Bizarrer Rat vom Rettungsdienst Kamillentee statt Krankenhaus

Von Jürgen Bock 

Inzwischen ist Dieter Bossert wieder auf den Beinen – doch so manche Erfahrung der vergangenen Tage hätte er sich gerne erspart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Inzwischen ist Dieter Bossert wieder auf den Beinen – doch so manche Erfahrung der vergangenen Tage hätte er sich gerne erspart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein Mann windet sich des Nachts unter starken Bauchschmerzen. Doch die Leitstelle schickt keinen Notarzt. Als schließlich ein Rettungswagen kommt, gibt es zunächst bizarre Tipps statt rascher Hilfe. Der Betroffene fürchtet als Mitglied des Stadtseniorenrats jetzt um die korrekte Versorgung von Patienten.

Stuttgart - Es ist die Nacht auf den 21. Mai. In ihr macht Dieter Bossert „eine schmerzhafte Erfahrung“, wie er selbst sagt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Altstadtrat quält sich in seiner Wohnung über Stunden mit heftigen Bauchkoliken. Schließlich greift seine Frau zum Telefon und wählt den Notruf 112. Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Am anderen Ende der Leitung meldet sich die Integrierte Leitstelle von Rettungsdienst und Feuerwehr in Bad Cannstatt.

Der Disponent stellt einige Fragen. Und sagt dann Überraschendes. „Es hieß, der Notarzt arbeite nur bis 6 Uhr und komme jetzt nicht mehr. Wir hätten eine Stunde früher anrufen sollen“, erzählt Bossert. Schließlich erklärt sich der Disponent bereit, wenigstens einen Rettungswagen vorbeizuschicken – ohne Signal. Also kein dringender Einsatz. Dem Betroffenen kommt die Zeit bis zum Eintreffen endlos vor. Er spricht von über einer halben Stunde.

Als die Rettungswagenbesatzung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) schließlich in Luginsland eintrifft, geht es dem 76-jährigen Patienten miserabel. Doch es erwartet ihn die nächste Überraschung. Die beiden Helfer treten „vulgär und grenzwertig auf“, schildert Bossert die Situation. Einer der beiden habe unter anderem zu ihm gesagt, er solle halt „mal richtig kacken“ und Kamillentee trinken. Zudem habe man ihm empfohlen, ein paarmal die Treppe auf und ab zu gehen, und ihm schließlich eine überaus schmerzhafte Bauchmassage verpasst. „Ich bin behandelt worden wie ein alter Depp“, kritisiert Bossert.

Erst nach einem energischen Einschreiten seiner Frau wird der hilflose Patient schließlich ins Karl-Olga-Krankenhaus gebracht. Dort wird eine stark entzündete Gallenblase samt pfirsichkerngroßem Gallenstein festgestellt. Bereits wenige Stunden später liegt Bossert unter dem Messer. Das Organ muss komplett entfernt werden.

Der Altstadtrat ist im Stadtseniorenrat aktiv und fragt sich nach dieser Erfahrung laut, wie kompetent manche Retter in der Stadt sind – in medizinischer wie menschlicher Hinsicht. „Ich möchte den Verantwortlichen dringend empfehlen, die Mitarbeiter besser zu schulen“, sagt er. Und er wolle ­verhindern, dass gerade ältere Mitbürger in Zukunft ebenfalls nicht ernst genommen würden: „Es darf nicht sein, dass andere in eine noch schlimmere Lage kommen, weil sie vielleicht allein sind oder sich nicht wehren können.“ Sein Eindruck: Hätte seine Frau nicht massiv eingegriffen, hätte er in dieser Nacht keine Hilfe bekommen. Über die ­Folgen ließe sich nur spekulieren.

Beim Stuttgarter DRK ist Bosserts Beschwerde inzwischen eingegangen. Der Posten des Rettungsdienstleiters ist dort derzeit nicht besetzt, weil der bisherige Chef, Wilfried Klenk, zum Präsidenten des Landtags gewählt worden ist. Michael Weisbach, Leiter der Rettungsleitstelle, hat die Aussagen überprüft. Und kommt zum Schluss, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt haben dürfte. „Der Disponent hat den Anruf in einer ersten Einschätzung als Fall für den ärztlichen Notfalldienst eingestuft“, sagt er. Der kommt nachts ins Haus, wenn der Hausarzt nicht verfügbar ist, und hat mit einem Notarzt nichts zu tun. Die Dienstzeit geht nur bis 7 Uhr morgens. „Im weiteren Verlauf hat der Disponent sich dann aber entschlossen, einen Rettungswagen zu schicken“, sagt Weisbach. Der sei nach 22 Minuten eingetroffen. Er könne keinen Fehler erkennen.

Anders verhält es sich beim Auftreten der beiden Mitarbeiter in der Wohnung. „Wir müssen erst mit den Kollegen sprechen. Aber wenn das so war wie geschildert, geht das überhaupt nicht“, sagt Weisbach. Den Vorwurf, es mangele an Schulung und Wissen, will er nicht stehen lassen: „Die Mitarbeiter sind Rettungsassistenten. Sie haben die nötige Fachkompetenz, haben aber möglicherweise keine Sozialkompetenz bewiesen.“

Die Arbeit gerade für die Disponenten in der Cannstatter Leitstelle wird immer schwieriger. Rund 250 000 Notrufe gehen dort pro Jahr ein – Tendenz steigend. Immer häufiger rufen dort auch Menschen wegen Kleinigkeiten an, die weder Rettungsdienst noch Notarzt erfordern. Weisbach formuliert das elegant: „Die Anrufe nehmen zu, und es kommt vermehrt vor, dass die Bürger ein sehr hohes Anspruchsdenken haben.“ Das erfordert nicht nur das ganze Wissen des Disponenten am Hörer, sondern bringt die Retter auch immer wieder in Verzug.

Fälle wie der von Dieter Bossert gehören freilich nicht in diese Kategorie. Sondern in die der schmerzhaften Erfahrungen.

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