Schule im Südwesten Sexuelle Vielfalt auf dem Stundenplan

Von Steve Przybilla 

Das Kultusministerium will Schüler darüber aufklären, dass auch andere Formen von Partnerschaft möglich sind. Foto: dpa
Das Kultusministerium will Schüler darüber aufklären, dass auch andere Formen von Partnerschaft möglich sind.Foto: dpa

Schüler sollen künftig im Unterricht mehr über „sexuelle Vielfalt“ lernen. Dieses Ziel steht im Bildungsplan. Ein Realschullehrer geht dagegen vor - und erntet Zuspruch von Konservativen.

Schüler sollen künftig im Unterricht mehr über „sexuelle Vielfalt“ lernen. Dieses Ziel steht im Bildungsplan. Ein Realschullehrer geht dagegen vor - und erntet Zuspruch von Konservativen.

Stuttgart/Karlsruhe - Im Internet geht es wieder einmal hoch her. „Die Bibel lehrt, dass eine sexuelle Beziehung nur zwischen Mann und Frau stattfinden darf“, erklärt ein empörter Mann aus der Region Stuttgart. Andere sprechen von „pädagogischer Willkür“ oder „manipulativer Erziehung“. Auch der Begriff „Gehirnwäsche“ kommt vor. Diskutiert wird, wie so oft, über die Bildungspolitik im Land.

Die Zitate stammen aus dem Portal Openpetition.de, einer Internetseite, auf der Petitionen veröffentlicht werden. In diesem Fall heißt die Forderung „Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“. Das Dokument richtet sich gegen den Bildungsplan 2015, den Kultusminister Andreas Stoch (SPD) derzeit entwickelt. Darin geht es unter anderem um die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Schüler sollen sensibilisiert werden, dass es auch andere Partnerschaftsformen als die zwischen Mann und Frau gibt.

Auch der Realschullehrer Gabriel Stängle aus Nagold läuft dagegen Sturm. „Akzeptanz bedeutet, dass ich etwas gutheiße“, sagt der 41-Jährige, der die Petition ins Leben gerufen hat. „Da ist die Stufe überschritten von Freiheit zur Unfreiheit.“ Im Alltag würden Schüler eher wegen ihrer Herkunft oder einer Behinderung diskriminiert. „Das kommt viel häufiger vor, steht aber mit keinem Wort im Bildungsplan. Wieso muss man eine Gruppe so hervorheben?“

Kultusministerium hält Petition für diskriminierend

Rund 58.000 Personen (davon rund 29.000 aus Baden-Württemberg) haben Stängles Petition bereits online unterschrieben, darunter viele aus religiösen Gründen. Im Begründungstext, der schon einmal entschärft wurde, heißt es: „Die LSBTTIQ-Gruppen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle, queer (engl. für homosexuell), Anm. d. Red.) propagieren [. . .] verschiedene Sexualpraktiken in der Schule als neue Normalität und stehen damit in einem krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung.“

Das Kultusministerium weist die Aussagen zurück. „Die Petition ist falsch und diskriminierend“, so eine Sprecherin. „Es gehört heutzutage dazu, dass man sexuelle Vielfalt akzeptiert.“ Außerdem sei das Thema im Bildungsplan „nur eines von vielen“. Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird deutlicher: „Schule ist kein Ort für Fundamentalisten“, sagt die Landesvorsitzende Doro Moritz. „Wir sind empört über die Petition.“

Laut GEW sind statistisch gesehen zwei Schüler in jeder Klasse schwul oder lesbisch. „Toleranz und der Abbau von Diskriminierung müssen auch in der Schule gelehrt und gelebt werden“, heißt es in einer Erklärung der Gewerkschaft. Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg sieht die Petition als Beleg dafür, „in welchem Ausmaß homo- und transphobe Vorstellungen noch immer in Teilen der Bevölkerung verbreitet sind“.

Lehrer erhält Zuspruch aus konservativen Kreisen – und aus der rechten Ecke

Tatsächlich erntet Stängle vor allem aus konservativen Kreisen Zuspruch – und aus der rechten Ecke. So wirft der rechtspopulistische Blog „Politically Incorrect“ den neuen Bildungsplan mit „mangelnden Fremdsprachenkenntnissen von Migrantenkindern“ in einen Topf. Darauf angesprochen, sagt Stängle: „Ich kann niemandem verbieten, meine Meinung zu teilen.“ Er selbst gehöre zu den Gründungsmitgliedern einer KZ-Gedenkstätte und sei überzeugter Demokrat: „Mich als rechts zu bezeichnen ist absurd.“ Stängle unterrichtet Englisch, Geschichte, EWG (Erdkunde, Wirtschaftskunde, Gemeinschaftskunde) und Religion. Nach eigenen Angaben gehört er einer freien evangelischen Gemeinde an.

Unterdessen ist beim Regierungspräsidium Karlsruhe eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Stängle eingegangen. Wer diese eingereicht hat, will das Ministerium nicht mitteilen. „Ich habe von meinen Grundrechten Gebrauch gemacht und meine Meinung geäußert“, betont der Lehrer, der seinen Kampf gegen den Bildungsplan fortsetzen möchte. „Wenn die Zeichnungsfrist abgelaufen ist, werde ich die Petition dem Petitionsausschuss des Landtags überreichen.“

Lesen Sie jetzt