Auf dem CD-Regal stehen drei gerahmte Bilder. Schnappschüsse einer jungen Frau: Mal mit Zylinder und Zigarette wie Marlene Dietrich oder mit Blazer und Sonnenbrille als Blues Brother. Sie wirft dem Fotografen eine Kusshand zu. Bezaubernd. "Das bin ich", sagt Kathrin L.
Das ist sie auch, könnte Werner K. sagen. In einem Aschenbecher qualmt seine Selbstgedrehte, in einem anderen der Discounter-Zigarillo von Kathrin L. Wenn einer von beiden das Wort ergreift, ist fast immer das Klicken eines Feuerzeugs zu hören. Sie erzählen ihre Geschichte in Zigarettenlängen, Zug um Zug.
Das Paar hat sich 2007 in einem Café kennen gelernt. Zunächst eine ganz normale Liebesgeschichte. Bis Kathrin erzählte, dass sie schon einmal in der Psychiatrie gewesen ist. Wegen Depressionen. Werner schreckte das zunächst nicht ab. "Ab einem gewissen Alter hat doch jeder Mensch sein Päckchen zu tragen", sagt er und zieht tief an seiner Zigarette. Doch bald bemerkte Werner, dass Kathrins "Päckchen" sie völlig erdrückte. Mal saß sie heulend in einer Ecke, wenn er von der Arbeit kam. Sie blieb da stundenlang, egal, wie lang Werner auf sie einredete. Schlimm waren auch ihre Wutausbrüche.
Kathrin war so leicht zu verletzen, dass Werner sich jedes Wort zweimal überlegte, das er zu ihr sprach. "Ich gewöhnte mir an, in ihrer Gegenwart auf Eierschalen zu gehen. Denn sie konnte so gemein sein, wenn sie sauer auf mich war."
Eines Tages machte sie Schluss mit Werner. Einfach so aus einer Laune. Werner gab auf und ging. "Ich konnte selbst nicht mehr, und ich sagte mir, dass es ja ihre Entscheidung war." Im Mai 2008 kam Kathrin wieder in die Klinik. Ohne Werner ging es ihr schnell ganz schlecht. In der Klinik fiel den Ärzten etwas Seltsames auf.
Anders als andere Depressive war sie nicht immer mit ihren Gefühlen im Keller. An manchen Tagen war sie regelrecht aufgedreht. Die Psychiater stellten deshalb eine neue Diagnose: Kathrin L. ist manisch-depressiv, nicht nur depressiv.
Ihre Stimmung schwankt zwischen den äußersten Polen tiefster Verzweiflung und Selbstüberschätzung, wie ein Pendel, das immer mehr an Fahrt aufnimmt, statt sich abzubremsen. Auf äußere Reize reagiert sie extrem. Sie freut sich nicht nur, wenn sie sich freut. Sie ärgert sich nicht nur, wenn sie sich ärgert. So erklären sich die Gefühlsschwankungen und die Unberechenbarkeit, die Werner K. zu schaffen machten.
Der manische Anteil, in denen es den Kranken zu gut geht, ist bei ihr nicht so stark ausgeprägt wie der depressive. Sie ist schnell verzweifelt, eine übertriebene Hochstimmung kennt sie eher selten. Es klingt widersprüchlich, aber Kathrin L. bleibt einiges erspart, weil es ihr meistens nur schlecht geht. Die Manie zerstört ein Leben oft gründlicher als eine Depression, sagt Joachim Schittenhelm vom Psychosozialen Dienst Birkach: "Ein manischer Mensch kennt keine Grenzen. Die meisten Kranken hocken auf einem Riesenberg Schulden, den sie niemals abbezahlen können, weil sie wahllos Geld zum Fenster rausgeschmissen haben." Die Gefahr, sich und andere durch Waghalsigkeit in Lebensgefahr zu bringen, ist ebenfalls groß: "Depressive gefährden sich höchstens selbst, Manisch-Depressive sind auch ein Risiko für andere."
Noch etwas unterscheidet die manische Depression von einer depressiven Erkrankung. Die Veranlagung spielt bei der Krankheit, die nach Schätzungen von Psychiatern ein Prozent der Bevölkerung trifft, oft eine größere Rolle als die Lebensumstände.
Kathrin L. zum Beispiel kann sich nicht erinnern, dass sie jemals Probleme in ihre Familie hatte. Sicher, sie hatte in der Schule unter Hänseleien zu leiden, weil sie einen Sprachfehler hatte.
Die Eltern taten aber alles, um sie zu unterstützen. "Sie haben mir den Rücken freigehalten", sagt Kathrin L. Und das, obwohl sie immer "schwierig" war, selten tat, was Mutter oder Vater ihr sagten: "Wir hatten eine Höhensonne zuhause. Meine Eltern hatten immer Angst, dass ich mich an den Glühstangen verbrennen könnte. Einmal ging meine Mutter kurz aus dem Wohnzimmer. Ich konnte nicht anders und habe beide Glühstangen angefasst."
Später in der Pubertät waren die Eltern oft hilflos. "Ich knallte mit den Türen und schrie sie an, wenn mir etwas nicht passte." Die Familie ertrug die Wutausbrüche wie später Werner K. "Es hieß immer, ich hätte eben einen starken Willen", sagt Kathrin L.
