreisgemeinde wohnt. Ans Licht gekommen waren sie bei den Ermittlungen wegen Menschenhandels im Jahr 2014, die die Polizei unter anderem auch ins Bordell Paradise nach Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) führte. Dort fanden die Beamten Listen mit Namen von Prostituierten, die dort gearbeitet hatten. Bei der Vernehmung einer jungen Frau erzählte diese vom Angeklagten. 17 Jahre alt war die junge Frau damals und bereits als Prostituierte tätig gewesen, im Umfeld der rockerähnlichen Gruppe Black Jackets. Von Singen flüchtete sie nach Böblingen und geriet über einen Bekannten an den Angeklagten, der sich wiederum im Umfeld der rockerähnlichen Gruppe United Tribunes bewegt haben soll. Er versprach ihr Schutz vor ihren Verfolgern aus Singen.

20 Freier an einem Tag

Als Gegenleistung erwartete er, dass die junge Frau für ihn anschaffen ging, was diese auch freiwillig tat. „Am Anfang wurde vereinbart, dass sie 50 Prozent ihrer Einnahmen an den Angeklagten abgibt. Dieser fuhr sie zu den Freiern und brachte sie in der leeren Wohnung seiner Eltern in Steinenbronn unter“, erzählte der Vernehmungsbeamte des Landeskriminalamts. Bald habe die Frau ihre gesamten Einnahmen abgeben müssen. Und der Angeklagte begann, die 17-Jährige zu kontrollieren, verbot ihr den Kontakt zu früheren Bekannten. Als er sie einmal auf der Straße sah, wo sie mit einem Unbekannten sprach, bestrafte er sie dafür. Er zwang die Frau, sich nackt auszuziehen, und verprügelte sie dann mit einer Reitgerte. „Sie hatte tagelang Schmerzen und konnte nicht richtig gehen“, berichtete der Beamte. Auch eine andere junge Frau, die für kurze Zeit in der Wohnung in Steinenbronn untergebracht worden war, sei vom Angeklagten und dessen Bruder verprügelt worden. Außerdem hätte der 30-Jährige ihr eine Waffe in den Mund gehalten und gedroht, die Frau zu erschießen.

Das Geschäft lief nicht so wie erhofft für den Zuhälter – „nur“ ein bis zwei Freier am Tag hatte die 17-Jährige. Deshalb brachte der Mann das Mädchen in ein Bordell nach Darmstadt, später ins Paradise nach Leinfelden-Echterdingen. Dort habe die junge Frau „von morgens bis nachts“ gearbeitet, so der Beamte. Fünf bis sechs Kunden habe sie pro Tag gehabt, einmal sogar 20 an einem Tag. „50 Euro pro Freier, Das ergibt eine Menge Geld. Ihre gesamten Einnahmen habe die junge Frau an den Zuhälter abgeben müssen. „Dieser kam alle zwei Tage zur Kontrolle.“

Nach einigen Tagen im Bordell gelang der 17-Jährigen die Flucht, und sie tauchte unter. Der Angeklagte habe ihr noch einige Droh-SMS geschrieben und 50 000 Euro Ablöse gefordert. Die Frau antwortete nicht und legte sich ein neues Handy zu.

Familienfoto im Amtsgericht

Der 30-Jährige räumte alle Vorwürfe ein. Sein Mandant habe sich seit zwei Jahren nichts mehr zu Schulden kommen lassen, argumentierte der Verteidiger. Er forderte die Aufhebung des Haftbefehls, damit der 30-Jährige, der fünf Monaten in Untersuchungshaft gesessen hatte, zu seiner schwangeren Frau und seiner kleinen Tochter heim könne. Auch der Staatsanwalt sah dies so. Und so konnte der 30-Jährige das Böblinger Amtsgericht gemeinsam mit seiner Familie verlassen. Seine Haftstrafe muss er zu einem späteren Zeitpunkt antreten.

Skurril war die Szene im Foyer des Amtsgerichts nach dem Prozess: Zum Erinnerungsfoto postierte sich die gesamte Familie des Verurteilten - dazu gehört offenbar auch eine als Zeugin geladene junge Frau, die dann nicht aussagen musste. Auch sie soll der Mann verprügelt haben.

Lesen Sie jetzt