Australian Open Die zweite Karriere der Laura Siegemund

Von Doris Henkel 

Laura Siegemund: eine unglaubliche Geschichte. Foto:  
Laura Siegemund: eine unglaubliche Geschichte.Foto:  

Es hat lange gedauert, doch jetzt ist Laura Siegemund (27) da, wo sie immer hin wollte. Die Metzingerin steht in Melbourne in Runde drei der Australian Open – und sie hat noch nicht genug.

Melbourne - Man fragt sich ja manchmal, was passiert wäre, hätte jemand die Weichen des Lebens an ­bestimmten Stelle anders ­gestellt. Aber Laura Siegemund aus Metzingen, fast 28 Jahre alt, ist ein schönes Beispiel dafür, dass es weniger darauf ankommt, wohin die Reise geht, sondern was man daraus macht. Mehr als drei Jahre nachdem sie ihre Karriere beendet hatte und in eine andere Richtung abgebogen war, landete sie am Donnerstag beim Sieg gegen die frühere Weltranglisten-Erste Jelena Jankovic (3:6, 7:6, 6:4) den größten Erfolg im zweiten Teil ihrer Karriere.

Die ganze Geschichte ist kaum zu glauben. Als Siegemund mit 13 oder 14 bei einem Lehrgang einem Fragebogen die Rubrik Ziele und Träume beantworten sollte, schrieb sie nicht wie die anderen einen oder zwei Sätze hin, sondern zwei Seiten. Natürlich stand unter anderem darin, sie wolle die Nummer eins des Tennis werden, aber es wurde ihr irgendwann klar, dass daraus nichts werden würde. Sie spielte in erster Linie bei kleineren Turnieren und kam trotz beträchtlichen Aufwandes nicht recht voran. Sie sagt: „Ich war immer ein Arbeitstier; aber wenn man A reinsteckt, kommt nicht immer B dabei raus, das musste ich ­lernen. Es spielen so viele Faktoren mit.“

Abschied von der Tennistour

Sie driftete in der Weltrangliste auf Positionen zwischen 200 und 400, und vor vier Jahren fand sie, die Sache sei erledigt. Sie verabschiedete sich von der Tennistour, begann eine Trainer-Ausbildung und schrieb sich an der Fern-Uni in Hagen für ein Bachelor-Studium in Psychologie ein. Und irgendwie stolperte sie dann doch wieder in die Profitour, obwohl sie damals die Hand ins Feuer gelegt hätte, dass das nicht mehr passieren würde. Im vergangenen Jahr schaffte die in Filderstadt geborene Rechtshänderin in Wimbledon und bei den US Open die Qualifikation fürs Hauptfeld, am Ende der Saison stand sie in der Weltrangliste unter den besten 100, und nach dem Ende der Australian Open wird sie voraussichtlich eine neue Bestmarke erreichen mit einer 8 vorne dran.

Kann es sein, dass das Thema Psychologie also doch eine Hilfe war? „Die allgemeine Psychologie im Bachelor ist recht basic“, sagt sie: „Aber die eine oder andere Sache kann man übernehmen. Ein bisschen mehr Struktur, sich selbst hinterfragen. Bei einem Psychologen wird nicht alles top laufen im Leben. Aber die Infos nicht zu haben ist der erste Schritt in eine falsche Richtung.“

Die Bachelor-Arbeit zum Thema „Versagen unter Druck“ ist geschrieben und abgegeben, im Februar wird sie die Note erfahren. Den realen Test im Spiel gegen Jelena Jankovic bestand sie jedenfalls mit Auszeichnung. Obwohl sie den ersten Satz gegen die Favoritin verlor, blieb sie bei ihrer ­Strategie. Aber es war mehr als nur der Plan, Jankovic anzugreifen, sie zu verwirren. Ihre sichtbare Lust an der Herausforderung setzte Jankovic zu, deren Laune im Laufe der Partie schlecht und schlechter wurde.

Die Kraft des positiven Denkens

Andere spielen kommentarlos vor sich hin; so ist Laura Siegemund nicht. Immer wieder feuerte sie sich an, sparte nicht mit Komplimenten: „Geiler Aufschlag!“ „Was für ein geiler Volley!“ Die Kraft des positiven Denkens in Reinkultur. Die Zuschauer genossen es, schlugen sich immer mehr auf ihre Seite. Und sie genoss jede Sekunde.

Die Offensive in Zahlen ausgedrückt: 39-mal stürmte sie ans Netz, 32-mal machte sie den Punkt, marschierte im Stechschritt ­zurück, sammelte sich kurz und begann alles von vorn. Am Ende standen 50 sogenannte Winner in der Bilanz; das sind Werte, die nicht nur im Frauentennis außergewöhnlich sind. Ihre sprudelnde, nicht enden wollende Freude nach dem Matchball passte dazu.

Später verabschiedete sie sich mit den Worten, jetzt werde erst mal gefeiert, aber dabei sollte man sich keinen Alkohol in der Hand der Siegerin vorstellen. „Ich nehme meine Aminosäuren, die anderen können trinken“, meinte sie und lachte laut. Und was bis jetzt eine ziemlich coole Geschichte ist, wird mit der deutschen Brille betrachtet noch besser. In der dritten Runde wird Laura Siegemund an diesem Samstag gegen Annika Beck (Bonn) spielen, die gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz gewann (6:2, 6:3) und danach auch ziemlich stolz auf sich war. Und dann könnte es passieren, dass die Siegerin dieser Partie auf Angelique Kerber treffen wird. Für diese Konstellation hätte man vor einer Woche eine ordentliche Menge Fantasie gebraucht.

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