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Ausverkauftes Konzert in Stuttgart Udo Lindenberg holt Straßenmusiker auf die Bühne

Von Uwe Bogen 

Rücklings mit zappelnden Beinen liegt Straßenmusiker Kieran Hilbert  bei „Highway to Hell“ auf dem Schlossplatz-Boden. Foto: Lichtgut/Achim ZweygarthLichtgut/Achim Zweygarth
Rücklings mit zappelnden Beinen liegt Straßenmusiker Kieran Hilbert bei „Highway to Hell“ auf dem Schlossplatz-Boden.Foto: Lichtgut/Achim ZweygarthLichtgut/Achim Zweygarth

Als Straßenmusiker ist die Königstraße sein Revier. Am Samstag aber rockt der Altenpfleger Kieran Hilbert mit Udo Lindenberg auf der Bühne der Schleyerhalle.

Stuttgart - Katholischer Priester wollte er werden, suchte Seelenfrieden in Indien, kehrte ohne die Frau, die er dort geheiratet hat, zurück, wurde Altenpfleger auf dem Killesberg und steht mit der Gitarre regelmäßig auf der Königstraße: Was Kieran Hilbert seit seiner Geburt in 46 Jahren erlebt hat, ist nicht arm an Wendungen. Nun folgt ein Höhepunkt, der so schön ist, dass es sich nicht mal ein mutiger Autor erlauben würden, sich so was fürs Kitschkino einfallen zu lassen.

Wenn Udo Lindenberg drei Tage nach seinem 71. Geburtstag in Stuttgart spielt, also an diesem Samstag vor 12 500 Fans in der rappelvollen Schleyerhalle, wird „Kiri“, wie ihn alle nennen, mit dem Grand Daddy des Deutschrocks auf der Bühne stehen. Bei zwei Liedern darf er volle Pulle in die Saiten hauen, bei „Wir brauchen keinen Führer“ und „Candy Jane“.

„Kiri“ war einer von „Udos Söhnen“

Mit älteren Herrschaften kennt sich der Gitarrenmann aus. Er arbeitet im Seniorendomizil Haus Martin, das sich in der Nähe vom Killesbergpark befindet. Dies allein befähigt ihn nicht für den Einsatz in Stuttgarts größter Halle. Udo ist ein biologisches Wunder. Einen Altenpfleger braucht der Bandenchef der bunten Republik nicht, weil er Stunden spielen kann, als würden irdische Gesetze für ihn nicht gelten.

„Kiri“ gehörte mal zur Panik-Familie. Vor 30 Jahren tourten er und sein Bruder als „Udos Söhne“ durchs Land. Dann war lange Funkstille zwischen beiden. Der Rudi-Ratlos-Rocker wie auch sein einstiger „Junior“ haben – getrennt voneinander – Dinge erlebt, die ein Männerleben mal abstürzen, mal aufrichten lassen. Bei Lindenberg waren’s Ruhm, Frauen, Alkohol und Freundschaft – und noch viel mehr.

Stark wie zwei

Dass Kieran Hilbert stark wie zwei ist, wird klar, wenn er auf der Königstraße in die Luft springt, voller Inbrunst in die Saiten schlägt, mit hochrotem Kopf seine Stimme erbeben lässt. Meist tut er’s am späten Nachmittag unweit des Schlossplatz-Pavillons, nach Dienstschluss im Seniorenstift. Die Stuttgarter Ordnungsbehörde verlangt, dass er nach einer halben Stunde den Platz wechselt und von 14 bis 16 Uhr Ruhe gibt. Der Altenpfleger im Rock’n’Roll-Fieber hält sich dran. Das Geld allein ist es nicht, warum er Straßenmusik macht (in einer halbe Stunde kassiert er etwa 15 Euro). Es macht ihm halt einfach so viel Spaß. „Stuttgart ist so geil“, ruft er hinter seinem aufgeklappten Gitarrenkoffer, in das nicht zu knapp Münzen klimpern. Immer mehr Passanten bleiben stehen, zücken Smartphones zum Selfiemachen. Kurz darauf kniet sich der Hamburger zu „Highway to Hell“ nieder – am Ende liegt er rücklings mit zappelnden Beinen auf dem Boden, wie ein Käfer, den man umgeschubst hat.

Gitarrensolo vor 12 500 Fans

Hilberts Glück war, dass SWR-3-Moderator Ben Streubel, seit vielen Jahren ein Kumpel von Udo Lindenberg, an der Königstraße wohnt, quer über dem Standplatz, an dem „Kiri“ meist spielt. Bennybär erkannte ihn wieder. Bevor der Altenpfleger nach Stuttgart zum neuen Job gezogen war, hatte er seinen einstigen Mentor nach 20 Jahren wieder getroffen.

Zur Stadiontour rund um seinen 70. Geburtstag hatte der Panik-Präsident alte und neue Freunde reichlich um sich versammelt. Kieran Hilbert sollte an der Gitarre in der Band mitspielen, so wie auch Pascal Kravetz, das singende Kind der 1981 eingespielten Friedenshymne „Wozu sind Kriege da?“ . Während Kravetz seitdem auf der Tournee mitreist, zog das Pech Hilbert heraus. Ausgerechnet bei der Feier zum 70. Geburtstag von Udo stürzte „Kiri“ und riss sich eine Sehne. Die Bühnenträume waren ausgeträumt. Der inzwischen nach Stuttgart gezogene Pfleger fragte nicht mehr nach – „man will sich ja nicht aufdrängen“.

Sollte er sich deshalb ärgern? „Mir geht es supergut“, sagt er, „ich hab’ mich in Stuttgart verliebt, hier lebt eine international gemischte Bevölkerung, das liegt mir sehr.“ Am Samstagnachmittag wird er nicht auf seiner geliebten Königstraße spielen. Dann ist „ Kiri“ beim Soundcheck in der Schleyerhalle. Und abends bekommt er ein Gitarrensolo vor 12 500 Fans. Seinen Senioren im Haus Martin kann er was erzählen!

Macht’s wie Udo, kann er ihnen sagen, lasst euch nicht vom Alter einschüchtern!

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