Besoffene Bienenvölker

Von "Blick vom Fernsehturm" 

Hohenheim. Die Uni erforscht im EU-Auftrag das Bienensterben. Berufsimker halten das für vertane Zeit. Von Marc Schieferecke

Hohenheim. Die Uni erforscht im EU-Auftrag das Bienensterben. Berufsimker halten das für vertane Zeit. Von Marc Schieferecke

Die Uni Hohenheim meldet den Auftrag als Erfolg. Sie ist als eine von elf Hochschulen Europas auserwählt, das Bienensterben zu ergründen. Auftraggeber ist die EU. Der ist die Studie drei Millionen Euro wert, 250 000 davon kassieren die dauerklammen Hohenheimer. Vier Jahre lang soll erforscht werden, woran die Bienen weltweit verenden. Das sollte die Imker erfreuen. Stattdessen winkt Walter Haefeker ab. "Wenn wir warten, bis der letzte Wissenschaftler überzeugt ist, ist es für die Bienen zu spät", sagt er. Haefeker ist Präsident des Europäischen Verbands der Berufsimker.

Er kehrt eben zurück aus den USA. Dort "wird das Problem sehr viel ernster aufgenommen", sagt er - weil es kaum noch genügend Bienen gibt, um die Landwirtschaft am Leben zu halten. Zur Zeit der Mandelblüte werden sämtliche Bienenvölker Nordamerikas nach Kalifornien gekarrt. 77 Millionen Mandelbäume wollen dort bestäubt werden. Vier Wochen später fahren die Bienentransporter neuen Aufgaben entgegen. Sinkt die Zahl der Völker weiter, ist mehr in Gefahr als gebrannte Mandeln: Ein Drittel der Lebensmittelproduktion ist ohne Bienenbestäubung unmöglich.

Vergangenen Winter sind den US-Imkern ein Drittel ihrer Völker weggestorben. So geht das seit Jahren. In Deutschland sind die Todesraten niedriger, aber um die 25 Prozent sind üblich geworden. Etwa die Hälfte wäre normal, sagt der Hohenheimer Bienenkundler Peter Rosenkranz, der die Studie leiten wird, mit der die Schuldfrage geklärt werden soll: Ist der Killer die berüchtigte Varroa-Milbe, ein Parasit? Sind es andere Krankheiten oder schädigen gar die Imker selbst ihre Völker, weil sie sie falsch behandeln? Oder ist es Insektengift, das Landwirte einsetzen? "Zu sagen, die Pestizide hätten keinen Einfluss, ist Quatsch", sagt Rosenkranz, hält aber die Varroa-Milbe für den Hauptschuldigen.

Studien zum Bienentod gibt es längst. So wurde mit ministerialem Segen und Tamtam eine groß angelegte Untersuchung begonnen, das deutsche Bienenmonitoring, im Jahr 2004. Habhafte Ergebnisse liegen noch immer nicht vor, an Zwischenberichten zweifelten Fachleute, vor allen Haefeker. Der hatte die Imkerschaft offiziell über den Stand der Erkenntnisse zu informieren. Das tat er in Aufsätzen mit Titeln wie: "Verraten und verkauft" oder "Der Erfolg liegt vor den Fluglöchern".

Rosenkranz" Schluss aus der Feldforschung ist, dass in freier Flugbahn "harte Zahlen nicht richtig zu fassen sind". Deshalb werden im EU-Auftrag Bienenvölker unter Laborbedingungen Mixturen von Schadstoffen und Schädlingen ausgesetzt.

Haefeker bezweifelt nicht, dass das Bienensterben mehrere Ursachen hat. Allerdings gilt der Auslöser unter den Imkern als ausgemacht: die Agrochemie. Insektengifte unterscheiden eben schwerlich zwischen Schädlingen und Nützlingen, aber ihr Einfluss ist umstritten. Mit Ausnahme eines Falles: 2008 starben nahe Freiburg 330 Millionen Bienen am Gift Chlothianidin, das die Bayer-Tochter Crop Science verarbeitet. Die Bauern wollten ihre Maisernte damit vor Schädlingen schützen. Dass Chlotianidin der Auslöser des Massensterbens war, gilt als bewiesen. Die Konsequenz der Erkenntnis: keine. Die Bayer-Tochter setzte sich mit der These durch, es habe sich um einen Anwendungsfehler gehandelt. Die Imker protestierten mit Demonstrationen. Ihre Verbände schickten Protestnoten an Bundesregierung und EU-Parlament. Die Reaktion blieb dürftig.

Angesichts solcher Fälle argwöhnen die Honigproduzenten, dass "mit neuen Studien nur auf Zeit gespielt wird", sagt Haefeker, "Konzerne verdienen mit dieser Art Landwirtschaft eben viel Geld". Der Zorn der Imker richtet sich vor allem gegen die Giftgruppe der Neonicotinoide, zu denen auch Chlotianidin gehört. In Tests wird nur überprüft, welche Dosis Bienen überleben. Das halten die Imker für puren Unsinn, denn Neonicotinoide sind Nervengifte. Deren Wirkung "kennt jeder aus der Kneipe", sagt Haefeker, "man stelle sich vor, wie unser Staat funktionieren würde, wenn wir alle ständig volltrunken wären".

Vernebelt vom Nervengift, finden die Bienen den Rückweg in ihre Stöcke nicht mehr. Die getanzte Mitteilung, wo Nahrung zu finden ist, missrät genauso wie die Arbeitsteilung. Vernachlässigen die Bienen die Hygiene in ihren Stöcken, breiten sich Schädlinge aus. "Jede Biene ist wie die Zelle eines Organismus", sagt Haefeker, "den bringt das Gift durcheinander, lange bevor die einzelne Biene tot ist".

Andere Länder haben verschiedene Nicotinoide verboten. In Deutschland nehmen die Regierenden die Gefahr eher beiläufig zur Kenntnis. Die Hoffnung auf Hilfe aus Berlin "ist bescheiden", sagt Haefeker, "die Parteispenden, die Imker geben, halten sich in Grenzen". Statt mit Politikern setzen sich die Honigproduzenten inzwischen lieber mit Landwirten zusammen. Das Ziel ist die Abkehr von der industrialisierten Lebensmittelproduktion. In der klassischen Landwirtschaft haben die Bienen ihren natürlichen Platz. Kaufbarer Erfolg dieser Bemühungen ist die "Faire Milch", für die Imker werben. Die steht bei Rewe in den Regalen, dort "wird kein Produkt häufiger nachgefragt", sagt Haefeker.

In den USA hat die Acht-Millionen-Metropole New York zur Rettung der Bienen beschlossen, das Verbot der Imkerei aufzuheben. Was widersinnig scheint, ist sinnvoll: In Großstädten leben Bienen inzwischen gesünder als in den chemieschwangeren Monokulturen auf dem Land.

Redaktion Degerloch

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Cedric Rehman
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