Ausstellung „Reformation in Württemberg“ Macht ist Wahrheit, Wahrheit ist Macht

Von Tim Schleider 

Herzog Ulrich von Württemberg auf einem Stich von 1520 Foto: Katalog
Herzog Ulrich von Württemberg auf einem Stich von 1520 Foto: Katalog

Spannend und aktuell beleuchtet das Landesarchiv im Stuttgarter Kunstgebäude die Reformation in Württemberg und empfiehlt Abstecher gen Maulbronn, Bebenhausen und Alpirsbach: Auch beim Evangelischen ist der Schwabe gründlich!

Stuttgart - Kommen die Stuttgarter nicht ein bisschen spät? Vor elf Monaten wurde das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ bereits eingeläutet, gleich nach Neujahr war es Titelthema in den großen Magazinen, im Spätwinter präsentierte das Fernsehen diverse Filme mit historischen Kostümen, im Frühjahr eröffneten große nationale Ausstellungen, im Sommer regnete es landauf landab Kirchen-, Posaunen- und sonstige Aktionstage. Und nun, da man eigentlich davon ausgehen muss, dass alle auch nur halbwegs am Thema Interessierten doch wohl längst umfassend über den neuesten Stand informiert sind und vielleicht das ganze Martin-Luther-Jubelgedöns schon ein kleines wenig über haben – da meldet sich wie ein Mauersegler im September das Landesarchiv in Stuttgart zu Wort: „Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Reformation in Württemberg“. Hat auf diese Schau noch jemand gewartet?

Aber gerade, worauf man nicht gewartet hat, kann sich ja als große Überraschung entpuppen. Und die ist dem Archivdirektor Peter Rückert mit seinem Team im Stuttgarter Kunstgebäude tatsächlich gelungen. Was sich hier dem Besucher in den gerade mal sechs Ausstellungsräumen in schlauer Dramaturgie und großzügiger Präsentation bietet, ist zwar nicht unbedingt der ganz „neue Blick auf eine Epoche“, den die Schau im Untertitel verheißt. Aber es ist doch eben ein anderer Blick – ein konzentrierter, zugespitzter, nach all dem Überblicksgewitter der vergangenen Monate ein in zweifacher Hinsicht fokussierter.

Ulrich findet unter den Evangelischen neue Verbündete

Fokussiert zum einen ganz natürlich, weil hier die Epochenwende der Reformation in einer begrenzten Region und an einem klaren Beispiel nacherzählt wird – und noch dazu an einem schön strittgen Beispiel. Denn ob es bei der Kirchenabspaltung der Anhänger Martin Luthers nun wirklich um den wahren Glauben ging oder nicht doch eher um Politik, darüber kann man gerade im Falle des württembergischen Herzogs Ulrich herrlich streiten. 1519 trieb ihn der Schwäbische Bund aus seinem Land, Württemberg wurde habsburgisch – und damit in den Folgejahr strikt altgläubig. Am Hof des hessischen Landgrafen Philipp fand Ulrich schließlich neue Verbündete und Helfer – evangelische. Und prompt führte er nach Rückeroberung seiner Heimat 1534 auch dort die Reformation ein. Wer die Macht hat, bestimmt, was wahr ist. Klare Sache, oder?

Stimmt schon, sagt die Ausstellung. Stimmt aber auch nicht ganz – denn gerade im Südwesten fielt die Botschaft der Reformatoren in der Bevölkerug auf fruchtbaren Boden. Nicht umsonst verbreiteten sich die Bauernunruhen vom deutschen Südwesten aus übers Land. Das Faszinierende jener Zeit ist für den heutigen Betrachter, wie unmittelbar damals religiöse Fragen die Menschen in ihrer Existenz zutiefst erschütterten: Welche Freiheit hat jeder einzelne Christenmensch in seien Glaubensentscheidungen? Wo findet er unbestreibare Wahrheit? Und wie weit ruft das Evangelium nach Veränderung nicht erst im Jenseits, sondern schon im Hier und Jetzt?

Schon damals sind Massenmedien die Waffen

Freiheit, Wahrheit, Evangelium – wer diese Begriffe mit überzeugenden Inhalten füllte, der konnte Macht gewinnen. Und in dem Moment, da wir „Evangelium“ durch die Übersetzung „Botschaft“ ersetzen, liegen die Bezüge zu unseren heutigen Debatten klar auf der Hand. Die Stuttgarter Schau zeigt die Reformationsjahre zwischen 1510 und 1550 als Jahre eines furiosen Ideenstreites, eines Kampfes um Bedeutungshoheit. Wer die Wahrheit besetzt, erlangt Macht. Und die Mittel dazu sind die Medien der damaligen Zeit: Literatur, Musik, Kunst – Bibelübersetzungen und Hetzschriften, fromme Choräle und Spottlieder, Heiligenbilder und wüste Karikaturen. Der Grat zwischen frommem Streit und gewalttätigem Hass, von Verherrlichug und Verteufelung, von Erbauung hin zum Abschlachten ist immer nur ganz schmal.

Eigens zur Ausstellung ist in Kooperation mit der Musikhochschule eine CD erschienen, auf der die Melodien und Gesänge jener Zeit zu hören sind.Und man schaudert ein wenig bei der Erkenntnis, dass ein schöner kleiner, klarer Choral über die Kreuzigung doch auch ein Schlachtgesang sein kann. Sechs Räume genügen, um zu erzählen – nicht, wie nah Himmel und Hölle beeinander liegen, sondern wie eng sie der Mensch manchmal miteinander verschänkt.

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