Von Bernd Haasis
Wie unübersichtlich die Problemlage ist, zeigt der aktuelle Film "Ajami", der für den Auslands-Oscar nominiert war. Bevölkerungsgruppen in Tel Aviv kollidieren da in verwobenen Episoden: Ein Jude wird abgestochen, weil er sich bei den Arabern nebenan über blökende Schafe beschwert, ein arabischer Junge wird im Vorüberfahren auf der Straße erschossen, ein überforderter israelischer Polizist denkt an Selbstjustiz.
So skeptisch der Blick, so beispielhaft ist diese Kooperation des arabischen Christen Scandar Copti und des jüdischen Israelis Yaron Shani. Sie vermeiden jede Parteinahme, Copti spielt selbst eine gebeutelte Figur: Als assimilierter Palästinenser mit israelischer Freundin muss er lernen, dass Nichtjuden im Ernstfall nichts hilft. "Die Idee vom Bürger existiert nicht für die Palästinenser, die im Staat Israel leben", hat Copti dem arabischen TV-Sender Al Dschasira gesagt.
Menschenschicksale stehen im Mittelpunkt der Filme und illustrieren das Politische, oft geht es aber auch um Absurditäten, die die Zerrissenheit der Region mit sich bringt. Der israelische Regisseur Eran Riklis hat dies 2004 in "Die syrische Braut" vorgeführt: Eine Tochter prosyrischer Christen auf den israelisch besetzten Golanhöhen möchte einen Syrer heiraten, doch wenn sie Israel einmal verlässt, kann sie nie wieder zurückkehren. Also findet die Hochzeit an der Grenze statt, die Gesellschaft getrennt durch Schlagbäume, wo dann ein falscher Stempel und lustlose Bürokraten das ganze Unterfangen gefährden.
Eine Grenzsituation ist auch im Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" zu sehen. Israelische Soldaten haben einen arabischen Jungen erschossen. Dessen Vater spendet die Organe in einem symbolischen Akt israelischen Kindern, und trotzdem bleibt er in einer Szene an der israelischen Grenze hängen. Die Filmemacher mögen der cleveren Selbstvermarktung ihres Protagonisten erlegen sein, doch es scheint nah an der Realität, was sie an Denkverboten, irrationalen Ängsten und Vorurteilen offenbaren.
Aus israelischer Sicht dominiert die Traumatisierung durch den Armeedienst. Ari Folman hat seine Erlebnisse im Libanonkrieg von 1982 in "Waltz With Bashir" verarbeitet. Er war dabei, als eine christlich-libanesische Miliz rund 3000 palästinensische Flüchtlinge in einem Lager abschlachtete, darunter Frauen, Kinder, Greise - doch die israelischen Soldaten durften nicht eingreifen. Folman hat die Form des Animationsfilms gewählt für sein mitunter surreal anmutendes Patchwork aus dunklen Visionen. "Viele Israelis haben genug vom Krieg", hat Folman 2009 der "New York Times" gesagt. "Ich verstehe das Wort Krieg sowieso nicht. Ich verstehe nicht, warum Menschen einander umbringen für ein Stück Land."
"Beaufort" heißt ein Film über einen israelischen Außenposten im Libanon. Junge Soldaten verharren da in einer Betonfestung im permanenten Alarmzustand, von einem unsichtbaren Gegner beschossen, sich nach dem Sinn ihres Auftrags fragend. Ihr Unmut richtet sich weniger gegen die Hisbollah als gegen jene, die sie auf diesen verlorenen Posten geschickt haben. "Da geht es nicht darum, einen Krieg zu gewinnen, sondern nur darum, zu überleben", sagte Regisseur Josef Cedar auf der Berlinale 2007, wo er den Silbernen Regie-Bären bekam.
Viele Palästinenser treibt das Gefühl der Ohnmacht in den Terror. Wie die Radikalisierung vonstatten geht, hat der Palästinenser Hany Abu-Assad in seinem beeindruckenden Film "Paradise Now" festgehalten. Er hat in Nablus gedreht, einer abgeschnittenen Stadt. "Die stetige Bedrohung und ein leeres, zielloses Leben machen es jungen Männern leicht, so einen Weg einzuschlagen - sie leben dort und fühlen sich doch wie tot", hat der Regisseur auf der Berlinale 2005 zu Protokoll gegeben. Ein junger Mann mit Sprengstoffgürtel wird nach Israel geschleust, kommt aber ins Grübeln, als er das Alltagstreiben dort sieht.
Der Palästinenser in "Alles für meinen Vater" ist zunächst fest entschlossen, doch als sein Zünder auf einem Markt in Tel Aviv versagt, muss er zwei Tage auf einen neuen warten - und freundet sich mit einem aus Rumänien stammenden Elektrohändler an und mit einer hübschen Kioskbesitzerin, die sich ihrer orthodoxen Familie entzogen hat. Sobald der vermeintliche Feind zum realen Wesen aus Fleisch und Blut wird, verliert der Hass an Boden. Auch in "Die Band von nebenan": Ein ägyptisches Polizeiorchester strandet versehentlich in einem jüdischen Dorf, und nach anfänglichem Misstrauen kommen sich beide Seiten behutsam näher - ein Lehrstück in Sachen Völkerverständigung.
Hoffnung anderer Art macht der Spielfilm "Lemon Tree". Hiam Abbass, auch in "Die syrische Braut" und in "Paradise Now" als starke Frau zu sehen, spielt hier eine palästinensische Witwe, deren Zitronenhain für die Sicherheit des nebenan einziehenden israelischen Verteidigungsministers weichen soll. Sie nimmt sich einen Anwalt, ficht die Sache juristisch aus und bekommt vor einem israelischen Gericht recht. Da zivilisiert sich der Konflikt, ist Gewalt nicht mehr das einzige Mittel.
Ob das aufgeklärte Kino aus Kanaan die Politik beeinflussen kann, ist zweifelhaft. Seinem Publikum in aller Welt schenkt es einen differenzierten Blick und Denkansätze, die über die Region hinausreichen.