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Blind Date mit Autor

"Filder-Zeitung", vom 09.09.2010 02:40 Uhr
Vaihingen. Michael Kleeberg hat als Überraschungsgast in der Schiller-Buchhandlung gelesen. Von Ursula Vollmer

Ich will ihn haben", sagte Michael Kleeberg am Dienstagabend in der Schiller-Buchhandlung augenzwinkernd-unverblümt und meinte den Deutschen Buchpreis 2010. "Ihn wollen wir haben", sagte Susanne Martin, die Inhaberin der Buchhandlung, und setzte den Namen Kleeberg ganz oben auf ihre Autoren-Wunschliste für eine Blind-Date-Lesung.

Auf die erhoffte Auszeichnung muss Kleeberg allerdings noch warten: Gestern reduzierten die Juroren die Zahl der Nominierten auf verbleibende sechs - ohne Michael Kleeberg zu berücksichtigen. Der Wunsch von Susanne Martin hingegen hat sich am Dienstag bereits erfüllt: Der Schriftsteller erschien zum "Blind Date" am Vaihinger Markt.

Für das Publikum, das sich auf diese originelle Vorlese-Idee eingelassen hatte, war das Wagnis freilich begrenzt: Zwar blieb der Autoren-Name bis zum Schluss geheim, bei den möglichen 20 Kandidaten handelte es sich aber immerhin um jene Nominierten, die die Jury nach einer ersten Auswahlphase noch auf ihrer "Long-List" versammelt hatte. Anerkannte deutschsprachige Schriftsteller also, die allesamt zu den Anwärtern zählten, im Buchjahr 2010 den besten Gegenwartsroman verfasst zu haben.

Dass die Organisatoren vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Vaihingen angefragt hatten, ob die Schiller-Buchhandlung zur Ausrichtung des Blind-Date-Leseabends mit einem der Titelanwärter bereit sei, machte Susanne Martin und ihr Team "schon ein bisschen stolz": Bundesweit waren ganze sechs Buchhandlungen beteiligt. Ihr Favorit hatte selbstverständlich sein fünftes, noch druckfrisches Werk mitgebracht: "Das amerikanische Hospital" erzählt "eine Frauengeschichte, einfühlsam geschrieben aus Männersicht", wie eine Zuhörerin feststellte.

Die Französin Hélène beobachtet darin, wie auf einem Krankenhausflur ein Mann zusammenbricht: Cote, ein traumatisierter Golfkriegs-Veteran, soll in der Pariser Klinik seine Depressionen loswerden, während Hélène mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung endlich schwanger werden will. "Die Belastungsprobe einer manchmal ebenso langwierigen wie zermürbenden In-Vitro-Fertilisation literarisch zu verarbeiten, hat mich schon lange gereizt", erzählte der in Stuttgart geborene Autor und Übersetzer, der nach etlichen Jahren in Paris heute in Berlin lebt.

Auf einer Reise durch den Nahen Osten nahm in seinem Hinterkopf aber auch die Figur des Soldaten Cote und seiner Kriegstraumata Gestalt an - der Gegenpol zu Hélène war geboren. Dieser Cote liebt die Poesie und versuchte in seinem Einsatzgebiet am Rand des mythischen Garten Eden gleichwohl, die militärische Befehlskette nie abreißen zu lassen, "damit das Gute siegt". Die Schilderung der tiefen Risse, die Cote ebenso wie Hélène das Leben schwer machen, nannte einer der Zuhörer in der voll besetzten Buchhandlung "gurgel-erdrückend".

Ein wenig zu schlucken hat nun auch der Autor. Ihm liege schon deshalb an dem Preis, hatte Kleeberg schmunzelnd erklärt, weil er sich an seiner Sparkasse nicht immer nur "mit hochgeschlagenem Kragen" vorbeidrücken wolle.

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