Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren

Drei, zwei, eins - raus!

"Stuttgarter Nachrichten", vom 06.03.2010 04:32 Uhr
Es ist nur wenige Jahre her, da entrümpelte halb Deutschland seine Dachböden, um die Fundstücke auf Ebay zu versteigern. Nun scheint das Auktionshaus entzaubert - und befindet sich hierzulande in einer großen Krise.

Von Jörg Heinrich

Auf Ebay waren der Papst-Golf im Angebot, die abrasierten Haare von US-Popsängerin Britney Spears und ein zehn Jahre alter Käsetoast mit dem Porträt der Jungfrau Maria. Das leicht angegammelte heilige Sandwich brachte bei der Versteigerung etwa 17 000 Euro ein. Im Rückblick waren das die goldenen Zeiten des Internet-Auktionshauses. Heute sind die Dachböden leer geräumt, das Geschäft läuft schlecht, der einstige Lieblingsflohmarkt der Deutschen steckt in der Krise. Autor Axel Gronen, der seit Jahren Bücher über Ebay schreibt, beklagt: "Ebay ist entzaubert. Es ist nur noch ein ganz normaler Marktplatz." Konsequenz für viele unzufriedene Nutzer: Drei, zwei, eins - raus!

Das Hauptproblem: Ebay will nicht mehr Ebay sein, also eine virtuelle Fundgrube für Gebrauchtwaren aller Art. Sondern eher Amazon, ein Online-Kaufhaus für Neuwaren zum fixen Preis, die mehr Umsatz bringen als die Dachbodenverkäufe, deren Potenzial längst erschöpft ist. In England sind bereits 80 Prozent der Artikel Festpreisangebote, nur 20 Prozent stammen noch aus Auktionen. "Das Ebay, das Sie kennen, ist nicht das, was wir sind - oder das, zu dem wir werden wollen", kündigt Unternehmenschef John Donahoe an. Doch den Kampf gegen Amazon kann er kaum gewinnen. Die US-Firma mit ihrer zuverlässigen Logistik und ihrem Saubermann-Image ist Ebay als Internet-Kaufhaus weit voraus.

Wer bei Amazon einkauft, muss kaum Angst haben, übers Ohr gehauen zu werden. Bei Ebay sieht dies anders aus. Zwar meint der Ökonom Matthias Wibral von der Uni Bonn, der eine Studie über Ebay erstellte: "Die überwiegende Mehrheit der Verkäufer ist ehrlich." Dennoch nutzen so viele kleine und große Betrüger Ebay, dass Wibral zum Schluss kommt: "Leute bleiben der Plattform fern, weil sie Angst haben, betrogen zu werden." Im dritten Quartal 2009 gingen die Versteigerungen weltweit um zwölf Prozent zurück, im vierten Quartal um weitere drei Prozent. Nur der Verkauf der Internettelefon-Firma Skype, die im September für 1,9 Milliarden Dollar abgestoßen wurde, sorgte 2009 für den Rekordgewinn von 2,39 Milliarden Dollar. In seiner Deutschland-Zentrale in Dreilinden bei Berlin (in der seit Ende 2008 bereits drei Chefs das Sagen hatten) entlässt das Unternehmen zur Jahresmitte 400 der 630 Beschäftigten.

Seine Kunden verärgert Ebay zudem mit häufig wechselnden Regeln. So wurde erst 2009 bei den beliebten Ein-Euro-Angeboten der Gratisversand für bestimmte Warengruppen wie Bücher, CDs oder Videospiele vorgeschrieben, um dem häufig kostenlosen Versand bei Amazon Paroli bieten zu können. Nach zahlreichen Protesten hob Ebay diese Bestimmung gerade wieder auf. Für viel Ärger sorgt derzeit die neue Vorschrift, nach der Ebay-Einsteiger mit weniger als 50 Bewertungen verpflichtet sind, das Ebay-eigene Bezahlsystem Paypal ("Bezahlfreund") als Zahlungsoption anzubieten.

So will das Auktionshaus seinen expandierenden Finanzservice, der bereits für rund ein Drittel des Konzernumsatzes sorgt, in Deutschland weiter durchsetzen. Dadurch werden die Auktionen teurer (um mindestens 1,9 Prozent des Umsatzes plus 35 Cent). Zudem gilt Paypal wegen Sicherheitsbedenken und mangelnder Transparenz als umstritten. Das Internet ist voll von Beschwerden, in denen Kunden klagen, dass Paypal trotz ordnungsgemäßer Lieferung die Weitergabe der bezahlten Summe verweigert. Die Google-Suche nach der Wortkombination Paypal und Probleme bringt 2,6 Millionen Treffer. Derzeit prüft das Bundeskartellamt die Koppelung von Verkauf und Zahlungsmethode bei Ebay.

Verwunderlich ist es somit nicht, dass ein Redner auf der letzten Mitglieder-Konferenz "Ebay Live" in Chicago klagte: "We are running out of Germans" - "Uns gehen die Deutschen aus . . .".

