Art Alarm Kulturstandort Stuttgart: Widerstand war gestern

Von Nikolai B. Forstbauer 

Vier Kunstetappen unserer Zeitung und das Galerienwochenende Art Alarm beleuchten den Kunststandort Stuttgart.

Stuttgart - Ein Sonntag wie aus dem Lehrbuch der ­Debatte um den Kulturstandort Stuttgart: Bis auf den letzten Platz gefüllt die Reihen bei der Spielzeiteröffnung des Staatsschauspiels Stuttgart an wiederum neuer Interimsspielstätte, großes Interesse am in die Brenzkirche ausgelagerten Festakt zur 25-jährigen Kunstarbeit im Hospitalhof, und rege Nachfrage an den Taxi-Shuttle-Touren auch am zweiten Tag des Art-Alarm-Wochenendes von 21 ausgewählten Stuttgarter Privatgalerien.

Näher dran an der Kunst

Für die Leserinnen und Leser unserer Zeitung beginnt der Weg mitten hinein in den vielfachen Kunstsaisonauftakt bereits am vergangenen Montag. „Wie arbeiten Künstler?“ Das ist das Thema, und die einzig mögliche Bühne ist ein Produktionsort. Die Atelierhäuser in der Reitzensteinstraße in Stuttgart sind das Ziel, und dort zunächst die Werkstatt des Malers Herbert Egl. Die Zeichnerin Carolin Jörg ist mit dabei, der Licht- und Objektkünstler Nikolaus Koliusis, aber auch weitere „Reitzensteiner“, wie einmal eine Ausstellung die Künstlerinnen und Künstler nannte, Wolfram Ullrich, ­Camill Leberer und Christiane Baroso. An diesem Abend wird deutlich: Ungeachtet aller Mobilität gerade auch der Künstlerinnen und Künstler ersetzt nichts die Sicherheit, dauerhaft und zu finanziell verlässlichen Bedingungen dauerhaft an einem Ort arbeiten zu können.

Warum Kultur mehr ist

Einen Abend später spüren die Leserinnen und Leser unserer Zeitung die Spannung, die auch drei Jahre nach der Ankündigung der Politik, die Kulturausgaben in Stuttgart um fünf Prozent kürzen zu müssen, immer noch die Diskussionen beherrscht. Hier Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU), dort Jean-Baptiste Joly, Direktor der international agierenden (Landes-)Fördereinrichtung Akademie Schloss Solitude und viele Jahre in zahlreichen kulturpolitischen Gremien engagiert. „Wie viel Politik braucht die Kunst?“, das ist die Frage des Abends, und es ist ein Künstler, der deutlich macht, dass die Kulturschaffenden und die Kulturpolitiker in der Landeshauptstadt keineswegs so weit voneinander entfernt sind, wie es mitunter scheint. Nikolaus ­Koliusis nimmt Gedanken und Hinweise von Eisenmann wie von Joly auf, bis er schließlich einen Zielpunkt skizzieren kann. Kunst und Kultur sind mehr als die Summe ihrer Einrichtungen, und die Vergewisserung, dass Kunst und Kultur buchstäblich mit Zwischentönen Räume schaffen, muss immer wieder neu von allen Seiten gestützt werden.

Eine Chance also, auch die Initiative „Kultur im Dialog“ neu zu justieren, die Fragen der Kulturschaffenden an die eigene Arbeit auch als Möglichkeit zu sehen, (kultur-)politische Arbeit über das Verteidigen des zu Verteilenden hinaus zu denken?

6,8 Prozent des Stuttgarter Haushalts fließen in die Kulturförderung. Eine stolze Zahl, die Susanne Eisenmann gerade auch im Vergleich zu anderen Städten noch ­gewichtiger erscheinen lassen kann. Jean-Baptiste Joly stimmt dem zu – und weist doch gerade deshalb auf die Frage der Dialoge hin. Wenn schon, wie Eisenmann, Joly und Koliusis übereinstimmend feststellen, die Kunst nicht zur Reparatur der Städte taugt und die kulturelle Bildungsarbeit nicht zur Reparatur gesellschaftlicher Fehlstellen – ist es nicht gerade dann eine gute Zeit, die Frage der Kulturförderung selbstbewusst auch auf andere Ressorts der Stadtverwaltung auszudehnen.

