Auf und nieder Knigge für den Aufzug

Von Lara Röhrich 

Wer sich im Aufzug richtig benimmt, vermeidet unangenehme Situationen (Szene aus „Grand Budapest Hotel“, der am 6. März in die Kinos kommt). Foto: dpa
Wer sich im Aufzug richtig benimmt, vermeidet unangenehme Situationen (Szene aus „Grand Budapest Hotel“, der am 6. März in die Kinos kommt). Foto: dpa

Wer höflich ist, punktet. Doch welche Benimm-Regeln gelten eigentlich im Fahrstuhl?

Wer höflich ist, punktet. Doch welche Benimm-Regeln gelten eigentlich im Fahrstuhl?

Benehmen und Taktgefühl kommen an. Doch wem lässt man in einem Fahrstuhl den Vortritt? Und wo stellt man sich im Aufzug eigentlich hin? Mitten rein oder lieber in eine Ecke? Ursula Diel weiß Antworten. Die Stilberaterin leitet mit Stil-Statement ihr eigenes Unternehmen und ist zudem Vorstandsmitglied der deutschen Knigge-Gesellschaft. Schon beim Betreten des Aufzugs lauert die erste Benimm-Falle. Männer nehmen den Hut ab, laut Knigge darf die Frau den Hut hingegen auch im Aufzug tragen.

Grüßen und Verabschieden zählt zum guten Ton, doch wer grüßt zuerst? „Grundsätzlich grüßt derjenige zuerst, der einen Raum betritt“, sagt Diel. Der Ranghöhere entscheidet jedoch, ob er seinem Gegenüber die Hand reicht. Ein Angestellter sollte also darauf warten, ob ihm nach seiner Begrüßung der Vorgesetzte die Hand entgegenstreckt.

„Außerhalb der Arbeit gilt die Dame stets als ranghöher als der Herr, der Ältere ranghöher als der Jüngere und die Gruppe ranghöher als der Einzelne“, sagt Diel. Ist man mit Kollegen im Aufzug, gelten jedoch andere Regeln. „Im geschäftlichen Rahmen zählt Ladies first nicht.“ Hier kommt es auf die innerbetriebliche Hierarchie an. Der Vorgesetzte hat beim Aussteigen den Vortritt, während im privaten Raum der älteren Dame der Vortritt gewährt wird.

Den Chef im Aufzug nie auf eine Beförderung ansprechen

Doch keine Regel ohne Ausnahme. „Man darf Knigge-Regeln brechen, wenn es dem guten Miteinander förderlich ist“, erklärt Diel. Lässt ein junger Chef der älteren Dame trotzdem den Vortritt, so nimmt die Dame diesen an, denn ein Ablehnen wäre unhöflich. „Im Zweifel empfehle ich, den gesunden Menschenverstand einzusetzen – und das zu tun, was in der jeweiligen Situation am besten passt, um niemandem vor den Kopf zu stoßen, der die Regeln vielleicht nicht kennt. Die Regeln sind kein Selbstzweck.“ Stattdessen sollen sie dem Miteinander dienen und dem Gegenüber Wertschätzung vermitteln.

Wenn die Sache mit der Begrüßung geklärt ist, stellt sich die Frage: Wie sieht es mit einer Unterhaltung aus? Selbst ein paar Sekunden können einem bei eisernem Schweigen ewig vorkommen. „Ein Aufzug ist ein Ort für unverbindlichen Small Talk“, sagt Diel. Mit einem Kommentar über das Wetter oder zum Tagesgericht in der Kantine liegt man richtig. Völlig unangebracht wäre es dagegen, den Chef im Aufzug auf eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung anzusprechen – selbst wenn diese längst aussteht.

