Baden-Württemberg Ein Pilz rafft die Eschen in den Wäldern dahin

Von Annette Mohl 

An den Eschen im Land sterben zuerst die Triebe ab – dann der ganze Baum. Foto: dpa
An den Eschen im Land sterben zuerst die Triebe ab – dann der ganze Baum.Foto: dpa

Der Zustand des Waldes in Baden-Württemberg ist nach wie vor besorgniserregend. Mehr als jeder dritte Baum ist deutlich geschädigt. Am schlechtesten geht es einem für das Ökosystem besonders wertvollen Baum: Der Esche.

Stuttgart - Im Staatswald in Baden-Württemberg werden auch dieses Jahr wieder 1,9 bis 2,0 Millionen Festmeter Wald eingeschlagen. Dass es vielen Bäumen schlecht geht, ändert daran nichts. „Mit dem Einschlag liegen wir deutlich hinter dem, was nachwächst“, sagte Landesforstpräsident Max Reger am Donnerstag.

Gegenüber dem „außergewöhnlich schlechten Jahr 2014“, so Forstminister Alexander Bonde (Grüne), habe sich der Wald in diesem Jahr ein wenig erholt. Die Bäume hätten von der guten Wasserversorgung im Frühjahr und Frühsommer profitiert. Doch es folgten sehr trockene Monate, der wärmste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 und vermutlich auch das insgesamt wärmste Jahr seit damals.

Dies lässt sich am Wachstum der Bäume, wie Bonde und Reger zeigten, gut ablesen: „Die Bäume haben keine Energie vergeudet und setzten aufs Überleben“, sagte der Minister. Die Stämme werden weniger dick als in guten Jahren. Bonde zeigte dies am Donnerstag anhand der Jahresringe einer Baumscheibe. Im extrem warmen Jahr 2003 und in den Folgejahren ist kaum ein Zuwachs zu erkennen.

„Wir werden die Esche verlieren“

„Der Zustand des Waldes ist definitiv nicht zu trennen vom Klimawandel“, betonte Bonde am Donnerstag. Allerdings sind die einzelnen Baumarten höchst unterschiedlich betroffen. Der Zustand der Buchen hat sich deutlich verbessert, der der Kiefern leicht verschlechtert. Fichten haben ihr Wachstum fast eingestellt. Am gravierendsten geschädigt ist aber die Esche, der immerhin dritthäufigste Laubbaum im Land: Ihm setzt weiterhin das sogenannte Falsche Weiße Stängelbecherchen zu, ein aus Ostasien über den Balkan und Polen eingewanderter Pilz.

Bei der Esche, die vorwiegend auf der Schwäbischen Alb und in der Oberrheinebene wächst, löst der Pilz das seit ein paar Jahre beobachtete Eschentriebsterben aus. Waren zunächst nur einzelne Bäume betroffen, so seien es jetzt ganze Bestände. Die Bäume gehen nach ein paar Jahren komplett ein oder müssen gefällt werden, weil sie ihre Standfestigkeit einbüßen und damit zur Gefahr werden.

In zehn bis 20 Jahren werde es nur noch vereinzelt Eschen geben. „Wir werden die Esche auf den großen Flächen verlieren“, prognostizierte Max Reger. Im Staatswald seien nur noch 6,7 Prozent der Bestände gesund. Dabei ist Baden-Württemberg eigentlich das Bundesland mit dem höchsten Eschenvorkommen. Der Verlust sei besonders dramatisch, weil diese Baumart „ökologisch extrem wertvoll“ sei. Reger erinnerte in diesem Zusammenhang an das große Ulmensterben in den 1970er Jahren: „Auch die Ulme war mal eine bedeutende Baumart im Land.“ Ihr wurde ein Schlauchpilz und der sogenannte Ulmensplintkäfer zum Verhängnis.

In Zukunft mehr Eichen und Tannen

„Diese invasiven Arten, die jetzt kommen, sind alle wärmeliebend und ein Indiz für die Erwärmung hier“, so Max Reger. Doch das Land hat mehrere Projekte gestartet, um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald abzupuffern. So wurden etwa Baumarteneignungskarten erarbeitet, die Bodenbeschaffenheit und Klimawandel berücksichtigen. Demnach werde in Zukunft bei den Laubbäumen vor allem die Eiche eine wichtige Rolle spielen, bei den Nadelbäumen scheint die Tanne am meisten resistent zu sein. Aber auch „ein Baum mit Migrationshintergrund“ , so Reger, die aus Nordamerika stammende Douglasie, werde zunehmend die Fichte ersetzen.

Regional gibt es, wie die Forstfachleute feststellen, große Unterschiede. So wurden noch vor 35 Jahren vor allem versauerte Böden im Schwarzwald und Odenwald festgestellt. Heute gebe es in den Lehmböden im Neckarland und am Rande des Bodensees neue Schadensschwerpunkte. Klaus von Wilpert, Leiter der Abteilung Boden und Umwelt der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA), sagt: „Wir brauchen die Forschung, um Prognosen stellen zu können, auch für die Produktivität des Waldes.“ So werde etwa der Ernährungszustand des Waldes überprüft. Ergebnis: Es herrscht ein Mangel an Kalium. Deshalb werde dieses Spurenelement dem Wald jetzt zugeführt. Zudem habe der Landtag ein Bodenschutzkalkungsprogramm bis 2020 beschlossen.

Zeit für internationale Klimaschutzziele

Dass auch die Wissenschaftler noch vor manchem Rätsel stehen, beweist der Umstand, dass die blattfressenden Insekten – einschließlich Borkenkäfer – in diesem Jahr zurückgingen. Dabei gilt generell die These, dass gerade extreme Trockenheit oder viel Bruchholz wie nach dem Sturm Niklas im März den Käfern ideale Bedingungen schaffen.

Aus dem Waldzustandsbericht zieht Bonde folgendes Resümee: „Es ist höchste Zeit für verbindliche internationale Klimaschutzziele, deswegen muss der Weltklimagipfel in Paris ein Erfolg werden.“

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