Bernhard Richter übers Chorsingen „Die Dosis macht das Gift“

Von Susanne Benda 

Bei den Stuttgarter Stimmtagen dabei: der Staatsopernchor Stuttgart (hier in „Actus Tragicus“ Foto: A. T. Schaefer
Bei den Stuttgarter Stimmtagen dabei: der Staatsopernchor Stuttgart (hier in „Actus Tragicus“ Foto: A. T. Schaefer

„Chor – Ensemble – Kollektiv“ ist das Thema der 10. Stimmtage, die von diesem Freitag an in der Musikhochschule Stuttgart stattfinden. Mit gesundheitlichen Aspekten des Chorsingens beschäftigt sich der Freiburger Sänger und Arzt Bernhard Richter.

Stuttgart – - Herr Richter, kann Chorsingen krank machen?
Nein.
Macht Chorsingen gesund?
Ja – wenn es vernünftig gemacht wird. So ist beispielsweise erwiesen, dass kulturelle Betätigung die Lebenserwartung erhöht. Außerdem haben Forschungen ergeben, dass das Immunsystem des Menschen durch eigenes sängerisches Tun noch positiver stimuliert wird als nur durch passive Teilhabe.
Das gilt aber nicht nur für das Singen.
Ja, aber das Besondere bei der Stimme ist, dass sie jedem gegeben ist und dass jeder mit ihrer Hilfe Gefühle ausdrücken kann. Stimmlicher Ausdruck ist Teil unserer Sprache. Diese Sprache hat musikalische, sogenannte prosodische Elemente – das sind Variationen von Tonhöhe, Rhythmus und Lautstärke und Klang, und diese Elemente werden auch im Chorgesang eingesetzt.
Spielt es eine Rolle, dass man als Chorsänger zusammen mit Gleichgesinnten aktiv ist?
Ja. Gerade bei Laienchören spielen die sozialen Faktoren eine entscheidende Rolle.
Warum sind Chorsänger eigentlich so obrigkeitsgläubig?
Sind sie das? Wenn ja, dann wäre eine mögliche Erklärung, dass sie strukturiert sein müssen, damit das Klang-Ergebnis nicht chaotisch ist. Das gilt aber für jede Gruppe, die sich einer Führungspersönlichkeit unterordnet. In den 50er Jahren gab es ja diese von Adorno angestoßene Debatte, ob im gemeinschaftlichen Singen noch Einflüsse der Nazizeit erkennbar seien. Natürlich wurde der Masseneffekt des Chorsingens damals missbraucht, aber das ist heute nicht mehr das Thema.
Sind die körperlichen Vorgänge beim Chorsingen andere als beim solistischen Singen?
Physiologisch gesehen ist der Vorgang beim solistischen Singen und beim Chorsingen relativ ähnlich. So ist zum Beispiel die Atmungsaktivität erhöht – was bewirkt, dass man sich selbst nach der Aufführung eines zweistündigen Werkes frisch fühlt. Man hat während des Singens viel und strukturiert geatmet. Weil sich Chorsänger in einer Gruppe an andere anpassen müssen, sind der Höreindruck und die Koordinationsleistung aber anders als bei Solisten. Die Einzelstimme soll ja nicht herausragen, sondern mit den anderen verschmelzen. Solistisches Singen funktioniert eher auch über die Kinästhetik – das ist eine Fühlwahrnehmung, die Sänger entwickeln, wenn sie mit einem großen Orchester zusammen musizieren und sich nicht nur auf ihr eigenes Gehör verlassen können.
Was ist der Lombard-Effekt?
Mit diesem Begriff bezeichnet man die Tatsache, dass Stimmen bei hoher Umgebungslautstärke unwillkürlich selbst lauter und höher werden. Das ist in Chören eine Gefahr, man muss daran arbeiten, dass das nicht kollektiv passiert,
Sind untrainierte Stimmen anfälliger für Stimmband-Erkrankungen?
In begrenztem Maße schon. Aber wirklich untrainierte Stimmen gibt es eigentlich nicht. Grundsätzlich ist die Stimme wie unser Bewegungsapparat auf Dauerbelastung angelegt.
Haben Sie in Ihrem Institut Chorsänger in Behandlung?
Ja, wobei die meisten Probleme bei Chorsängern Alterserscheinungen sind. Von Stimmlippenerkrankungen, im Volksmund auch „Knötchen“ genannt, sind viel häufiger Solisten betroffen – und Menschen, die ­gar nicht singen. In einer großen ­Lehrerstimmstudie haben wir herausgefunden, dass Lehrer mit Chorerfahrung eine deutlich leistungsstärkere Sprech­stimme besitzen. Man kann also sagen: Wer im Chor singt, fördert die Gesundheit seiner Stimme.
Leidet der Stimmapparat mehr unter Singen oder mehr unter Sprechen?
Er leidet unter falschem Gebrauch. Schwierig wird es nur, wenn Anforderungen und Leistungsfähigkeit nicht überein­stimmen.
Macht das Singen von Neuer Musik krank?
Nicht mehr als das Singen anderer Musik. Dabei spielen sicherlich emotionale Faktoren eine Rolle: Wenn ich Neue Musik mag, singe, dann habe ich weniger Probleme, auch wenn es mich an die Grenzen meiner stimmlichen Möglichkeiten bringt. Und für Schwieriges braucht man einfach Übung. Nach den ­Donaueschinger Musiktagen haben wir nicht mehr Patienten als vorher. Und auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift.
Was können wir tun, damit heute wieder mehr gesungen wird?
Es geht nicht darum, eine Archäologie des Instrumentes durchzuführen, sondern es geht um eine Archäologie des Verhaltens. Bei jedem Kind ist das Instrument zum Singen noch angelegt. Das Singen ist da, es wird nur nicht ausreichend und überall praktiziert. Dass Chöre überaltern, stimmt zwar, aber physiologisch gesehen könnte man dies jederzeit ändern. Deswegen sollten Schulchöre mehr gefördert und nicht gestrichen werden. Sogar so schwierige TV-Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ können helfen, dass die Stimme wieder ein Thema wird. Die Gesundheit ist ein Aspekt, aber der gesellschaftliche ist fast noch wichtiger.

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