Hagnau - Drei Monate hatten die Felchen im Bodensee Ruhe. Jetzt ist die Schonzeit zu Ende, die Berufsfischer warten schon darauf, ihre Netze auszubringen. Im Frühjahr werden aber auch Millionen von Fischen eingesetzt. Am Bodensee gibt es noch 109 Fischereipatente.
Bodenseefisch darf in den Gaststätten am Schwäbischen Meer auf keiner Speisekarten fehlen. Einheimische und Gäste schätzen das helle und feste Fleisch der Felchen - frisch mit Mandelbutter oder geräuchert mit Meerrettichsahne. Blaufelchen führen die Liste der beliebtesten Speisefische an. Die Berufsfischer holen darüber hinaus vor allem Saiblinge, Seeforellen und Aale heraus, außerdem Barsche, die auf der deutschen Seite Kretzer und auf der Schweizer Seite Egli genannt werden.
Arbeit im oft eisigen Wasser ist hart
Andreas Meichle ist einer von elf Berufsfischern in Hagnau, dem größten Fischerdorf am See. Er führt den Familienbetrieb in 14. Generation. Der 35-Jährige musste völlig überraschend den Betrieb übernehmen, nachdem sein Vater vor sieben Jahren auf dem See tödlich verunglückte. Nicht nur deshalb kann er wenig mit der vielgepriesenen Fischereiromantik anfangen: Die Arbeit im oft eisigen Wasser ist hart, der Fang nicht immer zufriedenstellend.
Meichle hat nach dem Tod des Vaters die Meisterprüfung als Fischwirt abgelegt. "Die Durchfallquote liegt bei 80 Prozent." Denn mittlerweile gehört der Abschluss als staatlich geprüfter Wasseranalytiker zum Beruf. An einem Gewässer wie dem Bodensee muss das wohl so sein. Der See ist der größte Trinkwasserspeicher Europas und versorgt vier Millionen Menschen mit dem lebensnotwendigen Nass. Das Wasser ist extrem sauber und weist gerade einmal sieben Milligramm Phosphor pro Kubikmeter auf. Erlaubt wären per Gesetz 43 Milligramm.
Was sich für Laien toll anhört, ist für die Fischer ein Übel: Denn dem Wasser fehlen Nährstoffe für die Fische. Gerade Felchen wachsen deshalb langsamer und stehen unter Schutz. Die Schonzeit dauert von 15. Oktober bis 10. Januar. Während dieser Zeit dürfen die 120 Meter langen und sieben Meter hohen Treibnetze nur an wenigen Tagen vor Weihnachten ausgebracht werden - ein Zugeständnis an die Berufsfischer, die sonst im Wettbewerb gegen die Vermarkter von Meeresfischen das Nachsehen hätten.
Bis März schlüpfen die Jungfische
Wenn sie allerdings während der Schonzeit Felchen herausziehen, sind sie verpflichtet, den Laich abzustreifen und noch auf dem Boot mit Samenwasser zu vermischen. "Felchenlaich muss innerhalb von drei Minuten befruchtet werden", sagt Meichle. Der befruchtete Laich ist 24 Stunden transportfähig und wird zu einer der fünf Fischbrutanstalten am See gebracht. Bis März schlüpfen die Jungfische. Im Frühjahr 2011 wurden 365 Millionen Felchen eingesetzt, von denen aber nur ein Promille pro Jahr überlebt. Und von diesen im nächsten Jahr wieder nur ein Promille, wie Meichle sagt.
Damit der Bestand der Felchen nicht gefährdet ist, werden nur vierjährige und ältere Fische gefangen. Fünf staatliche Fischereiaufseher machen Stichproben, ob die Netze auch wirklich eine Maschenweite von mindestens 40 Millimeter haben. Ansonsten drohen drakonische Strafen - Geldbußen, Fangverbote, Gefängnis.
Grundsätzlich dürfen alle Fischer am ganzen See die Netze auslegen - Reviere gibt es nicht. Im Gegenteil: Per Telefonkette verständigen sich die Fischer sogar, wo die Schwärme zu finden sind. Das ist im Frühjahr meist der obere See bei Bregenz und Lindau. Im Sommer sieht man die Boote dann in der anderen Richtung, bei Konstanz. Und im Herbst tummeln sich Fische und Fischer in der Mitte - vor Friedrichshafen. Warum das so ist, bleibt bisher noch das Geheimnis der Felchen. Zur Ruhe kommen die Fischer auch während der Schonzeit der Felchen nicht. Dann stellen sie ihre zehn auf zwei Meter großen Randnetze am Seegrund auf, um Barsche und Saiblinge zu fangen. Die haben erst im Mai Schonzeit. "Kretzerhetzer" werden am See ihre kleinen Fischerboote genannt, mit denen sie noch vor Sonnenaufgang hinausfahren, um die Netze zu ziehen. Die Restaurants am See erwarten bis spätestens 11.30 Uhr fangfrische Ware.
Filets verkaufen sich besser als ganze Felchen
"Hier bei uns wurden die ersten Filets am See gemacht", sagt Andreas Meichle. Die Fischer stellten nämlich fest, dass sich die weit besser verkaufen als ganze Fische. Bei Meichle wird der gesamte Fang selbst verarbeitet, 60 Prozent als Filet, 20 Prozent ausgenommen als ganze Fische und 20 Prozent als Räucherfisch. Doch die wenigsten Bodenseefischer säubern, filetieren und räuchern selbst: "Ich kaufe deshalb von vier Kollegen noch den kompletten Fang dazu", sagt Meichle. Sein Sortiment ergänzt er noch durch Forellen und Seefisch aus Hamburg.
Touristen und Einheimische müssen dann nur noch zugreifen: Meichle beliefert 16 Wochenmärkte, den Einzelhandel und 20 Gastronomen.