Von Andrea Jenewein
STUTTGART. In Berlin spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre wöchentliche Videobotschaft. Sie ermahnt türkische Mitbürger um der Integration willen selbst aktiv zu werden, selbst mehr dafür zu tun. In Stuttgart geschieht dies zur selben Zeit auf unterhaltsame Weise: beim interkulturellen Tanzabend für Frauen.
Eine von ihnen tanzt lächelnd auf Bänken, das Gesicht von einem Kopftuch umrahmt. Sie lässt die Hüfte rhythmisch kreisen. Spielerisch locken und dann, wenn es zu heiß wird, abwinken - diese Taktik lässt sich, meint Marlene Seckler, auf den Integrationswillen vieler Deutscher übertragen: "Ich habe das an mir selbst beobachtet", sagt sie, "ich habe immer viel darüber geredet, wie wichtig Integration ist, aber ich habe nicht wirklich etwas dafür getan."
Deshalb ist die 40-Jährige am Samstagabend in das Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof gekommen, wo bereits zum zweiten Mal ein Frauenabend stattfindet. "Ich tanze gern, und hier komme ich ganz nebenbei ins Gespräch mit türkischen Frauen", sagt sie.
Diese stellen die Mehrheit der Gäste. Doch geht es nach dem Wunsch der Initiatorin der Tanzveranstaltung, Rabiye Sönmez, dann wird sich das bald ändern. "In türkischen Vereinen gibt es schon lange solche Tanzabende für Frauen, doch da sind Türkinnen unter sich", sagt die 37-Jährige.
Sie aber suchte ganz bewusst den öffentlichen Raum: "Ich will, dass Frauen aller Nationalitäten zusammen tanzen und plaudern - denn wie nähert man sich besser an als beim Feiern?" Als Partner fand sich schnell das Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof. "Wir unterstützen Rabiye Sönmez von professioneller Seite - schließlich gehört Integration zu unserem Dienstauftrag", sagt Tobias Pampel (43), der das Haus seit 16 Jahren leitet, für den der Frauenabend aber neu ist. Schließlich ist es der einzige seiner Art in Stuttgart.
Auf diese neue Erfahrung lassen sich auch beim zweiten Mal rund 100 Frauen ein - und die Atmosphäre ist so locker und entspannt, dass es scheint, es handle sich bereits um eine liebgewonnene Tradition. Egal ob im grellgrünen Minirock oder mit pinkfarbenem Kopftuch, egal, ob die DJane Sümi amerikanischen Hip-Hop oder türkischen Pop auflegt, die Frauen und Mädchen aller Altersklassen fühlen sich sichtlich wohl - auch, weil keine Männer da sind.
"Es ist gut, dass hier mit dem Vorurteil Schluss gemacht wird, türkische Frauen seien konservativ", sagt Meltem Yücel, die aus Überzeugung ein Kopftuch trägt. Die 30-Jährige ist mit ihrer Mutter und ihrer zweieinhalbjährigen Tochter da - wobei die Mutter nicht zum Babysitten mitgekommen ist. Denn während der Veranstaltung, die von 17 bis 23 Uhr dauert, wird eine Kinderbetreuung angeboten.
Doch das Spielzimmer leert sich, ist es doch viel spannender, mit den Großen auf der Tanzfläche rumzuhüpfen. Hier fassen sich beim traditionellen Halay, dem türkischen Volkstanz, alle an den Händen. Marlene Seckler ist inmitten des Kreises, die türkische Frau an ihrer Seite bringt ihr die Tanzschritte bei. "Ich komme wieder", sagt Seckler zum Schluss verschwitzt, atemlos und glücklich. Dazu hat sie am 16. Oktober, 17 bis 23 Uhr, die nächste Gelegenheit beim Frauenabend im Kinder- und Jugendhaus in der Fasanenhofstraße 171.