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Barrieren an Bahnsteigen Schwerer Weg mit Rollstuhl zur S-Bahn

Von Alexander Ikrat 

Mutig über den Spalt an Bahnsteig 1 in Feuerbach Foto: Jan Reich
Mutig über den Spalt an Bahnsteig 1 in FeuerbachFoto: Jan Reich

Kaputte Aufzüge, Höhenunterschiede oder Lücken zwischen Bahnsteig und Zug, fehlende Rampen: Für Behinderte gibt es vielerorts Hindernisse auf dem Weg in die S-Bahn. Als Nächstes soll sich das in Feuerbach ändern, wo die S 4, S 5 und S 6 halten.

Stuttgart - Steht der Durchschnittsfahrgast des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) vor einem Aufzug mit dem Schild „Vorübergehend außer Betrieb“, kommt er immer noch über die Treppe auf den S-Bahnsteig. Der Rollstuhlfahrer ist der Gelackmeierte. „Zusatzkosten für Begleitpersonen, Umsteigeprobleme, zusätzliche körperliche Belastungen“, schreibt eine Leserin mit Handicap vom Scheitern an solchen Barrieren. „Fahrten etwa zu Arztterminen müssen vorher akribisch geplant, abgestimmt, angemeldet werden. Wie kommt man im öffentlichen Nahverkehr aber weiter, wenn zum Beispiel die Aufzüge nicht funktionieren?“ Die Antwort denkt man sich: Gar nicht.

Hier finden Sie eine Übersicht zur Barrierefreiheit einzelner Haltestellen

Es fehlen noch Aufzüge

Auch andere Leser monieren regelmäßig, dass Aufzüge und Rolltreppen häufig defekt sind und das dann über eine längere Zeit bleiben. Wenn es überhaupt Aufzüge gibt. Noch immer sind vier S-Bahn-Stationen nicht barrierefrei: Feuerbach (S 4 bis S 6) sowie Stetten-Beinstein, Geradstetten und Weiler (alle S 2). Der Nordbahnhof (S 4 bis S 6), die Nürnberger Straße in Bad Cannstatt (S 2/S 3) und Höfingen (S 6) sind zwar ohne Treppen erreichbar, allerdings nur über größere Umwege.

Die drei Stationen an der S 2 im Rems-Murr-Kreis sollen nach einigen Verzögerungen bis zum Jahr 2019 mit jeweils zwei Rampen (Weiler, Geradstetten) oder zwei Aufzügen (Stetten-Beinstein) ausgestattet werden. Feuerbach soll nicht nur zwei Aufzüge bekommen, sondern noch mehr: Beide S-Bahnsteige (1 und 2) sollen von 76 auf 96 Zentimeter über dem Gleis erhöht werden, damit die S-Bahnen künftig auf einer Ebene mit dem Bahnsteig ankommen. Das allein kostet nach Unterlagen des Verbands Region Stuttgart rund 2,5 Millionen Euro und soll von 2016 bis 2018 in Abhängigkeit von den Stuttgart-21-Bauphasen erledigt werden. Das wird möglich, weil die S-Bahnen für die Arbeiten an dem Milliardenprojekt ohnehin vorübergehend auf andere Bahnsteige verlegt werden müssen. Ursprünglich wollte die Bahn den Bahnhof erst nach Fertigstellung von Stuttgart 21 umbauen.

