Bio-Bauer und Politiker im Gespräch Deutschland mit Bio-Lebensmitteln "hoffnungslos unterversorgt“

Von Walther Rosenberger 

Seit 46 Jahren im Geschäft: Bio-Bauer und Politiker Friedrich Ostendorff Foto: StN
Seit 46 Jahren im Geschäft: Bio-Bauer und Politiker Friedrich OstendorffFoto: StN

Die Regale der Discounter quellen über vor Biolebensmitteln. Gut geprüfte Öko-Ware aus Deutschland ist mitunter aber fast nicht mehr verfügbar, sagt der Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff.

Stuttgart - Herr Ostendorff, Konkurrenz durch Biogasanlagen, Schmu bei Biosiegeln – steckt der Biolandbau in der Krise?
Mir macht am meisten Sorge, dass es in Deutschland viel zu wenig deutsche Bioprodukte gibt. Der Markt ist hoffnungslos unterversorgt – und zwar mit zunehmender Tendenz. Es gibt viel zu wenig hier ökologisch erzeugtes Fleisch, Milch, Gemüse und Getreide.
Wie bitte? In jedem Supermarkt quellen die Bioregale doch über.
Aber nur auf den ersten Blick. Es besteht ein echter Mangel an in Deutschland hergestellten, hochwertigen landwirtschaftlichen Bioprodukten.
Macht es denn einen Unterschied, wenn der Kunde zu ausländischen Bioprodukten greift?
Grundsätzlich betrachte ich es als die falsche Entwicklung, dass immer mehr Lebensmittel, die ohne weiteres auch hier angebaut werden könnten, importiert werden. Allein schon, weil lange Transportwege die Öko-Bilanz der Waren stark beeinträchtigen können. Es gibt aber noch ein echtes ­Problem für den Verbraucher. Wenn Sie die Produktion von Biolebensmitteln etwa in China anschauen, kann Ihnen manchmal das Grausen kommen.
Geht das konkreter?
Ich hatte die Gelegenheit, mir das dort anzusehen. Da sehen Sie Schweineställe, die unter dem Biosiegel firmieren, wo hinter dem Stall aber Chemikalienkanister stehen, die da definitiv nicht hingehören. Und wenn ich mir dann noch überlege, dass solche ­Produkte hier landen können, kann ich als Biolandwirt nur sagen: „Schluss, damit ­habe ich nichts zu tun.“
Warum ist das so? Kontrollen gibt es doch.
Natürlich müssen sich solche Betriebe von Kontrolleuren überwachen lassen, die in der EU anerkannt sind. Sonst könnten die ­Produkte hier nicht vermarktet werden. Aber da gibt ist ganz offensichtlich erhebliche Pannen. Sogar in Europa ist das der Fall, wo je nach Land unterschiedliche Standards herrschen. Deutsche Erzeuger werden bis zu zweimal im Jahr kontrolliert. Außerdem gibt es noch unangekündigte Kontrollen, die nach dem Losverfahren ausgewählt werden.
Wo sind die Missstände besonders groß?
Ich persönlich sehe Auslandsware aus ­Drittländern generell kritisch, da oft schwer nachvollziehbar ist, wie genau die Waren produziert wurden und es Probleme bei den Kontrollen gibt. Die Definition von ­biologischem Landbau ist in Rumänien, Polen oder sogar in Italien eine andere als bei uns. In Deutschland muss man meiner ­Meinung nach auf die Geflügelhaltung einen genauen Blick werfen. Da gibt es ­Großkonzerne, die plötzlich mit eigenen Firmentöchtern ­Bioeier, -hähnchen und -puten in großen Mengen herstellen. Das sind riesige Betriebe mit Zehntausenden von Tieren. Mit dem Gedanken von Bio hat das wenig zu tun.
Erzeugern und Handel bleibt ja gar nichts anderes übrig, als auf Auslandsware auszuweichen, wenn die deutschen Bauern viel zu wenig produzieren . . .
Ich sehe das Problem, keine Frage. Es gibt sogar viel zu wenig Biomilch aus Deutschland. Wir wollen Biofleisch, aber es gibt viel zu wenige Biomäster hier. Andererseits haben wir ein absolutes Überangebot verbunden mit einem dramatischen Preisverfall auf der konventionellen Seite. Ich verstehe ­meine Kollegen und Kolleginnen da nicht, warum sie nicht überlegen, auf biologischen Landbau und biologische Tierhaltung umzusteigen.
Es kommt ja noch dicker. Viele Biobauern wechseln ja auch wieder zur konventionellen Erzeugung zurück . . .
Auch unter den Bäuerinnen und Bauern gibt es Konjunktur-Ritter, die immer auf den Zug aufspringen, der grade am schnellsten fährt. Vor einigen Jahren war das der Biolebensmittelmarkt, weil damals – etwa Anfang der 2000er Jahre – die Förderungen für Öko-Landwirte recht komfortabel waren. Das ist heute nicht mehr der Fall, und daher produzieren solche Landwirte jetzt lieber Biogas und bauen dafür Mais in rauen Mengen an. Das bringt noch deutlich mehr Geld als Bioprodukte.
Wird Biolandbau nicht auch unattraktiver, weil die Preise für Öko-Lebensmittel zusehends verfallen?
Aus meiner Warte stimmt das nicht. Der Preis für konventionelle Schlachtschweine liegt bei ruinösen 1,40 Euro je Kilo. Vor über 20 Jahren habe ich einen Fleischbetrieb für Öko-Tiere mitgegründet. Da werden heute pro Woche 300 Öko-Schweine verarbeitet. Wir zahlen aktuell 3,25 Euro je Kilo für sehr gute Schlachtschweine. Trotz der hohen Preise suchen wir dennoch händeringend nach Bäuerinnen und Bauern, die uns beliefern. Wir haben immer zu wenig Ware und müssen Kunden oft vertrösten. Auf die ernst gemeinte Frage, wie hoch der Preis denn sein müsste, um über eine Umstellung nachzudenken, bekomme ich von den konventionellen Kolleginnen und Kollegen leider nie eine Antwort. Oder nehmen Sie Getreide: Für Bioweizen bekommen Sie aktuell fast das 2,5-Fache wie für normalen Weizen. Das lohnt sich, trotz der geringeren Erträge. Man kann auch den Milchpreis anführen: Der Preis je Liter Milch fällt jede Woche mehr in Richtung 30 Cent pro Liter. Das ist ein extrem tiefes Niveau und lange nicht mehr auskömmlich. Der Biomilchpreis ist mit 48 Cent dagegen zum Glück nach wie vor recht gut . Da frage ich mich: Warum stellen die Bauern dennoch nicht um?
Ja, warum?
Neben einer Summe an individuellen Gründen, dass die Betriebe beispielsweise mit hohen Krediten belastet sind, gibt es eine zunehmende ideologische Barriere. Die Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Bauernverband (DBV) und namentlich seinem Präsidenten Joachim Rukwied, der für Weltmarktorientierung und immer größere Betriebe steht, und alternativen Erzeugern ist so scharf, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe. Und ich bin seit 46 Jahren im Geschäft. Da wird immenser Druck auf die einzelnen Erzeuger aufgebaut, die bäuerliche Solidargemeinschaft nicht zu verlassen und mit Öko-Landbau einen eigenen Weg zu gehen. Das macht es vielen schwer, sich für Öko zu entscheiden.
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