Baden-Württemberg Lernen von Luchs Friedl

Von Annette Mohl 

Dank eines Senders lässt sich die Spur von Luchs Friedl genau  verfolgen Foto: dpa
Dank eines Senders lässt sich die Spur von Luchs Friedl genau verfolgen Foto: dpa

Wer würde schon freiwillig über eine stark befahrene Autobahn gehen? Viele Wildtierarten müssen wandern, stoßen durch das Fernstraßennetz aber an unüberwindbare Barrieren. Das Land baut deshalb Brücken und Tunnel und setzt so das neu entwickelte Landeskonzept Wiedervernetzung um.

Stuttgart - Der aus der Schweiz zugewanderte Luchs Friedl streift über weite Strecken durch den Südwesten und steht zurzeit vor den Toren Stuttgarts. Das im April im Mittleren Schwarzwald mit einem Sender versehene Tier sei inzwischen nachweislich über die Schwäbische Alb bis kurz vor Ulm gelaufen und halte sich derzeit nahe Weilheim unter Teck (Kreis Esslingen) auf. Dort war der bislang letzte Peilpunkt, wie Naturschutzminister Alexander Bonde (Grüne) vergangene Woche mitteilte. Dank des Senders zeige der Weg des Luchses mit dem wissenschaftlichen Namen „B415“, wo sich Wildtiere im Land gut bewegen können und wo sie an unüberwindbare Barrieren stoßen.

Die Luchs-Initiative Baden-Württemberg kümmert sich nach Kräften darum, dass das elegante Raubtier wieder heimisch wird im Land. Doch der größte Feind des Luchses ist der Straßenverkehr. Vor allem auf Partnersuche schrecken die Tiere mit den charakteristischen Büscheln auf den Ohren vor kaum einem Hindernis zurück – und kommen ­dabei unter die Räder.

Ähnlich geht es der Wildkatze, die durch die Zerschneidung ihrer Lebensräume vom Aussterben bedroht ist. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat deshalb 2004 das Rettungsnetz für die Wildkatze initiiert. Im Rahmen des Projektes Wildkatzensprung treibt der Verband die Vernetzung naturnaher Wälder durch grüne Korridore aus Bäumen und Büschen voran. Außerdem erfasst er die Verbreitung der Wildkatzen: Wo sie vorkommt und welche Wege sie zur Wanderung nutzt, wird deutschlandweit durch die genetische Analyse von Haarproben ermittelt. Mit diesen Erkenntnissen können die Korridorpflanzungen optimiert werden.

Bundesweit einmalige Analyse

Um die effektivsten Stellen zu ermitteln, wo die Tiere die Straßen queren müssen, betreibt Baden-Württemberg eine bundesweit einmalige Analyse von Daten. „Das Land will bei der Wiedervernetzung von Lebensräumen eine Vorreiterrolle einnehmen“, sagt Gisela Splett, Staatssekretärin im Landesverkehrsministerium. „Das Landeskonzept Wiedervernetzung ist ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, die letztlich auch Teil unserer eigenen Lebensgrundlagen ist. Wildkatzen und Luchse sollen wieder den Weg in unsere Wälder finden, und Amphibien sollen sicher zu ihren Laichgewässern gelangen.“

Ausgewertet wird zum einen der Generalwildwegeplan, der vor allem für Waldbewohner wie eben Luchs und Wildkatze erstellt wurde. Zum anderen auch der Fachplan Landesweiter Biotopverbund, der Biotopinseln darstellt, die für die Arten des Offenlandes von besonderer Bedeutung sind. Basierend auf diesen beiden Fachplänen werden Stellen identifiziert, an denen die Verbundkorridore besonders stark durch Straßen gefährdet sind.

Ein zweiter Baustein des Landeskonzepts Wiedervernetzung widmet sich den Amphibienwanderstrecken. Der Nabu und andere Verbände haben dafür aus 200 näher untersuchten Strecken 40 Abschnitte ausgewählt, die vorrangig geschützt werden müssen, ­damit die Populationen überleben.