Abstände sind zu weit

In derselben Drucksache heißt es allerdings auch: „Für Fahrgäste mit Rollstuhl wird an dieser Station in Fahrtrichtung Stuttgart-Hauptbahnhof auch künftig die Rampe vom Lokführer anzulegen sein.“ Was nach einem Schildbürgerstreich klingt, erklärt sich aus der Lage des Bahnhofs. Dieser liegt in Feuerbach in einer Kurve, weshalb eine Schiene für die durchfahrenden Züge überhöht ist und in der Mitte eines haltenden Wagens auch künftig ein bis zu 32 Zentimeter breiter Spalt zum Bahnsteig klaffen wird. „Der Zug ist immer gerade“, erklärt Jürgen Wurmthaler, Infrastrukturdirektor des Regionalverbands, „da klafft automatisch ein Abstand zum Gleisbogen. Wer durch Täler oder Städte fahren will, kommt um solche Verschwenkungen nicht herum.“ In Feuerbach nehmen die Züge gleich mehrere Kurven. Der Gleisradius liege aber im zulässigen Bereich und entspreche dem Regelwerk. Auf den Linien S 1 bis S 3 sollen die ausfahrbaren Schiebetritte künftig helfen, solche Lücken zu überbrücken. Diese werden aber nicht vor Ende 2016 funktionieren. Außerdem­ ist durch sie der Einstiegsbereich bei den neuen Zügen um sechs Zentimeter erhöht, was eine weitere Barriere ist. Für die künftige Erhöhung der Bahnsteige, an denen diese Züge halten, ist dies laut einem Bahn-Sprecher unerheblich: „Die Schiebetritte werden auch diesen Höhenunterschied überbrücken.“

In Feuerbach, wo die ältere Baureihe hält, gibt es eine Gerade erst wieder im Tunnel unter dem Pragsattel – aber dort brauchen die Feuerbacher laut Jürgen Wurmthaler keinen S-Bahn-Halt. Aus dem gleichen Grund ist auch die Ende 2012 eröffnete Station Maichingen-Nord an der S 60 gebaut worden, wo sie jetzt ist: In der Kurve direkt am Neubaugebiet. In der Mitte des Zugs klafft nun ein noch breiterer Spalt als am Bahnsteig in Feuerbach. Ähnliches berichten Leser aus Rommelshausen (S 2).

Bahnsteige sind zu niedrig

Die Kurven bleiben den S-Bahn-Fahrgästen erhalten – und die Bahnsteighöhen? Wenn die letzten Aufzüge eingebaut sind, sollen auf lange Sicht die Bahnsteige an allen 32 Bahnhöfen, die das Regionalzug-Niveau von 76 Zentimetern haben, auf 96 Zentimeter erhöht werden. „Im Vordergrund stehen die besonders stark frequentierten Bahnhöfe“, sagt Jürgen Wurmthaler. Wie Feuerbach gehört auch Ludwigsburg mit rund 27 000 S-Bahn-Nutzern zu den Top 10 der Region. Hier soll in einer Art Modellprojekt durchexerziert werden, wie man einen Bahnsteig optimal S-Bahn-tauglich macht. Damit auch weiterhin ausnahmsweise Regionalzüge halten können, wäre es etwa denkbar, nur einen Teil des Bahnsteigs zu erhören – wie es bereits in Wernau (S 1) oder in Weil der Stadt (S 6) der Fall ist. In Sachen Ludwigsburg müssen sich Stadt, Land, Region und Bahn laut Jürgen Wurmthaler über das Vorgehen erst noch einigen.

Überall mobile Rampen

Der leitende Direktor weiß um die Bedeutung der Barrierefreiheit. 2008 ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten, das behinderten Menschen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen soll. „Wir sind an dem Thema dran“, sagt er, „man darf bei den Bahnsteighöhen aber nicht gleich den Riesenwurf erwarten.“ Zum einen gehe es um „Riesensummen“, zum anderen vertrage das System nur eine begrenzte Anzahl von Baustellen gleichzeitig. Die Barrierefreiheit verbessere sich allmählich, in diesem Jahr auch deshalb, weil die S-Bahnen der alten Baureihe ET 420 ausgemustert werden. Die neue Baureihe mit dem abgeschalteten Schiebetritt hat ebenso eine Rampe, die der Fahrer anlegen kann wie die Baureihe ET 423, die auf der S 4, S 5 und S 6 unterwegs ist. „Auch das ist eine Verbesserung im Sinne der Barrierefreiheit“, sagt Wurmthaler. Aber noch keine Barrierefreiheit.

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