Niesen muss man immer, wenn es am unpassendsten ist – im Theater, in einem Vortrag oder eben im voll besetzten Aufzug. „Es wäre nett, wenn man dabei niemanden anniest“, so Diehl. Andererseits: „Man sollte auch niemandem den Rücken zudrehen.“ Wer niesen muss, hält sich also am besten ein Taschentuch oder die linke Hand vor die Nase. Wer sehr laut niest, entschuldigt sich. Wer leise und dezent niest, braucht sich jedoch nicht zu entschuldigen. Im Gegenteil, er würde durch die Entschuldigung mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als durch den Nieser, was wiederum unhöflich wäre. „Es gilt im Aufzug das Gebot, sich so unauffällig und dezent wie möglich zu verhalten“, sagt die Knigge-Expertin.

Abstand halten zu den Mitpassagieren

„Man sollte auch niemandem auf die Pelle rücken“, sagt Diel. Im Fahrstuhl ist es ohnehin eng. Jeder, der näher als einen halben Meter zum Gegenüber steht, betritt dessen Intimzone – und die ist engen Freunden und der Verwandtschaft vorbehalten. Wenn andere quetschen, sollte man versuchen auszuweichen. Aber auch hier gilt: Niemandem den Rücken zukehren. Ist der Aufzug bereits gut besetzt, sollte man sich nicht noch dazudrängen, sondern höflich auf die nächste Fahrt warten.

Viele Menschen machen im Fahrstuhl ­instinktiv alles richtig. Aber manchen unterlaufen auch gravierende Fehler. So sollte man nicht auf die Idee kommen, sich eine Zigarette anzustecken. „Der Rauch fährt einige Etagen mit“, sagt Diel. Das Problem stellt sich vielerorts aber nicht mehr, da ohnehin Rauchverbot herrscht. Sollte der Fahrstuhl ausnahmsweise mal stecken bleiben, verkneift man sich witzige Bemerkungen. „Einer der Mitpassagiere könnte Platzangst haben – und da wird mit einem Witz die Panik nur geschürt.“

Auch Telefonieren ist kniggetechnisch nicht angebracht. „Soweit es vermeidbar ist, sollten Sie andere mit Ihren Telefonaten nicht beschallen“, erklärt Diel. Wer lautstark in den Hörer brüllt, nervt. Eine SMS zu schreiben ist hingegen erlaubt, sofern die Tastatur auf lautlos gestellt ist.

Küssen im Fahrstuhl? Nein, danke!

Denkt man an einen Döner und den beengten Fahrstuhl, wird einem sicher schnell klar, dass sich andere durch Essen und auch durch Trinken belästigt fühlen. Wer Cola schlürft oder mit der Chipstüte knistert, ist unhöflich. Dabei könnte etwas auf den Boden fallen oder die Kleidung eines Mitfahrers verschmutzt werden.

Ein beengter Fahrstuhl ist auch nicht der richtige Ort für Zärtlichkeiten. „Aus Rücksicht auf die anderen, die sich gestört fühlen könnten, sollte man sich nicht küssen, denn sie können nicht aus dem Weg gehen.“ Und wer aussteigt, sollte dies mit Umsicht tun. Auch wenn man es eilig hat, sollte man niemanden anrempeln. So viel Zeit muss sein. Äußerst unhöflich ist auch, nicht auf den Türöffner-Knopf zu drücken, wenn jemand auf den Aufzug zurennt. „Das ist so, wie wenn man jemandem die Tür vor der Nase zuschlägt“, sagt Diel.

Wem doch mal ein Fauxpas passiert, der sollte diesen sofort wiedergutmachen. „Eine aufrichtige Bitte um Entschuldigung ist das mindeste“, sagt Diel. Wer jemandem etwa versehentlich auf den Fuß tritt, murmelt nicht einfach ein „Tschuldigung“ vor sich hin, sondern sagt laut Knigge: „Es tut mir sehr leid. Das war nicht meine Absicht. Ich bitte um Verzeihung.“ Damit zeigt der Schuldige, dass ihm sein Fehler bewusst ist. Wer einen Fleck auf die Kleidung eines Mitfahrers bringt, muss aber mehr auffahren. Auf die Entschuldigung muss das Angebot folgen, die Reinigungskosten zu bezahlen.

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