Brücken über die Autobahn

Der dritte Baustein zielt vor allem auf den Bau von Grünbrücken über Autobahnen und Bundesstraßen: Das Land hat dafür aus dem Wiedervernetzungsprogramm des Bundes jene Abschnitte ermittelt, in denen vordringlich gebaut werden sollte.

Staatssekretärin Splett macht bei dem Thema Druck: In den vergangenen Wochen und Monaten hat sie gleich mehrere Bauprojekte zur Querung von Fernstraßen angestoßen. So wird zurzeit östlich von Merklingen an der Grünbrücke Imberg über die A 8 gebaut. Sie ist das erste der im Bundesprogramm Wiedervernetzung enthaltenen zwölf Projekte in Baden-Württemberg. Die Grünbrücke Imberg wird so gestaltet, dass sie von häufig vorkommenden Säugetieren wie Rehen, Wildschweinen, Füchsen und Hasen, aber auch von anderen Tierarten genutzt werden kann. Sollten sich Wildkatze und Luchs wieder vermehrt in Baden-Württemberg ansiedeln, ermöglicht die Grünbrücke auch deren weitere Ausbreitung und die Querung der 35 Meter breiten Autobahn.

Luchs Friedl etwa schaffte es nicht über die A 8, blieb diesseits und zog fortan an ihr entlang Richtung Nordwesten. „Wir können wertvolle Erkenntnisse sammeln, die so in keinem Lehrbuch ­stehen“, sagte Bonde.

Unüberwindliche Barrieren

Bereits im März hat Gisela Splett sich die Situation an der B 31 bei Titisee-Neustadt im Schwarzwald angesehen. Sie drängt auf den Bau von Querungshilfen über die dort dreispurig ausgebaute Bundesstraße. Auch dieses Projekt gehört zu den zwölf vom Bund priorisierten Wiedervernetzungsmaßnahmen. Bei Friedenweiler verläuft in den Wäldern südlich und nördlich der B 31 ein Wildtierkorridor, über den Tiere vom Südschwarzwald in den Mittleren Schwarzwald und dann weiter über den Nordschwarzwald oder Odenwald wandern können. Doch der permanente Verkehr mit einem Aufkommen von täglich über 18 000 Fahrzeugen hindert die Wildtiere an der Wanderung.

Eile geboten ist auch an der A 5 nördlich von Riegel: Ohne Grünbrücke bleibt die Rheintalautobahn mit 60 000 Fahrzeugen am Tag eine unüberwindbare Barriere für Wildtiere. Die Hürde wird durch den Bau der zweigleisigen ­Güterzugtrasse und die Schallschutzbauten zudem noch verstärkt. Gisela Splett sagte vor Ort, dass solche Querungshilfen auch die Zahl von Wildunfällen, durch die auch Menschen gefährdet werden, deutlich verringern könnten.

Tatsächlich kollidiert nach den offiziellen Erhebungen alle zwei Minuten ein Tier mit einem Auto, das sind 250 000 Unfälle jedes Jahr mit einem Tier. Die Dunkelziffer liegt aber wohl weit höher. Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt bereits seit dem Jahr 2002 vor, die Brennpunkte zu entschärfen und das Land für Tiere durchlässig zu machen. Passiert das nicht, droht den Arten eine Verinselung, der Genpool wird immer kleiner.

„Land der Sackgassen“

Der Nabu – mit 83 000 Mitgliedern der größte Naturschutzverband in Baden-Württemberg – begrüßt ausdrücklich die Wiedervernetzung. „Das Konzept und die darin enthaltenen Priorisierungen sind eine gute Arbeitsgrundlage, um die Lebensräume von Wildtieren und Pflanzen wieder besser miteinander zu vernetzen“, sagt der Nabu-Landesvorsitzende Andre Baumann. Luchs, Wolf und Co. lebten in großen Revieren, die möglich wenig zerschnitten sein sollten. Baden-Württemberg solle nicht länger ein „Land der Sackgassen“ sein.

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