Kathrin L. sitzt vormittags vor einem Berg von schwarzen Plastikteilen. Neben dem schwarzen Haufen türmt sich ein Berg von silberfarbenen Federn. Kathrin L. klemmt die Federn in das Montageteil. Dann ab damit in den Pappkarton, der vor ihr auf der Arbeitsplatte steht.
Leise summt sie ein Lied mit, das hinter ihr aus einem pinkfarbenen Radiogerät herausdudelt. Gute-Laune-Musik von irgendeiner Band, deren Namen sich niemand merken muss. Kathrin L. mag sie, weil sie sich "psychisch" gut fühlt, bei fröhlicher Musik.
Das Wort erwähnt sie oft. Alles um sie herum macht irgendetwas mit ihrer Psyche. Partymusik tut gut, nette Menschen tun gut, überhaupt, die neue Arbeit im Rudolf-Sophien-Stift in Möhringen. Seit zwei Wochen ist sie Teil eines Rehabilitationsprogramms mit dem Ziel erster Arbeitsmarkt.
Die gelernte Kinderpflegerin wird in den nächsten 27 Monaten in unterschiedliche Tätigkeiten hin-einschnuppern.
Sie hat schon einen Lötkurs hinter sich. Irgendwann wird sie etwas über Gartenpflege lernen. Im Moment setzt sie Montageteile zusammen. Jeden Tag von acht bis zwölf.
Die Betreuer halten sich unauffällig im Hintergrund. Es ist auf den ersten Blick nicht leicht zu unterscheiden, wer hier wem etwas zu sagen hat.
Es herrscht ein Kommen und Gehen besonders in Richtung der Raucherterrasse. Wer genug hat vom Schrauben oder Löten, steht einfach auf und geht raus auf eine Zigarette.
Kathrin L. gefällt das. Sie könnte es nicht ertragen, wenn jemand ihr sagt, wie sie die Feder vielleicht geschickter einsetzen könnte. Oder dass sie mal einen Zahn zulegen soll. "Stress" ist ein Unwort für sie, genau wie "Druck", beides macht, dass es ihr "psychisch" schlecht geht.
Sie würde niemals auf die Idee kommen, ihre Arbeit gleichförmig zu nennen, obwohl sie stundenlang nur einen einzigen Handgriff wiederholt. "Ich träume dabei von schönen Erlebnissen und bin ganz weit weg," sagt sie. Montieren als Meditation.
In dem Beruf, den sie gelernt hat, will Kathrin L. nicht mehr arbeiten. Sie war zu dünnhäutig für die Anforderungen, die der Job an sie stellte.
Niemand kann sagen, ob sie jemals belastbar genug sein wird für eine Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt. "Viele arbeiten bis zur Rente bei uns", sagt Wolfgang Jenisch, Bereichsleiter für die psychosoziale Betreuung im Rudolf-Sophien-Stift.
Werner K. ist das erstmal egal. Ihm ist wichtig, dass die Arbeit Kathrin gut tut. Sie ausgeglichener ist, weniger reizbar. Kathrin L. musste hartnäckig um ihn kämpfen, damit er wieder zu ihr zurückkam. Für Werner K. war entscheidend, dass sie sich helfen ließ und seitdem unter strenger fachärztlicher Betreuung steht.
Der Vulkan, der in Kathrin L."s Gefühlsleben schlummert, erschien ihm gut genug beobachtet, um noch einmal eine Beziehung mit ihr zu wagen. Kathrin L. hat endlich auch ein Medikament gefunden, das sie verträgt und das ihr hilft.
Sie nimmt den Stimmungsstabilisierer Quetiapin. Immer eine fingernagellange Kapsel am Abend, weil sie davon müde wird. Die Medikamente, die sie vorher genommen hat, setzte sie immer wieder ab, weil die Nebenwirkungen unerträglich waren. "Einmal gingen ihr alle Haare aus, und die Leute dachten, sie hätte Krebs", sagt Werner K.
Quetiapin bereitet ihr keine größeren Probleme. Er klingt erleichtert. Werner K. weiß ganz genau, wo er und seine Freundin bald wieder stehen würden, wenn Kathrin L. das Quetiapin absetzt: am Abgrund.
Manchmal ist er sich nicht sicher, ob er es mit Kathrin als Person zu tun hat oder mit ihrer Krankheit. Beides ist mit der Zeit für ihn so eng verwoben, dass er nicht mehr unterscheiden will, ob Kathrin etwas macht, weil sie manisch-depressiv ist, oder weil es ihr gefällt. "Ich lasse ihr deshalb auch nicht mehr alles durchgehen. Sie muss in gewisse Dinge Einsicht zeigen." Werner betont das "Muss", Kathrin nickt. Er ist nicht zuständig dafür, dass sie ihre Tabletten nimmt und zum Nervenarzt geht oder sich mit ihrer Betreuerin trifft. Aber er erwartet von ihr, dass sie es tut. Das funktioniert. Immer besser. Werner K. hat ein großes Ziel. "Kathrin soll weiter Halt finden", sagt er in den Rauch seiner Zigarette hinein. "Sie soll auch leben wollen für sich und nicht nur, weil sie mich liebt."