„Beat Generation“-Schau im ZKM in Karlsruhe Auf der Durchreise

Von Gunther Reinhardt 

Szene aus Walter Salles’ Verfilmung von Jack Kerouacs „On The Road“ aus dem Jahr 2012. Foto: Verleih
Szene aus Walter Salles’ Verfilmung von Jack Kerouacs „On The Road“ aus dem Jahr 2012. Foto: Verleih

Jack Kerouacs „On The Road“ erschien vor 60 Jahren. Er wurde zur Beatnik-Bibel, zum Manifest und Bestseller der Beat Generation. Dieser widmet das ZKM in Karlsruhe eine große Ausstellung.

Karlsruhe - Nach drei schlaflosen Wochen im April 1951 schreibt ein erschöpft-euphorischer Jack Kerouac an Neal Cassady: „Jetzt habe ich alles über die Straße gesagt. Hab schnell gemacht, weil die Straße schnell ist.“ Mit Cassady hat er ein paar Jahre zuvor die USA von Ost nach West durchquert. Anschließend hat er, vom Klappern der Schreibmaschinentasten in Rausch versetzt, daraus den Roman „On The Road“ gemacht und ihn auf eine 36 Meter lange Papierrolle getippt: einen atemlosen Text ohne Absätze, skizzenhaft den Ton von Jazzphrasierungen nachahmend, eine „Sprachlawine“, wie Kerouac sagt, ein literarischer Abenteuertrip, der keine Richtung außer vorwärts kennt.

Als „On The Road“ sechs Jahre später erscheint, wird diese Hymne auf das Unstete zur Beatnik-Bibel werden und die Straße als literarischen Topos erschließen. Seit Kerouac steht diese für unbegrenzte Möglichkeiten, für Freiheitsstreben, für (Selbst-)Suche: Der Weg ist das Ziel. Mehr noch als die Literatur werden das Buch und seine Unterwegs-Mythologie Popkultur und Kino beeinflussen. Roadmovies wie Dennis Hoppers „Easy Rider“ (1969), Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ (1970) oder Wim Wenders’ „Alice in den Städten“ (1974) werden das Straßenmotiv in Filmbilder übersetzen.

Ein Reisebericht voller Sex & Drugs & Bebop

Die Geschichte von Kerouac und „On The Road“ ist zwar nur eine von vielen Geschichten, die die Schau „Beat Generation“ im ZKM Karlsruhe erzählt. Sie ist aber die spektakulärste. Eine überlange Vitrine empfängt die Ausstellungsbesucher – darin befindet sich Kerouacs entrolltes Manuskript aus dem Jahr 1951 als lange, aus Einzelbögen zusammengeklebte Papierbahn: vergilbt, an den Rändern eingerissen. Ein Schaustück, das zugleich einen beeindruckenden Assoziationskosmos öffnet, der ständig die Grenzen der Kunstformen überschreitet. Es entsteht ein multimedialer Dialog, in dem neben den Stars der Beat Generation (Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Williams S. Burroughs) auch zahlreiche weniger bekannte Autoren und Künstler zu Wort kommen.

Ausgangspunkt all der Geschichten, die die Ausstellung erzählt, und der Kern ­dessen, was das was man Beat Generation nennt, ist aber „On The Road“. Das Buch basiert auf Kerouacs und Cassadys Reise durch die USA, einem Trip voller Sex, Drogen und Bebop. In der ersten ­Fassung begegnet man tatsächlich noch Cassady, aber auch Ginsberg und Burroughs. In der Fassung, die 1957 veröffentlicht wird, verwischt ­Kerouac jedoch autobiografische Spuren: Cassady wird zu Dean ­Moriarty, Ginsberg zu Carl Marx, und der Ich-Erzähler verwandelt sich in Sal Paradise.

Von „Howl“ zu „On The Road“ zu „Naked Lunch“

Mitte der 1940er hatten sich Kerouac, Ginsberg und Burroughs in New York kennengelernt. Sie sollten äußerst streitlustige Freunde werden und in den 1950er Jahren Bücher veröffentlichen, die zwar stilistisch ganz eigene Wege gingen, denen aber gemeinsam war, dass sie die Gesellschaft mit dem Virus des Subversiven infizierten. Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956), Kerouacs Reiseerzählung „On The Road“ (1957) und Burroughs psychedelische Groteske „Naked Lunch“ (1959) schrecken das Amerika der McCarthy-Ära auf und stehen heute noch für eine Gegenkultur, deren rebellische Kraft im neuen Trump-Amerika dringender denn je gebraucht wird.

Die Künstler der Beat Generation trauten sich an Orte und Sujets, die zuvor tabu waren, erfanden Schreibtechniken, entwickelten einen unmittelbaren, schnellen Stil, mischten sich ein, etablierten eine Hipster-Avantgarde, der es schnell im Künstlermilieu zu klein wurde, die sich auf dem Straßenstrich, in der Schwulenszene, an Drogenumschlagplätzen tummelte, die Rassismus und Homophobie verabscheute, Charlie Parker und überhaupt Menschen liebte, die anders sein wollen als alle anderen: „Denn die einzigen Menschen sind für mich die Verrückten“, schreibt Kerouac in „On The Road“, „die verrückt sind aufs Leben, verrückt aufs Reden, verrückt auf Erlösung, voller Gier auf alles zugleich, die Leute, die niemals gähnen oder alltägliche Dinge sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie phantastische gelbe Wunderkerzen, und die wie Feuerräder unter den Sternen explodieren.“

Und mittendrin Ernst Jandl und Bob Dylan

Links quäkt eine Countryblues-Nummer, rechts ein Bebop-Stück aus den Lautsprechern, dazwischen finden sich Gedichte von Gregory Corso, Fotos von Ettore Sottsass, Kalligrafien von Brion Gysin und huscht Bob Dylan durchs Bild.

„Beat Generation“ versammelt in Karlsruhe über 400 Arbeiten, inszeniert Werke aus Literatur, Film, Musik, Fotografie und Kunst. Das einzige Ordnungsprinzip, das die Schau zulässt, an deren Anfang „On The Road“ steht, ist konsequenterweise die Geografie. Die Reise geht nach Kalifornien, nach New York, Tanger, Mexiko und Paris. Dort, in einer heruntergekommenen Absteige in der Rue Gît-le-Cœur im Quartier Latin, die später zum Beat Hotel ernannt wird, stellt Burroughs „Naked Lunch“ fertig, und Ginsberg schreibt einen Großteil seines Gedichts „Kaddish“. Irgendwo in einer Ecke des ZKM findet sich sogar Jack Kerouacs Koffer mit dem Nötigsten, den er bei sich hatte, als er damals mit Neal Cassady immer der Straße nach durch die USA trampte.

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