Das Gasthaus Ochsen, vermutlich gebaut zwischen 1850 und 1870, sieht nicht so aus, als könnte ein Sturm es aus den Angeln heben. Es ist kurz vor sieben Uhr abends. Zwei Gäste. Der eine wartet, der andere geht. Wir wollen erst essen, dann reden. Sven Thümmel hat in der Küche zu tun, seine Kochjacke zieren schwarzweiße Knöpfe mit Smileys. Die Karte ist schnell gelesen. Auf der einen Seite Aperitifs, Tomatencremesuppe und Pilzrahmsüppchen ("unsere Süppchen"), drei kalte, ein vegetarisches und vier Gerichte, die eine südliche Idee von Europa in den Ochsen tragen. Spaghettini mit Lachswürfeln in Tomatensugo (9,50), mediterrane Tagliatelle mit gebratenen Riesengarnelen; die gebratene Gänsestopfleber an Apfelconfit mit Salatbouquet und das Duo von Atlantikfischen auf Pestonudeln mit geschmolzenen Tomaten à 14,90 Euro.
Auf der anderen Seite Flädlesuppe (3 Euro), Schwäbischer Wurstsalat mit Schwarzwurst und Brot (6,70), Linsen mit hausgemachten Spätzle und Saiten, Svens Kutteln im Trollingersößle mit Brägele (Bratkartoffeln) geschmälzte Maultaschen (7,90), schwäbisches Feinschmeckergeschnetzeltes mit Bandnudeln (10,50), "Schwabenteller" - Medaillons vom Schweinefilet in Champignonrahmsauce, handgeschabten Spätzle und Salatteller (13,20), Zwiebelrostbraten mit handgeschabten Spätzle und Salat (14,90).
Die freundliche Bedienerin rät zu Essig. Wir trinken die Tränen der Cleopatra vom pfälzischen Weinessiggut Doktorenhof aus mundgeblasenen Kölbchen auf langen Stielen. Wir verziehen keine Miene. Fast. Selbstliebe treibt den Essigmacher Georg Heinrich Wiedemann zum Gesülze. "Der kleine Kegel im Glas hilft dem Essig sein unnachahmliches Aroma nach Sherrytönen, weinigen Aromen, milden Düften und bedächtigen Noten der alten Eichenfässer zu erschließen. Der lange Stiel des Glases mit der um die eigene Achse im Halbformat gedrehten Schlaufe hilft Ihnen, unseren Essig langsam und bedächtig auf die Zungenspitze gleiten zu lassen." So lesen wir es zu Hause auf der Website und drehen uns im Halbformat um die eigene Achse. Untypisch für ein Gasthaus sind die Namen der offenen Weine aus Württemberg und der Pfalz (von 3,20 und 3,90 Euro das Viertel) und die Auswahl an italienischen, französischen, spanischen und deutschen Flaschenweinen.
Weiße Tischdecken, Tischdekoration mit blauen Kerzen und roten Tulpen. 40 Personen fänden hier Platz, 18 im Nebenzimmer. Traditionell drapierte Spitzenvorhänge, handgeklöppelt, wer weiß. Eine schlanke Säule steht im Weg. Am Nebentisch isst die Frau Matjesfilet Hausfrauen-Art mit Petersilienkartoffeln (8,20), er Linsen. Die Teller sind heiß. Unsere Kutteln haben die Kraft eines Konzentrats. Ein baumlanges Paar betritt die niedere Stube. Sie ziehen den Kopf ein. Ein Herr mit großen Ohren setzt sich vor sein Bier und sagt lange nichts. Er wird später, wenn der Fotograf Bilder macht, die Gäste unterhalten. Paul Schütz war Fußballfunktionär und steht gern im Mittelpunkt. Er weiß alles über Ingersheim und die Ingersheimer, den Krieg.
Der Ochsen ist ein Esslokal. Gemüse, Salate, Fleisch - was möglich ist, stammt von den Höfen der Gegend. Kürbisse, Pilze, Lamm. Täglich ein anderes Mittagsgericht für 5,50 Euro. Der Ochsen gehört den Stammgästen. Sven Thümmel lernte spät, mit 19, kochen. Nach der Lehre im Schlosshotel Monrepos zog es ihn hinaus. Er kam viel herum, aus dem Commis wurde der Küchenchef und behauptete sich in der Gourmetgastronomie. Thümmel erzählt, dass er mal in der Fußball-Nationalmannschaft der Sterneköche spielte. Als der Ochsen zur Disposition steht im Juli 2002, wird nach zehn Jahren der Weg frei für die Rückkehr ins gutbürgerliche Milieu. Die Zeit in der Gourmandise wirkt nach. Von der Tour d'Horizon durch Deutschland erzählen Crème brûlée mit Extras und komplementär genossener Huxelrebe Auslese. 22 Uhr. Wir hatten nicht vorgehabt, so lange zu bleiben.
Gasthaus Ochsen, Bietigheimer Straße 1, 74379 Ingersheim, 0 71 42 / 6 69 42, Fax 0 71 42 / 7 79 79 33, www.ochsen-ingersheim.de. Öffnungszeiten: warme Küche von 12 bis 14 und von 18 bis 21.30 Uhr. Samstagmittag geschlossen. Dienstag Ruhetag.