Auf gut Schwäbisch Rauchfleisch und Gesangsbuch

StN, 12.12.2012 18:21 Uhr
Die gestrige Bitte von Martin Hoffmann nach dem vollständigen Text eines Gedichts wurde von Leserinnen und Lesern prompt erhört. Besten Dank.

Stuttgart - Die gestrige Bitte von Martin Hoffmann nach dem vollständigen Text eines Gedichts wurde von Leserinnen und Lesern prompt erhört. Besten Dank unter anderem an Gertraud Bindel Klaus A. Boner, Karin Feller, Fritz Flattich, Magdalene Groß, Peter Karcher, Ursula Kröll, Manfred Metzger, Kurt Negele, Ilse Rebmann, Elisabeth Rommel und Helga Zaiser. Klaus A. Boner schreibt dazu: „Dieses Gedicht gehört zu meinen Standardgedichten bei geselligen Abenden. Es stammt von meinem schwäbischen Lieblingsdichter Werner Veidt und heißt ‚Sonndichmorge‘:

Guate Morge Frau Wyrch,

wo ganget se na?

Wie goht’s denn drhoimde,

was macht denn Ihr Ma ?

,Ha, wie’s halt am Sonndichmorge

so isch‘, secht Frau Wyrch,

,mei Alter der schloft no

ond i gang end Kirch.‘

,End Kirch’ gehnt Se;

des iberschteigt mein Verschtand,

worum hent Se denn da a Schtick

Speck in d’r Hand?‘

,O Jesses‘, schreit d’Wyrche

ond fahrt z’ samma wia bissa:

,Jetzt Han i’ s Gsangbuach en

d’ Erbsa nei gschmissa!‘“

Helga Zaiser aus Schönbuch-Lichtung kennt eine andere Version: „Das Gedicht stammt aus der Feder des in unserer Gegend nicht unbekannten Schönaicher Dorfschulmeisters Ernst Keppler (Buchtitel: ,Bombola – saure ond süße für Alte ond Jonge‘). Die Jüngeren sollten dazu wissen, dass es früher sonntags in den ländlichen Gegenden immer Sauerkraut zum Mittagsessen gab, damit die Hausfrau zur Kirche gehen konnte. Sowohl in Schönaich als auch in Holzgerlingen wird behauptet, die Geschichte habe sich tatsächlich so zugetragen. Titel: „En dr Eil’“

Es isch am Sonntichmorga gwea,

es hot vorich ‚s ander g’litta

(Anmerkung: Diese Zeile bedeutet,es hat vorhin zum zweiten Mal geläutet. Damals läutete es bereits eine Stunde vor dem Gottesdienst, eine halbe Stunde später dann zum zweiten Mal).

kaascht d’Marie en dr Kuche seha,

de Fleißigst oobestritta.

Se stoht am Herd em Wertichhäs,

ischt no net kämmt ond gwäscha;

au d’Schuha send no net sonntichg’mäß,

d’ Händ voola Ruaß ond Äscha.

Dr Krauthaaf hanget schau em Loch

Grombira, koine kleine,

dass jo des Zuig reacht sied ond koch

duaet se drei Scheitla eine.

So jetzt ischt aber haichsta Zeit,

wenn’s no en d’ Kirch soll langa;

schnell d’ Hoor nauf gmacht

ond d’Zöpf romglait

mit Noodla ond mit Spanga.

Da Kasta auf! s’ schwarz Kloidle raus!

Drai-nei wie’s Heilichsfeuer!

Am Heedschich gucket d’Fenger naus:

dees Glomp ischt au so teuer!

Dass en dr Eil dr Nestel bricht,

des ischt jo selbstverständlich!

Guck wia dr Zorn des Weible sticht!

Se bruddlet wütich: ,Endlich!‘

Jetzt stoht se do em Sonntichstaat,

schau hairt ma zeemaläuta.

Nemmt schnell a Opfer aus dr Laad

ond ’s Gsangbuch fromm an d’Seita.

Doch wie se gau will fällt ra s’ ei:

dr Speck muaß no es Kräutle!

Sott bis em elfa kochet sei,

sonst schilt mei alter G’scheidle.

Drom nix wia’s Behnestiagle nauf

ond s’ Rauchfleisch raa vom Stängle!

Fast goht deam Weible aus dr Schnauf,

so sauet se durch ’s Gängle.

Da Deckel weg ond nei ens Kraut

ond naus zom Haus wia gfloga

ond nei en d’ Kirch –

ma sengt schon laut –

ond s’ Gsangbuach auserzooga!

Was ischt denn dees – oh liabe Zeit?

O Marie, was hoscht gschaffet?

Fast isch se ontern Bank naakeit,

weil älles noch ’r gaffet.

Oh liaber Heiland, guck au raa!

Dees ischt a Gschicht, a domma:

es Kraut nei hot se

s’ Gsangbuch g’schlaa,

da Speck en d’ Kirch mitg’nomma!

Wia kitt’ret älles om se rom,

dia Weiber ond dia Mädla!

’s ganz Dörfle lacht sich lahm

ond kromm

über’s G’sangbuachkrautsalätle! Der Spruch des Tages kommt von Rolf Artmann aus Winnenden. Er schreibt: „Zum gestrigen Spruch des Tages fällt mir ein Satz meines Maschinenbau-Lehrmeisters ein. Wenn ein Lehrling bei seiner praktischen Prüfung sein ,Stückle‘ versaut hatte ,rief er wütend: ,Kerle hättsch Bäcker glernt, no hättsch dai vermurkst Stückle wenigschtens fressa könna!‘“

 
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