Dann wäre auch Nikolaus Koliusis am Ziel, der betont, welche Energie durch Begegnungen erzeugt wird – durch Begegnungen, die häufiger als man denkt, von Kunstschaffenden angestoßen werden.

Galerien als Impulsgeber

Eine Privatgalerie ist am Mittwoch nächste Station der „Ortstermin extra“-Reihe unserer Zeitung. „Wie arbeiten Galerien?“, das ist die Frage. Zur Bühne für die Leserinnen und Leser unserer Zeitung wird die Galerie Michael Sturm in Stuttgart-Mitte. Müsste es aber nicht heißen „Wie unterschiedlich arbeiten Galerien?“ – diese Frage wird nach den ersten Äußerungen von Michael Sturm, Christiane und Dieter Mueller-Roth, Kuno Schlichtenmaier und Horst Merkle laut. Hier die „Programm- und Konzeptgalerie“ (Dieter Mueller-Roth), dort das Aufarbeiten kunstgeschichtlicher Linien inklusive des Aufbaus eines eigenen Werkpanoramas einer Künstlerin oder Künstlers, wie es Kuno Schlichtenmaier skizziert.

Eines aber verbindet bei allen Unterschieden – der Wille, langfristig mit einem Künstler, mit einer Künstlerin zusammenzuarbeiten. Wie die künstlerischen Positionen würden sich dabei auch die Positionen der Galerien ständig weiterentwickeln, sagt Michael Sturm – und ebendies mache seine Rolle „spannend“. Kuno Schlichtenmaier ist es dann, der die Freude über Initiativen wie das Galerienwochenende Art Alarm dämpft. „Hier sind 20 Kollegen engagiert“, sagt er, „in Berlin sind es 60 bis 70, in Köln noch immer zwischen 40 und 50.“ Sprich: „Ich würde mir noch deutlich mehr Galerien in Stuttgart wünschen.“

Wäre da nicht eine Verwässerung der Angebote zwangsläufig? „Nein“, sagt nun auch Horst Merkle, „ich denke, wir können und sollten mutiger sein.“ Umso mehr, als sich die Podiumsgäste auch darin einig sind: Als erste relevante Stationen für die Präsentation eines künstlerischen Werks sind die Galerien erste Impulsgeber für einen Kunststandort.

Noch Hemmschwellen

Andrang dann am Samstagvormittag. Die Galerie Parrotta im Stuttgarter Westen ist erste Station einer ­exklusiven Art-Alarm-Führung für die Leserinnen und Leser unserer Zeitung. „Ein guter Auftakt für uns“, freut sich Sandro Parrotta. Die Galerien ­Anja Rumig, Klaus Gerrit Friese, Marko Schacher und Horst Merkle sind weitere Stationen. Die Mehrzahl der Leserinnen und Leser bringt zum Ausdruck, was man in den Galerien nicht so gerne vernimmt.

Alleine, so hört man immer wieder, würde man in eine Galerie ja nicht so gerne gehen. Warum nicht? Na ja, kommt die Antwort etwas zögernd – da gebe es eben Hemmungen. Türen, Klingeln, mitunter das Gefühl, vielleicht nicht genug zu wissen. Es gibt sie also doch, die Hemmschwellen, die von den Kunstvermittlern gerne in Abrede gestellt werden. „Wir können hier immer wieder nur lernen“, sagt Klaus Gerrit Friese. Als ­Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien hat er jedoch noch an anderer Stelle für offene Türen zu sorgen. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für Kunstgegenstände soll nach einer EU-Richtlinie in Deutschland auf 19 Prozent erhöht werden. Den Impulsgebern droht existenzielle Gefahr.

Weitere Informationen unter www.stn.de/artalarm

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