Bodensee Seegfrörne: Eine Brücke aus Eis

Claudia Bell, 09.02.2013 09:00 Uhr

Hagnau - „Schwelgen in alten Zeiten“ lautet das Motto am Samstagabend in Münsterlingen. Beim Seegfrörni-Maskenball sind Maskenträger aller Art willkommen. Vielleicht kommt ja jemand mit Eis­pickel, Wollpulver und Handschuhen? Vor 50 Jahren, als der Bodensee unter einer dicken­ Eisschicht lag, war das genau die richtige Bekleidung.

Es ist der frühe Morgen des 6. Februar 1963, als Hermann Urnauer aus Hagnau am Bodensee das Haus verlässt. Plötzlich erkennt er im dichten Nebel: „Da waren Männer auf dem Eis und haben mit Seilen hantiert – und dann wusste ich: Jetzt ist es soweit“, erzählt der 82-Jährige. Urnauer eilt nach Hause und zieht seine Schlittschuhe an. Schon nach kurzer Zeit hat er die Gruppe eingeholt. „Es war so um die minus 20 Grad kalt, und das Eis hat ziemlich heftig geknackt, aber umkehren wollten wir trotzdem nicht.“ Eines ist den Männern in diesem Moment klar: Was sie in diesem Augenblick erleben, ist einzigartig.

Für einen zugefrorenen Bodensee braucht es einen kalten Sommer

Viele Faktoren müssen zusammenkommen, damit der Bodensee auf seiner Breite von 14 und seiner Länge von etwa 63 Kilometern zufriert und eine so genannte See­gfrörne eintritt. Der Sommer davor muss kälter sein als normal, Ostwinde müssen für einen kalten Herbst sorgen. Und schließlich müssen im Winter arktische Temperaturen und Windstille herrschen. Solche Voraussetzungen sorgen schließlich dafür, dass das Eis auf dem See so dick ist, dass es Menschen trägt. Kommt das große Eis, ist das ein Jahrhundertereignis; die letzten Seegfrörnen vor 1963 gab es 1880 und 1830.

Nach Ansicht von Experten wird es eine Seegfrörne so schnell nicht mehr geben. „Die Wassertemperatur ist seit Mitte der ­60er Jahre um 1,2 Grad angestiegen“, sagt Herbert Löffler vom Institut für Seenforschung in Langenargen. Zwar könne es immer­ wieder auch einmal kältere Perioden geben. „Aber die werden sich im Bereich von Wochen bewegen, für eine richtige Seegfrörne braucht man dagegen Monate.“

Während Hermann Urnauer auf seinen Schlittschuhen unterwegs ist, führen die Männer vor ihm einen Schlitten mit Kompass, Fernglas und Leiter mit sich. Denn so aufregend das Unternehmen ist, so lebensgefährlich ist es auch: Bricht jemand ins Eis, wird er nicht wieder an derselben Stelle nach oben kommen. An jenem Tag sei er sich dieser Gefahr nicht so bewusst gewesen, sagt Urnauer. Erst Jahre später sei ihm klar geworden, dass er ziemlich leichtsinnig gewesen sei; immerhin seien zuhause seine Frau und zwei kleine Kinder gewesen.

Sogar Autos fuhren über den Bodensee

Altnau in der Schweiz ist das Ziel, das sind von Hagnau aus sieben Kilometer. „Nach zwei Stunden haben wir dunkle Umrisse ausgemacht und wussten, dass das nur das schweizerische Ufer sein konnte.“ Doch die dunklen Schatten am Horizont sind nicht etwa­ die Häuser von Altnau, sondern Pappeln am Ufer von Güttingen. Ein Schäferhund bellt die Fremden an, die Tür des Wirtshauses Schiff öffnet sich. „Ja, wo kommt ihr denn her?“, fragt der Wirt die dick vermummten Gestalten. Gulasch und Kartoffelbrei gibt es für die hungrigen Abenteurer. Die Expedition an jenem Morgen sollte einen wahren Sturm auslösen: Tausende Menschen machten sich noch am selben Tag und in den kommenden Wochen auf den Weg über das Eis – mit Schlittschuhen, Fahrrädern, Schlitten, zu Fuß und sogar mit Autos.

Auch Margarete Scheirle erinnert sich. Die damals 26-Jährige arbeitete am Bodensee und überquerte das Eis von Hegne aus. „Es war wie ein riesiges Volksfest, überall standen plötzlich Buden, an denen man Würstchen, Tee und Glühwein kaufen konnte“, erzählt sie. Am romantischsten sei für sie allerdings gewesen, dass ihr Verlobter gerade­ zu Besuch war. „Mit dem Zukünftigen Arm in Arm über den zugefrorenen Bodensee­ zu marschieren - wer kann das schon von sich behaupten?“, sagt Margarete Scheirle und lacht.

Ziemlich genau einen Monat dauert die Seegfrörne 1963; am 9. März ist der Spuk vorbei. Tausende spazieren in dieser Zeit von Deutschland in die Schweiz und zurück. Der Grenzschutz ist machtlos gegen die Massen, die jegliche Vorschriften außer acht lassen. Etwas Wichtigeres spielt jetzt eine Rolle: ein tiefer Wunsch nach Frieden und Verbundenheit. Bei jeder Seegfrörne findet daher eine Eisprozession statt, bei der die Büste des Heiligen Johannes Evangelista zwischen den katholischen Kirchengemeinden Münsterlingen in der Schweiz und Hagnau in Deutschland ausgetauscht wird. Seit 1963 steht der Heilige in der Pfarrkirche des ehemaligen Benediktinerklosters in Münsterlingen und wartet auf das nächste große Eis.

An diesem Samstag wird mit einer kleinen Prozession und einem ökumenischen Gottesdienst in Münsterlingen an den Heiligen und das große Eis gedacht. Am 16. Februar eröffnet die Sonderausstellung „Über eisige Grenzen – Seegfrörne vor 50 Jahren“ mit Bildern, Geschichten, Ton- und Filmaufnahmen im Hagnauer Museum. Das Jubiläumsjahr ist heute Anlass für viele grenzüberschreitende Veranstaltungen – und so wirkt die Seegfrörne fort.

 
 
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