Kommentare (11)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
APR
12
15:19 Uhr, geschrieben von Mopperkopp
runningGerman: nichts für Christen??? Ich denke doch!
"Neid, Gier und Falschspielerei" anzuprangern und das als mit dem Christentum unvereinbar zu bezeichnen, zeigt nur eins - dass der Beschwerdeführer mit der Geschichte des Christentum nicht im Mindesten vertraut ist. Gerade zu den christlichen Glaubensgemeinschaften passt dieses Verhalten wunderbar - daran ändern auch die heuchlerischen und von der Angst vor weiterem Mitgliederschwund geprägten Reden der Neuzeit nichts. Back to topic: es ist nicht neu, dass eBay sich ein Bein nach dem anderen stellt und letztlich nur dank cleverer Zukäufe (z.B. ricardo) überlebt. Man hat eben - und das war eine der wenigen schlauen Entscheidungen - unliebsame Konkurrenz eliminiert. Nur - da, wo sie jetzt hinwollen, da gibt es bereits starke Konkurrenz. Bleibt zu hoffen, dass eBay nach der ganzen sich-selbst-ein-Bein-Stellerei bald nicht nur strauchelt, sondern heftigst auf die Nase fällt. Arbeitsplätze können (zumindest in Deutschland) dadurch ja kaum noch gefährdet werden - wie Leute hat eBay ja jetzt schon weitestgehend als unliebsamen Kostenfaktor entsorgt.
APR
02
16:27 Uhr, geschrieben von Corradofahrer (Mehrjähriger gewerbl. Ebayhändler)
Blindäugig in den Untergang:
Viele Probleme seitens ebay wurden im Artikel ja schon angerissen, wie z. B. die teilweise wöchentlichen Änderungen der ebay-Grundsätze. Dabei geht es dann leider immer nur zu Gunsten des Eigennutzens ebays und seiner Gewinnmaximierung (z. B. Paypal-Zwang) und nicht um ein faires miteinander oder einer wirklichen Verbesserung der Plattform selber. Dadurch wird ebay immer unattraktiver. Auch kümmert sich ebay nicht um die Probleme der Mitglieder. Hier läuft man bei Problemen gegen eine Wand. Statt einer Deeskalationsstelle gibt es automatisierte Textbausteine, die meist nichts mit den geschilderten Problemen zu tun haben. Deeskalation ist ebay schlicht zu teuer. Damit bekommen Abzocker und Betrüger freie Hand. Die Folge ist, das die ehrlichen, spätestens wenn sie mehrmals schlechte Erfahrungen gemacht haben, ebay den Rücken kehren und gleichfalls Betrüger angelockt werden. Damit verändert sich der prozentuale Mitgliedsanteil zusehends zu Gunsten der unehrlichen, wodurch noch mehr ehrliche schlechte Erfahrungen machen müssen. Ein Teufelskreis, der sich immer weiter hoch schaukelt und das Immage massiv schädigt. Ein weiteres Beispiel, was Betrüger Tür und Tor öffnet: Warum werden seit einigen Jahren die Mitbieter nicht mehr namentlich angezeigt? Damit wird zum Beispiel das hochtreiben der Bietpreise über Bekannte und Freunde ermöglicht, ohne das Mitbieter das noch erkennen und somit was dagegen tun können. Aber höhere Verkaufserlöse bringen auch hier einmal mehr Verkaufsprovision für ebay! Die ebay Manager haben immer nur die kurzfristigen Umsatzzahlen vor Augen und sehen überhaupt nicht mehr, wie viel Schaden sie damit dem Unternehmen bereiten. Das sind nur einige Beispiele, wo ebay massiv sein Vetrauen verspielt hat. Das Einzige, was ebay noch retten könnte wäre, wenn die Verantwortlichen wieder alles so machen würden, wie es in der Anfangszeit war. Ansonsten gebe ich ebay langfristig keine Chance mehr. Und das zu Recht. Ebay meint, mit Paypal und Skype lässt sich genau so Geld verdienen. Aber zumindest Paypal ist auch massiv von ebay abhängig. Geht ebay pleite, wird Paypal sicherlich auch massiv darunter leiden. Und für Paypal sehe ich ebenso schlechte Zeiten kommen. Der schlechte Ruf dort kommt auch nicht von Ungefähr. Schließlich hat hier auch das ebay Management das sagen und so wird hier genauso fehlerhaft verfahren und entschieden, wie bei ebay selber. Schade das man bei guten Dingen mit einem so mieserablen Management so viel unnötig selber kaputt macht.
APR
01
19:26 Uhr, geschrieben von Jens
Ebay
@Brotesser Ich stimme Ihnen voll zu. Doch war es eigentlich wieder der Herr Gronen, der auf die erzwunge Preisbindung von Amazon auf seiner Website hingewiesen hat. Meine Meinung über Amazon ist übrigens genauso schlecht wie über Ebay; aber das möge bitte ein jeder für sich selbst entscheiden. Zum Glück gibt es mittlerweile gute Alternativen zu Ebay/Amazon und Consorten und ebenso gute Bezahlsysteme. Die Negativerfahrungen von PayPal-Usern sind bei weitem keine Einzelfälle mehr. Aber auch hier gilt: Wer sich von den Buddys von der anderen Seite des grossen Teiches gängeln und bevormunden lassen will, möge dies eben tun. Ich bin jedenfalls nicht mehr dabei und das war eine sehr gute Entscheidung; ich habe nun meine Ruhe.
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  4
nächste
Anzeige
Nachrichtenticker
09:22   Putschversuch auf den Malediven
09:19   Kältetoter in Niedersachsen
09:12   Bahr will Pflege-WGs fördern
08:43   NBA-Veteran Kobe Bryant: Meilenstein trotz Niederlage
07:59   Erneute Anschlagserie von Islamisten in Nigeria
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren
Video
Interaktiv
  • Umfrage
120205_ar_Polizei-Max-Eyth-See._007

Weil immer wieder Besucher auf die eisige Oberfläche wollten, musste die Polizei am Sonntag den Stuttgarter Max-Eyth-See sperren. Finden Sie das richtig?

 
Ja sicher, die Eisschicht kann doch jederzeit brechen
Weiß nicht. Jeder sollte selbst entscheiden, ob er sich aufs Eis wagt
Das ist übertrieben. Man wird dort ja wohl mal Schlittschuhlaufen dürfen
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Facebook
  • Foren
  • Twitter
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
 
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise