Wenn Nicolas Müller auf die Filder reist, um seinen Beruf auszuüben, dann könnte er durchaus Ansprüche stellen. Immerhin ist der Mann die Nummer 21 der Squash-Weltrangliste. Als Unterkunft also ein Hotel der gehobenen Kategorie? Müller schüttelt den Kopf. Auch für den Fall, dass der Etat seines Arbeitgebers, des Vaihinger Bundesligisten Sport-Insel Stuttgart, das hergeben würde - der Schweizer kommt gar nicht erst auf solche Gedanken. Vor eineinhalb Wochen, als das Filderteam in Worms und gegen Bremen gespielt hat, hat er das Gästezimmer bei seinem Mannschaftskollegen Ben Petzoldt vorgezogen. "Für uns Squasher ist das normal. Wir sparen, wo wir können, und zudem bin ich das ganze Jahr über bei Turnieren in Hotels unterwegs, da ist so ein Privataufenthalt eine schöne Abwechslung", sagt der 22-Jährige.
Bedankt hat sich Müller für Bett und Frühstück mit zwei Siegen gegen den ehemaligen Weltranglistenneunten David Palmer und den Engländer Anthony Graham. Danach hat er sich ins Auto gesetzt, ist 220 Kilometer nach Hirzel bei Zürich gefahren, hat die Wäsche gewechselt und ist weitergeflogen nach Linköping in Schweden, wo in der vergangenen Woche ein mit 70 000 US-Dollar dotiertes Weltranglistenturnier auf dem Programm stand. Etwa 15 Turniere spielt der Vollprofi im Jahr, dazu kommen Einsätze für gleich vier Vereinsmannschaften in Frankreich, England, der Schweiz und eben Vaihingen. Bei der Sport-Insel steht Müller mittlerweile im sechsten Jahr unter Vertrag. "Das Spielen in Clubs in ganz Europa ist ein guter Zusatzverdienst, aber das Geld ist nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist, dass ich mich mit den besten Spielern der Welt messen kann und dadurch selbst besser werde", sagt der Eidgenosse, der bereits mit fünf Jahren mit Squash begonnen hat.
Wenn alles glatt läuft, wird Nicolas Müller in ein paar Wochen erstmals in den Top 20 der Weltrangliste geführt. Am Ziel sieht er sich damit allerdings noch nicht - das ehrgeizige Vorhaben ist, die Nummer eins der Welt zu werden, so wie es der Landsmann Roger Federer mit dem Tennisschläger geschafft hat. Persönlich kennengelernt haben sich die beiden besten Schweizer ihrer jeweiligen Sportart schon. Ein kleines Match ist fest vereinbart. Zu klären ist noch, mit welchem Racket. "Er ist ein supernetter Typ, aber vom Bekanntheitsgrad her trennen uns Welten. Ich kann in Zürich noch unerkannt einkaufen gehen, auch wenn der Squashsport bei uns in den Medien zunehmend an Beachtung gewinnt", sagt Müller, der in der Weltrangliste derzeit so weit oben steht wie noch kein Schweizer vor ihm.
Einzel-Europameister war Nicolas Müller bereits in der Jugend, dazu Weltmeisterschaftsdritter bei den Junioren. Und auch den Anschluss bei den Aktiven hat er scheinbar mühelos geschafft. Sein dort bislang größter Erfolg: Rang vier im Einzel bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in Polen.
Zuhause ist der Weltenbummler Müller im selben 2000-Einwohner-Ort wie einst die berühmteste Schweizer Schriftstellerin, Johanna Spyri ("Heidi"). Dort, in Hirzel, sind die Bedingungen für ihn eigentlich optimal und schaut auch einer seiner besten Freunde, die deutsche Nummer eins, Simon Rösner, regelmäßig zum Sparring vorbei. Dennoch hat Müller schon überlegt, den Wohnsitz zu wechseln. Zur Wahl stünden New York ("meine Lieblingsstadt") und England ("dort ist mir aber das Essen zu schlecht"). Fürs Erste reist er definitiv in die USA. In Richmond/Virginia steht das nächste Weltranglistenturnier an. Zuletzt, bei den erwähnten Swedish Open, ist Nicolas Müller im Viertelfinale am ehemaligen Weltranglistenersten Karim Darwish aus Ägypten gescheitert.