Bad Cannstatt Ein Grandseigneur alter Schule

Von Georg Linsenmann 

Walter Schauss hat 100  Balladen  im Kopf. Foto: Georg Linsenmann
Walter Schauss hat 100 Balladen im Kopf.Foto: Georg Linsenmann

Als Mittler zwischen Dichtung und Publikum sieht sich der Rezitator Walter Schauss aus Bad Cannstatt, der seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Von den 100 Balladen, die er einst im Kopf hatte, sind 52 immer noch komplett da, wie er erzählt.

Bad Cannstatt - Feine Krawatte mit einem Hauch von Orange und Frühling, fein abgestimmte Blautöne von Hemd und Jackett. Die Art der Stühle, die Tischdecke für die Geburtstagsrunde, die er nebenbei im Kurpark-Café bespricht, die Blumen zu den Gedecken. Alles hat Stil, alles muss passen zum 80. Geburtstag, den der Cannstatter Rezitator feiert, denn Walter Schauss ist ein Grandseigneur alter Schule. Vom Scheitel bis zur Sohle.

Das lässt er sich gerne sagen: „Ja, ich bin ein bisschen altmodisch, inzwischen vielleicht ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber ich liebe die Kultur.“ Die Oper, klassische Musik – und vor allem die Literatur. Und diese Liebe ist nicht rein privat, denn Schauss hat daraus eine Profession gemacht, die er noch immer pflegt: als Rezitator von Balladen, aber auch von Prosa wie etwa dem „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry, seinem erklärten Lieblingsstück. Geborener Berliner, gelernter Schauspieler. „Aber Don Carlos mit der Roten Fahne oder Hamlet in Jeans, das war nichts für mich“, erklärt er, also hat er seine Brötchen hinter der Bühne verdient, als Inspizient am Staatstheater Stuttgart.

Die Eltern haben es ihm ins Herz gelegt

Als die „Nebenbeibeschäftigung“ als Rezitator zu sehr mit dem Brotberuf kollidierte, machte er sich selbstständig: mit 100 Balladen im Kopf - „und 52 Stück sind noch immer voll da“, lacht Schauss, der am liebsten Sänger geworden wäre: „Schuberts ,Winterreise‘, das war mein Traum. Aber ich hatte auch so ein schönes, reiches Leben. Dafür bin ich dankbar, auch meinen Eltern, die mir das ins Herz gelegt haben. Das möchte ich weitergeben.“ Und die Dichtung ist im „Lebenselixier“ geblieben: „eine Lebensnotwenigkeit“, wie er betont.

Als Rezitator versteht er sich „als Mittler zwischen Dichtung und Publikum“, die Balladen sind ihm besonders wertvoll: „In der Synthese von Epik, Dramatik und Lyrik, da liegt das Faszinierende. Dies lebendig zu machen, die Botschaften zu vermitteln, das ist mir wichtig.“ Gerne zeigt er eine frühe Rezension aus einem „Premium-Feuilleton“: „Jeder Gestalt gibt er eine eigene Stimme: Vortragskunst, die in einer Zeit des Sprachverfalls selten geworden ist.“ Womit Schauss mitten in der Gegenwart ist, durchaus mit Wehmut: „Die jungen Leute kommen nicht mehr, die Lehrer entfachen keine Begeisterung mehr fürs Auswendiglernen. Das erschüttert mich.“ Denn: „Wer das lernt, hat einen Schatz fürs Leben. Mit wunderbaren Inhalten, die Freude machen und Halt geben können.“ Ein zeitloser Schatz, etwa Schillers „Bürgschaft“, die Ballade, in der „die Treue zweier Freunde einen Tyrannen umkrempelt“. Entsprechend stilgerecht endet das Gespräch: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.“

Redaktion Bad Cannstatt

Ansprechpartner
Annina Baur und Rebecca Stahlberg
cannstatt@stz.zgs.de

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