Bei Familie Lück ist alles in Ordnung - trotzdem

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim Ingolf Lück spielt das Publikum im Rathaus und nicht auf dem Salamander-Areal schwindelig. Von Gaby Mayer-Grum

Kornwestheim Ingolf Lück spielt das Publikum im Rathaus und nicht auf dem Salamander-Areal schwindelig. Von Gaby Mayer-Grum

Manne, Bene und Alfi haben die Programmänderung verpasst. Ingolf Lücks beste Kumpels stehen auf dem Salamander-Areal. Ganz alleine. Dabei würden sie jetzt so gerne ein, zwei oder auch fünf Bierchen mit Ingolf zischen - oder noch besser aus dem Bauchnabel einer süßen Kellnerin schlürfen. Doch daraus wird nichts. Weil die Stadt wegen des anhaltenden Regens den Auftritt des Kabarettisten im Rahmen des Kulturwerks kurzfristig ins Rathausfoyer verlegt hat. Und weil - und darum geht"s in Lücks rund zweistündigem Soloprogramm - für den über 50-jährigen zweifachen Vater inzwischen Kinderdienst statt Kneipentour angesagt ist. "Heute, an einem Sonntagabend", sagt Lück, "sind meine Rock"n"Roll-Zeiten vorbei. Im Rathaus von Kornwestheim. Schöner kann"s nicht kommen."

Das fanden auch die rund 120 Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich - weil auf ein feucht-kaltes Open-Air eingestellt - im mollig-warmen Foyer aus dicken Pullovern schälten und die Regenjacken über die Stuhllehnen hängten. In einer "Amtsstube mit Fernschreiber, echten Ordnern und einem Telefon, mit dem man nichts anderes tun kann als telefonieren" hatte sich der Künstler auf seinen Auftritt vorbereitet - und der verlief auch auf der spontan aufgebauten kleinen Rathaus-Bühne rasant und amüsant.

Ingolf Lück, in Jeans, blassgrauem Hemd und wirrer Eben-aus-dem-Bett-gehüpft-Frisur, präsentiert sich von der ersten Sekunde an als echter Theatermann. Im wilden, gestenreichen Spiel und mit blitzschnell auf das Publikum einprasselnden Pointen stellte er nicht nur seine drei imaginären Kumpels Manne, Bene und Alfi vor. Auch Lücks Ehefrau ("Sie ist wie meine Lieblingsplatte von Pink-Floyd. Über 40, mit jeder Menge Kratzer. Ich kann sie nicht jeden Tag hören, aber ich würde sie niemals verleihen."), die Kinder Lilli und Gustav ("Sechs und vier Jahre alt, vor dem Gesetz noch nicht schuldfähig, aber schon Vollzeitterroristen.") und jede Menge Nachbarn und weitere Statisten bevölkern die Bühne. Die gespielten Begegnungen mit ihnen nutzt Lück, um - mal weinerlich, dann philosophisch, mal humorig-überspitzt und immer wieder selbstironisch - die Leiden eines älter werdenden Mannes im Allgemeinen und eines Familienvaters im Besonderen zu schildern.

Da geht es um die Zipperlein, die ein Zeichen von Schwäche sein könnten und die daher keiner bemerken darf - weswegen Lück seine Fitness mit schlimmen Tanzeinlagen unter Beweise stellt, die zum Fremdschämen einladen. Und es geht um den Umzug in einen Vorort von Köln, "der mehr Vor als Ort" ist und in dem sich Lück von smarten Feierabend-Daddys, aus dem Ei gepellten Mamis und immer sauberen Nachbars-Kindern unter Druck gesetzt fühlt.

Der Durchschnitts-Papa selbst verzweifelt nämlich an der Mehrfachbelastung Job, Hausarbeit und Kinderbespaßen - hat er doch schon Schwierigkeiten damit, zwei Nutellabrote in verschiedene Richtungen zu verteilen. Dass Gustav sein Nutellabrot anschließend auf Mama Lücks saubere Bluse speit, versteht sich von selbst und weist den Kleinen als fürchterlich normales Kind aus - zur "Alete-Elite" wird er also wohl nie gehören. Zu ihr zählen lediglich die Sprösslinge, die im Alter von zwei Jahren bereits "Allradachsantrieb" auf Polynesisch sagen können - zumindest glauben das ihre Eltern, die so lange googeln, bis sie ein Wort finden, das in die Nähe der Grunzlaute des Kleinen kommt. Doch die auf Teufel komm raus auf hochbegabt getrimmten Kinder stellen in Ingolf Lücks Kosmos auch eine Bedrohung dar. "Diese Kinder sind so clever, dass sie in der Pubertät ihre Eltern loswerden - und es wird wie ein ganz normaler Unfall aussehen."

Auch wenn sie eine stinknormale Familie sind, bei den Lücks ist trotzdem alles in Ordnung, versichert der Familienvater - erst mit gespielter Verzweiflung, dann geradezu philosophisch. Denn auch wenn an diesem Sonntagabend im Kornwestheimer Rathausfoyer die wilden Zeiten zu Ende gehen und Manne, Bene und Alfi vergeblich darauf warten, dass ihr Kumpel nach dem Auftritt noch mit auf Kneipentour kommt - eines hat Ingolf Lück schließlich kapiert: "Die Familien-Rock"n"Roll-Zeit ist viel geiler."

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