Stuttgart - Der städtische Räumdienst kämpft gegen den strengen Winter - unter noch strengeren Bedingungen. Eine neue digitale Überwachung der Lenkzeiten zwingt Fahrer von Schneepflügen zu kürzeren Fahrten - egal, wie verheerend das Schneetreiben ist.
Während Autofahrer auf schneeglatten Straßen ins Rutschen geraten, stehen Räumfahrzeuge am Straßenrand und haben Pause. Ein Szenario, das immer wahrscheinlicher wird, wenn die für den Winterdienst verantwortliche Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) ihren Fuhrpark komplett erneuert hat. Bereits jetzt sind sieben von 21 Lkw und vier von zwölf Kleinfahrzeugen mit einem digitalen Tachografen ausgerüstet. Der erinnert per Piepton die Fahrer daran, dass sie nach 4,5 Stunden am Steuer Teekanne und Vesperbrot auspacken müssen - egal wie groß die Verkehrsbehinderungen sind. Denn laut Lenkzeitenvorschrift müssen die Fahrer nach dieser Zeit 45 Minuten pausieren.
Bei dem neuen System werden die Fahrtzeiten auf einer Chipkarte gespeichert, die ein Fahrer bei privaten Fahrten mit sich führen muss und die von der Polizei jederzeit kontrolliert werden kann. Dumm ist nur: Für Fahrer von Räumfahrzeugen gilt eine Sonderregelung - sie dürfen auch sechs Stunden unterwegs sein. "Für Fahrer im Winterdienst gilt nicht das Lenkzeit- sondern das Arbeitszeitgesetz", sagt Elke Prokopp von der AWS.
In der Region wird Streusalz knapp
Bisher wurde das auf Fahrtenschreiberblättern notiert und im Betrieb hinterlegt. Der persönliche Chip aber unterscheidet nicht zwischen Lenkzeitvorschriften eines gewerblichen Lkw-Fahrers und den Arbeitszeitregeln für Schneepflugfahrer. "Werden die Fahrer in einen Unfall verwickelt und haben die Lenkzeiten überschritten, tragen sie eine Teilschuld, auch wenn sie nichts dafür können. Und sie riskieren bei Kontrollen Punkte in Flensburg und ein Bußgeld. Das will ich den Fahrern nicht zumuten ", sagt Prokopp. Ein Zurück gibt es nicht: "Alle neuen Fahrzeuge haben diese Technik."
Dass die Lenkzeiten für Räumdienstfahrer damit unflexibler geworden sind, ist für die Regisseurin von der AWS kein Problem. "Die Ruhezeiten sind letztlich gleich lang, und nach zehn Stunden Dienst ist für alle Fahrer Feierabend", sagt sie. Freilich: Weil eine Schicht nur noch zehn und nicht mehr zwölf Stunden wie früher dauert, bringt das Schneepflüge letztlich viel später zu den steilen Wohnstraßen.
Ein weiteres Problem beim Winterdienst sind nach wie vor die Lieferengpässe beim Streusalz. Die Meteorologen vom Deutschen Wetterdienst in Stuttgart rechnen am heutigen Donnerstag in der Landeshauptstadt und der Region mit fünf bis zehn Zentimeter Neuschnee und winterlichem Wetter auch in der kommenden Woche. Das bedeutet, dass weiter gestreut werden muss. Doch viele Städte und Gemeinden haben noch keinen Salznachschub bekommen. Eine Ausnahme ist Stuttgart: Mit rund 1300 Tonnen Salz auf Lager ist die Landeshauptstadt noch ganz gut gerüstet. "Wir bekommen täglich neue Lieferungen", versichert Prokopp, kann aber nicht garantieren, dass die Versorgung anhält. Noch kommen die Lieferungen, weil die Stadt mit dem Lieferanten, dem SWS Winterdienst in Heilbronn, langfristige Verträge hat. "Viele Städte und Gemeinden haben keine Verträge. Bei Engpässen beliefern wir unsere Vertragspartner", sagt SWS-Geschäftsführer Harald Müller.
Knapp wird das Salz derzeit zum Beispiel in Esslingen, Leinfelden-Echterdingen, Vaihingen/Enz im Kreis Ludwigsburg. Dort reichen die Reste derzeit noch für die Haupt- und Verbindungsstraßen. Ansonsten wird Splitt gestreut. In Schorndorf im Rems-Murr-Kreis ist das Salzlager bis auf eine Streufahrzeugladung leer.