Barocke Musik zum Klingen gebracht

Von "Marbach und Bottwartal" 

Affalterbach Das Duo La Vigna hat am Samstag in der Kelter musiziert. Von Astrid Killinger

Affalterbach Das Duo La Vigna hat am Samstag in der Kelter musiziert. Von Astrid Killinger

Eine Übung, sich in eine andere Zeit und andere Empfindungs- und Vermittlungsarten zu versetzen, bot ein Konzert in der Kelter am Samstagabend. Theresia Stahl und Christian Stahl, die seit rund sechs Jahren als Duo La Vigna unterwegs sind, kündigen in ihren Programmen "spannungsgeladene Interpretationen" von "affektreicher Musik" an, die seelische Erregungszustände, Bewunderung, Liebe, Hass, Verlangen, Freude und Trauer zum Thema hätten. Nun haben seit der Barockzeit, die Christian Stahl auf die Zeit zwischen ungefähr 1580 bis etwa 1750 datiert, Musikstile wie Jazz und Pop und Rock"n"Roll die Welt erobert. Da jammen und schreien die Musiker Herzeleid und Freud" vielstimmig, laut, ungehemmt heraus und reißen die Zuhörer in den Gefühlsstrudel mit hinein.

Wie ganz anders klingen doch da die lieblichen Blockflöten von Theresia Stahl und die leisen, trockenen Töne der barocken Saiteninstrumente Theorbe und Laute, mit denen Christian Stahl begleitet. Beim Versuch, diese Musik mit der angekündigten Leidenschaft in Verbindung zu bringen, hilft ein kleines, vorangestelltes Wort. Es gehe um die Darstellung "stilisierter" Leidenschaften, heißt es im Programm.

Dieses Wort führt in die von heute so verschiedene Wesensart des Barock, die viel mit bewusstem, kontrolliertem Stil zu tun hat. In diese Richtung weist auch die eine und andere Erklärung, die Christian Stahl zwischen den Stücken von Jacques Hotteterre, Denis Gaultier, Johann Sebastian Bach, Charles Dieupart, Arcangelo Corelli, Dario Castello, Francesco Barsanti und Georg Friedrich Händel gibt.

Besonders aufschlussreich ist seine Erläuterung des italienischen Nationalstils innerhalb des Barock, nachdem er mit Gaultier und Bach den französischen und den deutschen Nationalstil unmittelbar miteinander konfrontiert hatte. In Italien hätten die Sänger plötzlich verlangt, an die griechische Tragödie anknüpfen und mit Pathos singen zu können.

Daraufhin wurde der Generalbass als grundlegender Akkord erfunden, über den die Sänger ihren Text legen konnten. Die Leidenschaft ist so von vornherein nicht frei schwebend und rein impulsiv, sondern mit einer ganz bestimmten Vorstellung des Ausdrucks verknüpft.

Musikalisch äußert sich das in für heutige Hörerfahrungen eher unspektakulären Elementen wie häufigen Trillern am Ende der kurzen Sequenzen, in der Melodik, im Tempo und immer wieder auch in abrupten, losen Enden.

Theresia Stahl hat jeden noch so kleinen Unterschied mit allergrößter Präsenz zum Tragen, hat jede Schleife und jeden meisterhaft auf einen immanenten Höhepunkt hin geblasenen Ton mit kreisenden Bewegungen der Flöte und kräftigen taktbetonenden Knicksen zur Geltung gebracht. Erstaunlich, dass zu diesem besonderen Konzert in die Affalterbacher Kelter nur 25 Gäste gekommen waren. Unter ihnen aber schienen echte Barockfans gewesen zu sein. Die Zugaben jedenfalls wurden mit Herzblut erklatscht.

Lesen Sie jetzt