Auf gut Schwäbisch Woher stammt der Begriff Huatsempel?

Roland Groner, 21.01.2013 11:15 Uhr
Heidi Hölzlsauer aus Nürtingen interessiert sich für den Huatsempel und möchte dessen Bedeutung erfahren. Um diesen Wunsch erfüllen zu können, müssen wir zuerst den Huåtsembl in seine  Bestandteile zerlegen.

Heidi Hölzlsauer aus Nürtingen interessiert sich für den Huatsempel und möchte dessen Bedeutung erfahren. Um diesen Wunsch erfüllen zu können, müssen wir zuerst den Huåtsembl in seine  Bestandteile zerlegen.
Mit dem „Sembl“ fangen wir an. Das Wort „simpel“ ist vom französischen Adjektiv „simple“ in die deutsche Sprache übernommenworden.Auf Personen bezogen bedeutet es „einfach, bescheiden nach Lebensstellung und Lebenshaltung, einfältig, harmlos, schlicht von Sinn und Verstand, und so fort bis zur Bedeutung von blöde, dumm“ (Grimm). In den oberdeutschen Mundarten ist das Adjektiv „simpel“
nicht zu Hause, dafür in substantivierter Form „der Simpel“ als einfältiger Mensch, Geistesschwacher. Es wird gern als Schimpfwort benutzt.
Wer nun meint, der Huåtsembl ist ein Dummkopf mit einem besonderen Hut, ist auf dem Holzweg,denn nicht „der Hut“ ist maßgebend, sondern „die Hut“. Dieses Wort steht für „Bewachung, Behütung, Schutz“ und kommt in der deutschen Sprache bei „Obhut, Nachhut, auf der Hut sein“ vor. Hermann Wax zitiert in seiner „Etymologie des Schwäbischen“ Karl Schramm, der „Huåtsembl“ wie folgt erklärt.
Das Wort ,hut‘ war die Bezeichnung der bürgerlichenWachtpflicht an den Toren der Stadt.Wer imMittelalter in Mainz so simpelhäftig war, keine Befreiung für seine Hutpflicht (Wachtpflicht) aufgrund
von Geburt, Beziehungen oder durch Freikauf zuerhalten,war zur Wacht verpflichtet und somit ein Hutsimpel. Nur zur Ergänzung: In der Bibelsprache ist Hut „ein Wachtdienst der Leviten im Tempel“.


„In den 50er Jahren sagte mein Vater immer zu mir: ‚Du bist so ein Wafflabaldes.‘ Bis heute kann ich diesen Ausdruck nicht so richtig deuten, kaum ein Schwabe aus dem Vorderen Schurwald, den ich  gefragt habe, kannte den Ausdruck.“ Dies schreibt Karl Heinz Wahr aus Aichwald.
Teilen wir das Wort „Wafflåbaldås“ in seine Bestandteile. „Waffl“ in seiner Bedeutung „unschöner, großer Mund/Maul“ wurde bereits vorgestellt. „Halt dãê Waffl!“ ist gleichbedeutendmit „Halt dãê Gosch!“. „Baldås“ ist die verkürzte Form des Namens „Balthasar“, so dass Wafflåbaldås „dr Baldås mit sãêrå graoßå Gosch“ bedeutet, oderwie es bei Hermann Wax heißt: „einer, der alles besser weiß und vorlaut ist“. Vermutlich gab es in irgendeinem Dorf irgendwann einmal einen Balthasar, der sich als Besserwisser besonders hervorgetan hat. Sein Õnãmå/Ãõnãmå „Wafflåbaldes“ ging mit der Zeit von Dorf zu Dorf.
Ergänzung: In vielen Gegenden ist „Waffl“ für Mund unbekannt; geläufiger ist vielfach derAusdruck „Raffl“. Der schwäbische Spruchdes Tages kommt von Gerhard Noller: „Bei Menschen, die gerne in der ,Oberklasse‘ mitspielen wollen,auch wenn ihnen das nicht möglich ist, sagte mein Vater stets: ,Der will au mit de große Hondbronza ganga,ko aber da Fuaß net lupfa!‘“

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