Bahn Experten: Das Schienennetz bleibt unterfinanziert

Von Thomas Wüpper 

Bei den Ausgaben für das Schienennetz rangiert Deutschland weit hinten Foto: dpa
Bei den Ausgaben für das Schienennetz rangiert Deutschland weit hinten Foto: dpa

Ländervergleich: Deutschland gibt immer noch zu wenig Geld für bessere Bahnstrecken und moderne Stationen aus. Die Schweiz investiert pro Kopf sechs Mal mehr.

Berlin - Deutschland steckt weiterhin deutlich weniger Geld in sein Schienennetz als andere Länder und rangiert im internationalen Vergleich weit hinten. Der Spitzenreiter Schweiz investiert pro Kopf sechs Mal mehr. Das zeigt eine neue Studie der renommierten Beratungsfirma SCI Verkehr und des Bündnisses Allianz pro Schiene, dem fast zwei Dutzend Umwelt- und Verkehrsorganisationen angehören.

Mit 378 Euro pro Bürger lässt sich die kleine Alpenrepublik ihren attraktiven Bahnverkehr mit weitem Abstand am meisten kosten. Auf Platz zwei folgt Österreich, das im vorigen Jahr 198 Euro pro Einwohner in die Schieneninfrastruktur steckte. In Deutschland waren es nur 64 Euro, acht Euro mehr als im Jahr zuvor. Nötig wären aber mindestens 80 Euro, sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Der Abstand zu anderen Ländern bleibt groß

Seit Jahren liegt Deutschland im Ländervergleich weit hinten. Daran hat auch die „Investitionsoffensive“ wenig geändert, die Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gerne betont. Der Abstand zu Nachbarländern bleibe weiter „schmerzhaft groß“, kritisiert Flege. So steckt Italien 68 Euro pro Kopf in sein Bahnnetz. In den Niederlanden sind es 133 Euro, in Dänemark 136 Euro, in Großbritannien 151 Euro, und in Schweden 170 Euro. Nur Frankreich (37 Euro) und Spanien (36 Euro) liegen bei den untersuchten Ländern hinter Deutschland.

Mit der besseren Ausstattung der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV) habe die Bundesregierung aber immerhin eine Trendwende eingeleitet, sagt Flege. Dieser Vertrag mit der bundeseigenen Deutschen Bahn AG (DB) ist die Grundlage für den Erhalt des staatlichen Schienennetzes, das von der Konzerntochter DB Netz AG betrieben wird. Die DB erhält allein zwischen 2015 und 2019 rund 20 Milliarden Euro aus der Staatskasse, mit denen rund 34 000 km Gleise und mehr als 5000 Bahnhöfe in Ordnung gehalten werden sollen.

Kritiker: Politik setzt zu sehr auf die Straße

Noch immer setze die deutsche Politik bei den Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur zu sehr auf Straßen und den Autoverkehr anstatt auf die umweltfreundliche Bahn, kritisiert das Bündnis. Österreich stecke 66 Prozent der staatlichen Infrastrukturmittel für den Verkehr in die Schiene und nur noch 34 Prozent in die Straße, in der Schweiz flössen 60 Prozent ins Bahnnetz. Damit förderten beide Alpenländer gezielt die Verkehrsverlagerung hin zur Schiene.

In Deutschland dagegen vermisst das Bündnis weiterhin ein konsequentes Umsteuern. 2016 seien lediglich 47 Prozent der Investitionen ins Bahnnetz, aber 53 Prozent in die Straße geflossen. Die Schiene sollte mindestens 60 Prozent der Mittel erhalten, fordert Flege. Auf die Agenda sollten zudem beschleunigte Planverfahren und die Modernisierung des Netzes für den Deutschlandtakt sowie 740 Meter lange Güterzüge, die bisher wegen Engpässen an vielen Stellen nicht verkehren können.

Auch die Beratungsfirma SCI sieht in Deutschland großen Nachholbedarf. „Das reiche Deutschland leistet sich inzwischen weniger Schiene als China“, mahnt Geschäftsführerin Maria Leenen. Die Volksrepublik habe seit 2007 ihre Investitionen pro Kopf für die Bahn von damals nur 15 Euro auf zuletzt 79 Euro systematisch hochgefahren. „Ein topmodernes Eisenbahnnetz wäre auch für Deutschland ein wirtschaftlicher Wachstumsmotor“, betont Leenen.

China gibt pro Kopf mehr aus

Immerhin sei die Botschaft, dass das deutsche Bahnnetz jahrelang dramatisch unterfinanziert war, „bei der Politik endlich angekommen“, sagt die Expertin. Mit dem Masterplan Schienengüterverkehr und der Förderung innovativer Güterwagen gebe es nun zudem Hebel, die Schiene zu stärken. Wichtig seien aber nicht nur Investitionen in Beton, sondern auch in die Digitalisierung und Automatisierung des Netzes.

Lesen Sie jetzt