Von Bernd Haasis
"Wir haben Leute eingeladen, die das Festival geprägt haben, und dazu junge Musiker, die wir über längere Zeit beobachten und pflegen", sagt Wolfgang Marmulla, der das Programm mit Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier zusammenstellt. Auch einige Musiker feiern runde Geburtstage, Ack van Rooyen den 80., Herbert Joos den 70. Die beiden Blechbläser waren von Anfang an beim Festival dabei, genau wie der Stuttgarter Pianist Wolfgang Dauner, der mit van Rooyen einst beim United Jazz & Rock Ensemble spielte. "Das Theaterhaus ist die rühmliche Ausnahme, andere Jazz-Festivals engagieren überwiegend internationale Acts", sagt Herbert Joos beim Pressegespräch. Er kündigt "einen vergnüglichen Abend für Kopf und Bauch" mit einer Band an, in der ihm unter anderem Bernd Konrad am Saxofon und Michel Godard an der Tuba zur Seite stehen.
Die jungen Talente sind überwiegend weiblich und aus Stuttgart. Die Saxofonistin Kati Brien etwa kommt mitunter wie ein freundlicher Sommersturm über ihre Zuhörer, der Bandname El Brino passt also. Außerdem gibt es Jazzstimmen wie die von Barbara Bürkle und Anne Czichowsky, und die Stuttgarter Pianistin Olivia Trummer bringt ihr aktuelles Album "Nobody Knows" mit. Es ist bereits ihr drittes, obwohl sie erst 24 Jahre jung ist. Leichthändig-luftige Piano-Impressionen tupft sie in den Raum und singt neuerdings auch dazu. Unterstützt wird ihr Trio von Matthias Schriefl, dessen erzählfreudiges Trompetenspiel auch auf der Platte zu hören ist.
Internationale Gäste sind die Schwedin Rigmor Gustafsson, die zu den unerhörten Klängen des Radio String Quartet Vienna singt, und die Schweizer Stimmartistin Erika Stucky, die Poptitel interpretiert. "Auf Stars wie Herbie Hancock haben wir bewusst verzichtet", sagt Marmulla, "die sind so unfassbar teuer, dass das in keinem Verhältnis mehr steht." Dafür sind Talente wie das Portico Quartet aus London dabei, das keine Angst vor wiedererkennbaren Melodien und Elektronik hat: "Die wollen spielen, verlangen nicht so viel und bieten eine frische Perspektive auf den Jazz."
Letzterer hat nicht nur Frank Zappa überlebt und das von diesem insinuierte Geruchsproblem, sondern, wie fast alle Spielarten der Musik außer Pop, ein Vermittlungsdefizit. "Das Wort Jazz ist unklar", sagt Trummer beim Pressegespräch. "Viele Gleichaltrige sagen, sie hören nie Jazz, aber dann läuft etwas, das für mich Jazz ist, und sie finden es super." Marmulla bestätigt: "Ungeübte Hörer kann schon erst mal irritieren, was sie da hören, aber ich erlebe immer wieder, wie überrascht und begeistert gerade die aus den Konzerten kommen."
Kostendeckend lässt sich das freilich nicht veranstalten - trotzdem hält das Theaterhaus an seinem Mix aus Tradition und Neuentdeckungen fest und verzichtet auf Zugpferde aus dem Pop. "Wir legen jedes Mal drauf und müssen das woanders kompensieren", sagt Marmulla, "aber es geht nicht um Konsum, sondern um Verweilen und Austausch, um die Vermittlung von Seelenzuständen. Das klingt etwas esoterisch, kommt dem Phänomen aber sehr nahe. Jazz entsteht im Moment. Er nimmt die Hörer mit auf eine Reise und an Orte, an denen sie vielleicht noch nie gewesen sind."