Australien Wie Sibirien, nur in heiß

Regine Warth aus Darwin, 22.01.2013 05:00 Uhr
Die australische Kimberley-Region gehört zu den einsamsten Landstrichen der Erde. Wer hier lebt, hat sich für die Einsamkeit entschieden.

Darwin - Der rote Kontinent scheint zu verblassen. Aus dem Fenster einer Cessna, 4500 Fuß über der Erde, zeigt sich statt roter Erde ausgebrannter brauner Fels. Hin und wieder kringelt sich ein Flusslauf wie blauer Farn im staubigen Gelände. Ansonsten ist da nichts zu sehen. Kein Haus, keine Straße. Nur Trampelpfade, von denen hin und wieder Staubwölkchen hochsteigen: „Free Cattles“ - ausgebüxte Rinder auf Abwegen. Die wilde Kimberley-Region, im äußersten Nordwesten Australiens, ist ein Ort der Extreme. Ist Regenzeit, steigen die Pegel der Flüsse, die sich in Canyons winden, um 15 Meter an. Beginnt die Dürre, bleibt das Quecksilber des Thermometers bei 40 Grad Celsius noch lange nicht stehen. Dann fegt ein heißer Wind über das Gebiet, das so groß wie Deutschland und Österreich zusammen ist. Nur knapp 40 000 Einwohner verlieren sich in dieser unendlichen Weite: Rinderzüchter, Diamantensucher und etwa ein Drittel Aborigines, die australischen Ureinwohner. Und dann sind da diese Touristen, die sich in diesem unwirtlichen Landstrich einfinden - und auf Wunsch die volle Show geboten bekommen: „Rock’n’Roll“ schreit Sam und übertönt damit noch die dröhnenden Rotoren des Helikopters, der mit geneigter Front immer mehr an Höhe gewinnt, während das Herz einem immer tiefer rutscht. Denn der Hubschrauber hat keine Türen.

"Die Luft ist wie ein nasser Vorhang"

Nichts soll die Sicht verstellen auf die schroffen Canyons, die zu den Mitchell Falls führen, einem Wasserfall, der sich aus einer Höhe von 80 Metern von Felsplateau zu Felsplateau bis in den Mitchell River ergießt. Eine natürliche Kaskade inmitten der Wüste. Das Wasser, das sich seinen Weg durch Felsen bahnt, deren Wände von der Glut der Mittagssonne rostrot entflammt werden, schimmert blaugrün. „Zeit für ein Bad“, sagt Sam. Und der Helikopter setzt zur Landung auf dem obersten Plateau an. Schlicht „Sam“, so nennt sich dieser rotblonde bullige Typ, der raucht wie ein Schlot und ebenso rau und derb ist wie das Land, durch das er die fremden Wanderer führt. Und das seit drei Jahren. Eigentlich ist er aus der Großstadt, wo er auch als Klempner gearbeitet hat. Doch da waren ihm zu viele Menschen. Bei einem Trip ins Outback hat er beschlossen, nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

Jetzt zeigt er Gästen den Mitchell-River-Nationalpark, seine neue Heimat. Und die sind begeistert von dem badewannenwarmen Flusswasser, das hier so frei von Krokodilen ist wie kaum ein anderes Gewässer in Australien. Nur kleine, neugierige Fischchen schwimmen darin, die nicht anders können, als ein bisschen an den Zehen der Badenden zu knabbern. Sam steht am Rand und lacht sein raues Lachen. Seine tätowierten Arme hat er in die Hüften gestemmt. Er kennt die Natur in all ihren Facetten - in der Trockensaison, wenn die Mitchell Falls zu einem dünnen Rinnsaal werden, aber auch zur Regenzeit. Die Australier nennen sie „the Wet“, was nichts verrät über die enorme Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit und die wolkenbruchartigen Gewitterstürme. Dann schwillt das Wasser meterhoch in den Canyons an, wird zu einem reißenden Strom. Und das Camp zu einer kleinen Insel, über das Sam allein wacht. Fast vier lange Monate. In dieser Zeit stromert er durch die Gegend. Die Luft ist ein nasser Vorhang: „Du stehst unter der Dusche, gehst raus - und bemerkst keinen Unterschied.“ Dann ist es so, wie Sam das Outback mag: einsam und wild. Doch jetzt ist Trockenzeit und Hochsaison.

Felsmalereien erzählen Geschichten und Mythen

Das Flapp-flapp der Rotoren kündigt eine neue Hubschrauberladung Touristen an. Bis zu 1000 Gäste verbringen die Nacht in einem der Wilderness Camps hier draußen, lassen sich von Hubschraubern zum Wasserfall fliegen und wandern zurück. „Lasst uns gehen“, sagt Sam. Die Sonne brennt, Fliegen umschwirren den Wanderer, struppiges Spinifexgras zerkratzt die bloßen Beine. Wenige Hundert Meter entfernt von den Wasserfällen zeigt die Wildnis ihr glühendes Herz. „Trinkt“, sagt Sam. Das ist keine Aufforderung, es klingt wie ein Befehl. Zig Touren hat er begleitet. Alle sind gut ins Camp zurückgekommen. „Das soll auch so bleiben.“ Deswegen: „Trinkt!“ Sam zeigt auf Bäume und Felsen, erklärt Büsche und Sträucher, deren Blätter und Blüten Fliegen vertreiben und Krankheiten lindern können. Er führt zu Unterschlüpfen und Felsvorsprüngen, an denen Aborigines Zeichnungen hinterlassen haben. Etliche sind erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt worden. Sie zeigen Abdrücke von Füßen und Händen, Frauen mit übergroßen Brüsten.

Die Felsmalereien erzählen Geschichten und Mythen. Hier zwischen den zerklüfteten Felsen und Wasserlöchern, die wie riesige Badewannen in der Felslandschaft zum Baden einladen, spielte sich ihr soziales Leben ab. Heute leben noch immer Aborigines in der Gegend, allerdings weit entfernt von dem luxuriösen Camp direkt bei den Falls mit den Wohnzelten, in denen es Duschen und richtige Betten gibt, um für den zahlungskräftigen Urlauber das Abenteuer Kimberley nicht zu wild werden zu lassen. „Zeltlager“ heißt hier „Glamping“. Vergessen ist das Wasser aus dem Kanister, das auf der Wanderung noch so köstlich schmeckte. Jetzt gibt es Bier aus Dosen und auf Wunsch gekühlten Weißwein. Doch im Unterholz rascheln die Echsen, und auf den Zelten hocken große Spinnen. Irgendwo singt ein Vogel sein monotones Nachtlied. So ganz lässt sie sich nicht vertreiben, die wilde Natur. Sam trinkt Bier und zündet sich eine Zigarette an. Wo wir anschließend hingehen werden, erkundigt er sich. Nach Darwin. „Darwin?“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Viel zu viele Menschen.“

 
 
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