Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren

Auf Spurensuche

"Nord-Rundschau", vom 24.07.2010 02:46 Uhr
Stammheim. Schüler des Ferdinand-Porsche-Gymnasiums haben sich ein Jahr lang mit dem Thema "RAF" beschäftigt. Von Georg Linsenmann

Die Mehrzahl der Menschen in dieser Republik weiß im Grunde nichts über Stammheim. Und doch hat sich Stammheim unverrückbar in die Topographie des kollektiven Gedächtnisses eingefräst: als Kristallisationspunkt der Geschichte der RAF und somit eines blutigen Schlüsselereignisses in der jüngeren Geschichte des Landes. Denn im Hochsicherheitstrakt des Stammheimer Gefängnisses saß die Kerngruppe der ersten Generation dieser terroristischen Vereinigung. Hier wurde ihr der Prozess gemacht, hier fand sie ihr Ende durch Selbstmord.

Wie "ein Brandzeichen" wirke diese Verknüpfung von Stammheim und RAF, meinte denn auch Bezirksvorsteherin Tina Hülle im Luise-Schleppe-Haus, wo die Klasse 10 C Ergebnisse ihrer das ganze Schuljahr über dauernden Beschäftigung mit dem "RAF-Komplex" vorstellten. Besonders bemerkenswert fand Hülle, dass sich nun "junge Menschen, die die Ereignisse nicht mehr aus eigenem Erleben kennen, sich damit unvoreingenommen befassen". Schließlich sei es "das gute Recht einer jeden Generation, diesen Teil der Geschichte in der Erinnerung wach zu halten. In Wahrheit und Klarheit", wie sie ergänzte. Dass mit diesem Projekt nun aber hinsichtlich der belastenden Verknüpfung des Ortsnamens mit der RAF "der auf uns gerichtete Spieß einmal umgedreht" werde, wollte sich im Verlauf der sehr gut besuchten Veranstaltung aber nicht wirklich erweisen.

Aufschlussreich war diese Spurensuche dennoch. Vor allem der Film mit Zeitzeugen wirkte in Teilen wie die Sammlung von historischem Primärmaterial. Auch wenn der Horizont des bereits Bekannten nicht überschritten wurde, so kam hier doch ein breites Spektrum an Aspekten und den Zeitgeist spiegelnden Bewertungen zur Sprache. Von der angeblichen "Isolationshaft", über den angezweifelten Suizid bis zur Frage nach eventuellem Verständnis für die RAF.

Über Einzelaspekte hinaus interessant wurde es, wenn für die Erklärungsansätze zum Terror der Rote Armee Fraktion der zeitgeschichtliche Hintergrund mitbedacht wurde. Die "restriktive Phase der Adenauer-BRD" mit ihrer "schleppenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus" etwa, Alt-Nazis auch in politischen Spitzenpositionen, wie der als Marine-Richter "furchtbare Jurist" Filbinger, der Vietnam-Krieg oder die Studentenrebellion. Elemente eines Zeitbildes also, vor dem das Phänomen des deutschen Terrorismusses auch mit internationalen Aspekten verknüpft und in einer komplexeren Weise reflektierbar wurde. So bekam auch diese Frage Sinn: "Haben Sie Verständnis für die RAF?" Interessant das mehrheitliche "Jein" auf diese Frage. Unbestrittener Konsens dabei: die Ablehnung der Gewalt. Durchaus differenziert geriet allerdings die Erörterung des "theoretischen Ansatzes" der RAF und von deren Wurzeln in der Studentenbewegung mit ihrer radikalen Gesellschaftskritik. Besonders eindrücklich, wie dies Pfarrer Hermann Gruber am Beispiel von Gudrun Ensslin verdeutlichte. Er kannte Ensslin von Jugend auf, wo sie etwa durch ihr Engagement im CVJM auffiel: "Ihr Engagement, ihr Einsatz für andere ist geblieben. Sie hat gesehen, wie es auf dieser Welt zugeht und gefragt, wo denn Gleichheit, Menschlichkeit und Solidarität blieben", erzählte Gruber und ergänzte: "Aufklärung ist immer nötig, und die politische Studentenbewegung hat vieles in Schwung gebracht."

Aspekte, die auch im "generationenübergreifenden Gespräch" der Diskussionsrunde wichtig wurden. Neben die moderierenden Zehntklässler Kim Pausart und Jonas von Einem hatten sich zu deren Mitschülerinnen Birke Bödecker, Maria Zigovpoch, Lea Reichel und Tanja Dimitriadis Zeitzeuge Hansjörg Meindl und die Lehrerin Sonja Schanz vors lebhaft mitdiskutierende Publikum gesetzt. Dabei wirkte der Satz von Sonja Schanz - "Die Studentenbewegung hat es gebraucht" - wie ein Kettenglied zwischen gestern und heute. Auch zur Feststellung eines zentralen Unterschiedes, der denn auch als wichtige Erkenntnis dieser Veranstaltung gelten kann: "Demonstrationen, auch friedliche, waren damals nicht erwünscht", stellte ein Gast fest und fuhr fort: "Da wurde gleich Revolution gewittert und mit Schlagstöcken und Wasserwerfern reagiert. Man hat auf die jungen Leute nicht gehört, ein Dialog wurde nicht eröffnet." Da habe also durchaus "ein Aufwachen" und "ein Fortschritt" eingesetzt. Farbe ins Spiel brachten Berichte über "die Stimmung in Stammheim" zur RAF-Zeit. Spurensuche mit Lokalkolorit, auch im Anekdotischen. Erschrecken etwa, wenn beim Spazierengehen mit den Kindern plötzlich ein Polizist mit Maschinengewehr ums Hauseck kam. Oder die "Personenkontrolle" von radelnden Teenagern. Eine zeitweise Beklemmung, die selbst "auf dem Acker hinterm Knast" reichte, wo ein Bauer mit einem etwas vorwitzigen Töchterlein den schwer bewaffneten Polizisten in Rage brachte. Ein Terrain, das noch längst nicht abgeräumt ist. Wobei sich hier das "Brandzeichen" im Abstand der Zeit aber eher im Gewande der Gelassenheit zeigte.

Kommentare (0)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
Anzeige
Nachrichtenticker
10:12   Kälte lässt etwas nach - Frost bleibt
10:01   Neonazi-Aufarbeitung - Kabinett beschließt Bund-Länder-Kommission
09:53   Arabische Liga zieht Beobachter aus Syrien ab
09:51   Opel-Betriebsrat dementiert: GM plant keine Werksschließung
09:48   Öffentlicher Dienst - Gewerkschaften für deutlich mehr Geld
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren
Video
Interaktiv
  • Umfrage
Fussball 1. Bundesliga VfB Stuttgart vs. FC Bayern München:

Im Pokal-Viertelfinale empfängt der VfB Stuttgart am Mittwochabend den FC Bayern München.  Die Partie in der Mercedes-Benz-Arena wird ...

 
... der VfB gewinnen. Das wird ein toller Abend!
... durch die besseren Elfmeter-Nerven entschieden
... mit einem Favoritensieg der Bayern enden
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Facebook
  • Foren
  • Twitter
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
 
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise