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Belgien Fußbodenheizung fürs Gemüse

Uli Traub aus Kampenhout, vom 22.02.2012 05:00 Uhr
Der belgische Starkoch und Chicorée-Experte Felix Alen widmet ganze Menüs dem Nationalgemüse. Foto: Flandern-Tourismus
Der belgische Starkoch und Chicorée-Experte Felix Alen widmet ganze Menüs dem Nationalgemüse. Foto: Flandern-Tourismus

Kampenhout - Na klar, wenn man an Gaumenfreuden in Belgien denkt, fallen einem schnell Bier und Pommes frites ein. Dieses lukullische Duo wird durch ein Gemüse, das sich in unseren Breiten nicht gerade großer Beliebtheit erfreut, zu einem Dreigestirn. Der Chicorée ist zumindest im flämischen Teil des Landes so etwas wie die Nationalknolle.

Jetzt im Winter knien viele Bauern nordöstlich von Brüssel, zwischen den historischen Städten Mechelen und Leuven, wieder auf ihren Feldern und buddeln in Handarbeit Gemüse aus der Erde. Ja, richtig gehört: Bei der traditionellen Chicorée-Ernte sind die Hände das wichtigste Arbeitsmittel. „Mit unserer Anbau- und Erntemethode erzielen wir die besten Ergebnisse“, weiß Danny de Winter. Sein Chicorée wird selbst von Feinschmeckern geschätzt.

Der Bauer aus der Chicorée-Metropole Kampenhout erklärt, dass man die Wurzel der blau blühenden Zichorie, einer Rübenpflanze, die im Herbst gesät wird, lagert, bis sie nach circa sechs Wochen einen Spross treibt. Wurzel samt Trieb werden dann aufs Neue eingebuddelt - mit den Händen. „Damit sich der Spross, der spätere Chicorée, gut entwickelt, sorgen wir für konstante 16 Grad im Beet“, sagt de Winter. Wie? Mit einer Fußbodenheizung. Jetzt dauert es noch einmal drei Wochen, bis das Gemüse ausgegraben werden kann. Danny de Winter trennt dann mit geschultem Griff den Chicorée von der Wurzel. Danach entfernen fleißige Hände von Familienangehörigen und Freunden die Außenblätter und rücken dem Schmutz mit Pinseln zu Leibe. Schon ist das Wintergemüse verwendungsfertig.

Der Fernsehkoch Felix Alen ist Chicorée-Fan

Felix Alen ist Fernsehkoch und ehemaliger Küchenchef der königlichen Familie. Vor allem aber ist er Chicorée-Fan. Ihm sind Erzeugnisse aus der Heimat lieber als exotische Produkte. „Chicorée ist unsere beste Waffe gegen die Geschmacksverflachung“, sagt Alen. Er hat dem Gemüse gleich ein ganzes Kochbuch gewidmet, das zeigt, wie vielfältig die Verwendungsmöglichkeiten sind. Die bittere Note des Chicorées, auf der Skala der gängigen Geschmacksnuancen die Ausnahme, betrachtet der Koch als Vorteil. „Karamellisieren Sie einfach den köchelnden Chicorée mit ein bisschen Zucker. Bitter und süß, das ist ein himmlischer Kontrast.“

Durch ein barockes Tor betritt man die abgeschiedene Welt des Beginenhofes von Diest, den die Unesco als Weltkulturerbe eingestuft hat. Dutzende historische Häuschen gruppieren sich in mehreren Kopfsteinpflastergassen um eine Kirche. In dieser stillen Stadt in der Stadt befindet sich das Hauptquartier von Felix Alen im Kampf gegen die Verflachung des Geschmacks. In einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das hinter einem Kräutergarten liegt, hat der Koch vor ein paar Jahren Xaverius gegründet, das flämische Zentrum für Ess- und Tafelkultur. Klar, dass in Alens Kochschule auch Chicorée auf dem Lehrplan steht.

Ein kurzer Spaziergang ist es vom Beginenhof zum Restaurant De Proosdij. Ein Blick auf die Speisekarte zeigt: Felix Alen ist nicht allein. Chicorée-Suppe, Seezungenstreifen auf Chicorée-Salat, Fasanenbrust an karamellisiertem Chicorée - im Winter gibt es ganze Menüs, die sich dem Nationalgemüse widmen. Auch in der Sterne-Gastronomie hat es also seinen festen Platz. „Chicorée gehört eben zu dieser Gegend und zu unserer Küche.“ Anny Smets, von einem englischen Magazin zur Köchin des Jahres 2007 gekürt, erzählt, dass es eigentlich nur die deutschen Gäste seien, die sich über ihre Kreationen des bitteren Gemüses wunderten.

Dem Gemüse wurde ein Museum gewidmet

Zurück im Chicorée-Zentrum Kampenhout vor den Toren Brüssels. Hier hat man dem Gemüse sogar ein Museum gewidmet. Es macht die wirtschaftliche Bedeutung des Chicorée-Anbaus deutlich und zeigt, dass das Gemüse ein original belgisches Produkt ist. War es doch ein Brüsseler Botaniker, der Mitte des 19. Jahrhunderts eher durch Zufall entdeckte, dass aus den im Dunkeln gelagerten Zichorienwurzeln schmackhafte Triebe sprossen. Vom Allroundtalent des Chicorées kann man sich im benachbarten Restaurant, wo das Gemüse auf globalisierte Weise gereicht wird (norwegisch mit Salm oder texanisch mit Spareribs), überzeugen.

Wer sich von Kampenhout aus auf den Chicorée-Wander- oder -Radweg durch das Bauernland macht, wird an vielen Chicorée-Höfen vorbeikommen. Die meisten von ihnen setzen aber auf Hydrokultur. In diesen Betrieben stapeln sich die Knollen in Wasserwannen. Diese Zucht ist nicht nur für den Rücken schonender, sondern auch für das Portemonnaie. Und der Geschmack? Für Danny de Winter und Felix Alen keine Frage: „Der traditionell angebaute Chicorée hat einen intensiveren Geschmack“, erklären sie unisono. Wer in die Heimat der belgischen Nationalknolle reist, kann die Probe aufs Exempel machen.

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