Bob Dylan in Tübingen Der Mann, der immer schon da war

Von Gunther Reinhardt 

Bob Dylan 2012 bei einem Konzert in Spanien. Am Sonntagabend hat der Altmeister in Tübingen gespielt. Foto: dpa
Bob Dylan 2012 bei einem Konzert in Spanien. Am Sonntagabend hat der Altmeister in Tübingen gespielt. Foto: dpa

Bob Dylan, das große Enigma der Rockmusik, hat bei seinem Konzert am Sonntagabend beim Sparkassen-Carré in Tübingen sein Gesamtwerk wieder einmal herrlich neu interpretiert.

Tübingen - Die Menschen sind verrückt und die Zeiten sind seltsam. Bob Dylan behauptet das in dem Song „Things Have Changed“, mit dem er sein Konzert am Sonntagabend im Tübingen eröffnet. Ein Konzert, das seltsam, verrückt und wunderbar werden sollte.

Das fiese, unheimliche Monster, das sich Bob Dylan als junger Mann ausdachte, hat tanzen gelernt. Während der inzwischen 74-jährige Dylan in dem surrealen Versepos „Desolation Row“ von Verzweiflung und Erlösung, von Jack Kerouac und Ezra Pound, von Cinderella und Casanova, von Albert EInstein und dem Holocaust erzählt, dreht sich dieses eins so knurrige Ungetüm leichtfüßig im Kreis – immer wieder angeschubst von einem Gitarrenriff, das schon immer in dieser Nummer geschlummert hat, aber erst jetzt nach fünfzig Jahren in den Vordergrund drängen darf.

Als Bob Dylan am Sonntagabend gegen Endes seines Konzert beim Sparkassen-Carré in Tübingen „Desolation Row“ so herrlich neu interpretiert, können einem auf einmal die Kälte und der Dauerregen nichts mehr anhaben. Sogar die Leute, die einem ständig mit ihren Regenschirmen die Sicht auf die Bühne versperren, sind vergessen.

8000 Besucher trotzdem am Sonntag dem schlechten Wetter, werden mit einem knapp zweistündigen Konzert belohnt, bei dem Dylan zwar sparsam mit den Liedern umgeht, die man als Hit bezeichnen könnte, sich aber mit einer ungewohnten Lässigkeit seinem Repertoire widmet. Nicht nur „Desolation Row“ wird dabei zu einem perfide umgedeuteten Kunstwerk, auch „Ballad Of A Thin Man“ und „All Along The Watchtower“ spielt Dylan mit seiner Band in raffiniert überarbeiteten Versionen, die beweisen, dass er immer noch der große Unberechenbare des Rock ist.

Es ist ein Abend voller hochwertiger Songinszenierungen. Mal lässt Dylan, der es sich angewohnt hat, nicht mit dem Publikum zu sprechen, die Stücke swingen („Spirit On The Water“), mal zum Boogie werden („Beyond Here Lies Nothin’“) – und sogar die Ahnung eines Discobeats verirrt sich einmal in die Show („Pay In Blood“). Außerdem gibt es ein Livepremiere: Frank Sinatras „Where Are You?“, das sich auf Dylans aktueller Platte „Shandows In The Night“ findet, hat er angeblich nie zuvor bei einem Konzert gespielt.

Die Menschen mögen verrückt und die Zeiten seltsam sein. Aber solange es einen wie Bob Dylan gibt, der davon erzählen kann, besteht noch Hoffnung.

Lesen Sie jetzt