Auf gut Schwäbisch Von meicheln und meucheln

Von Roland Groner 

Wenn es modrig riecht Foto: StN
Wenn es modrig riechtFoto: StN

Hans Kauffmann erinnert sich an eine schwäbische Redensart seines Vaters. Dieser sagte immer, wenn sie in einen ungelüfteten Raum kamen: „Hier schmeckt’s meichelich.“

Stuttgart - Hans Kauffmann erinnert sich an eine schwäbische Redensart seines Vaters. Dieser sagte immer, wenn sie in einen ungelüfteten Raum kamen: „Hier schmeckt’s meichelich.“ Damit meinte er: Es riecht moderig, stickig oder einfach schlecht. Auch Inge Gwiasda aus Aichtal befasst sich mit dem Wort „meicheln“. Hans Kauffmann stellt dazu die Frage, ob dieser meichelige Geruch etwas mit dem Meuchelmord zu tun habe. Damit schlägt unser Fragesteller einen gewagten Bogen, denn moderiger Geruch und hinterhältiges Morden liegen doch schon weit auseinander. Prüfen wir die Vermutung.

Beginnen wir mit dem Wort „meucheln“, worunter man „hinterrücks ermorden“ versteht. Dieses Verb hatte im 16. Jahrhundert zunächst die Bedeutung „heimlich handeln; naschen“. Es beruht auf einer Weiterbildung zu dem im Neuhochdeutschen untergegangenen Verb „muchen“ (mhd.), „muhhon“ (ahd.) „(sich) verbergen, wegelagern“ – so die Darstellung in der Duden-Etymologie. Bei Grimm wird ergänzt, dass dem Wort „muh“ der Begriff der Heimtücke und des heimlichen Lauerns zugrunde liegt. Dieses „muh“ führte zu „muhhilari“ (ahd.) und „miucheler“ (mhd.) – aus dem „iu“ wurde später ein „eu“ – somit aus „miucheler“ der Meuchler (hinterhältiger Mörder).

Untersuchen wir jetzt die Herkunft von „meichålå“, auf Deutsch „mäucheln“. Man versteht darunter „einen Schimmel- und Modergeruch verbreiten, nach Fäulnis riechen“, was auf verschiedene Ursachen zurückgehen kann, wie auf eine längere Zeit herumstehende Speise, ein feuchtes Zimmer, einen nicht ausgewaschenen Krug, faulende Blumenstiele u. ä. Es ist nicht einfach, zu dem Begriff „mäucheln“ eine geeignete Quelle zu finden, es sei denn, man versucht es über das Verb „maucheln“. Doch dieses Wort hat die Bedeutung „heimlich und hinterlistig handeln, namentlich betrügen“, und damit landen wir wieder im Bereich von „meucheln“.

Es gibt jedoch noch ein Licht im Dunkeln, denn „maucheln“ hat noch eine andere Bedeutung. Im Schwäbischen Wörterbuch von Johann Christoph von Schmid von 1831 heißt maucheln u. a. „verstecken, heimlich zu Werke gehen“. Das daraus abgeleitete Wort „Mauche“ ist ein Ort zum Verbergen, ein heimlicher Winkel, eher als „Mauke“ bzw. „Maukennest“ bekannt, in dem vor allem Kinder heimlich einen Vorrat an Obst, Nüssen u. a. ansammeln, insbesondere im Heu, Stroh und ähnlichen Plätzen. Was hier zu lange gelagert ist, beginnt zu faulen und erzeugt einen nach Moder und Schimmel riechenden Geruch – ‘s-meichålåt. Wenn diese Fährte richtig ist, dann ist auch geklärt, warum „mäucheln“ mit „äu“ und nicht mit „eu“ geschrieben wird.

Eine andere Quelle könnte der Begriff „mücheln“ sein, der bei Grimm zu finden ist. Darunter verstand/ versteht man „verderben, schimmlicht, anbrüchig riechen“. Das hier gebrauchte Wort „anbrüchig“ ist heute in Wörterbüchern nicht mehr vorhanden, wird jedoch in der Forstwirtschaft noch benutzt, wo es für angefaultes, morsch gewordenes Holz verwendet wird; „mücheln“ selbst ist eine Iterativbildung zu „muchen, müchen“. Mit „iterativ“ bezeichnet man Verben, die eine stete Wiederholung von Vorgängen ausdrücken, erkennbar u. a. an der Endung „-eln“. „muchen, müchen“ selbst bedeuten „einen modrigen Geruch von sich geben, nach Schimmel oder Moder riechen“.

Da in Fischers Wörterbuch auch die Formen „meichtålå“ und „michtålå“ genannt werden, könnte möglicherweise „müchten“, eine Nebenform von „müchen“, die Quelle für diese Varianten sein. Die Leser haben die Wahl. Der schwäbische Spruch des Tages – ein sehr kurzer – kommt von Angelika Geissel aus Mühlacker. Sie schreibt: „Ich selber kann nur ein bissle Schwäbisch, aber meine Freundin ist eine waschechte Schwäbin. Bei ihr zu Hause habe ich nicht immer alles verstanden. Zumal ihre Familie recht groß und lebhaft war. Kam jemand zur Tür rein, fragte sie immer: „Wa witt?!‘“

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Auf gut Schwäbisch I han helfa butzt

Von 29. Juni 2014 - 10:00 Uhr

„Bei der Konstruktion: ‚I han helfa butzt‘ beziehungsweise ‚Du soddsch oofanga senga‘ bin ich immer davon ausgegangen, dass ‚helfa‘ bzw. ‚oofanga‘ hier adverbiale Konstruktionen sind, zu übersetzen etwa mit ‚helfenderweise‘, ‚beginnenderweise‘. Stimmt das, oder sind es Infinitive oder gar verkümmerte Vergangenheitsformen des Verbs?“