Architektur in Stuttgart-Stammheim Rundgang zu den Hübner-Bauten

Von Susanne Müller-Baji 

Das Kinder- und Jugendhaus am  Marco-Polo-Weg war  eine Station   auf der Tour zu den  Gebäuden  von Peter Hübner,   Martin Hechinger (Mitte) referierte zum Thema. Foto: Müller-Baji
Das Kinder- und Jugendhaus am Marco-Polo-Weg war eine Station auf der Tour zu den Gebäuden von Peter Hübner, Martin Hechinger (Mitte) referierte zum Thema. Foto: Müller-Baji

Der Stararchitekt Peter Hübner hat in Stammheim drei Gebäude gestaltet. Bei einem Rundgang der Volkshochschule begaben sich die Teilnehmer auf dessen Spuren.

Stammheim - In Wien sind die unkonventionellen Gebäude von Friedensreich Hundertwasser längst ein Besuchermagnet. Die nicht weniger pfiffige Architektur liegt mit den Stammheimer Hübner-Bauten aber quasi vor der eigenen Haustür. Am Samstag führte ein Rundgang der Volkshochschule mit dem ehemaligen Bürgervereinsvorsitzenden Martin Hechinger zu den Bauten des Stararchitekten Peter Hübner: von der Rundschule zur „Arche“ und weiter dann zum Kinder- und Jugendhaus.

Das Schulhaus kringelt sich und lässt Logenplätze mit Gartenblick entstehen. Der Gemeindehausanbau besticht mit Schneckenform und durch 6000 Stunden Eigenleistung am Bau. Und der Dinosaurier am Marco-Polo-Weg ist mit seinen Steinintarsien, Mosaiken und dem Gewölbe aus Baumstämmen „sicher das schönste Jugendhaus in Stuttgart und bestimmt eines der schönsten Jugendhäuser in Baden-Württemberg“, so Martin Hechinger bei der Führung. Die Liebe zum Detail ist in allen Bauten offensichtlich und „Herzblut“ war der Begriff, der an diesem Nachmittag am häufigsten fiel: Wie Martin Hechinger haben viele Stammheimer Bürger viel Eigenleistung investiert: „Selbstbauweise, geschnorrtes Material und die Liebe zum Menschen“, erklärte Hechinger einen Aspekt der Erfolgsgeschichte der Hübner-Bauten. Allesamt Paradebeispiele in Sachen Recycling und organisches Wohnen. Leicht war das nicht immer: Die unkonventionellen architektonischen Fantasien Hübners wurden immer wieder durch Baustopps ausgebremst, besonders beim Gemeindehaus am Hornemannweg: Um im Inneren ohne Stützpfeiler auszukommen, musste viel Raum überbrückt werden, die Statik geriet da zur Zitterpartie: Zumal „wir ja alle Laien waren”, wie Hechinger das Gemeinschaftsbauprojekt zusammenfasste. Als der letzte Träger der Holz-Kuppel entfernt wurde, ermittelte man mit Pendel und Farbeimer, wie weit sich die Konstruktion senkte. Doch das Gebäude erweist sich bis heute als äußerst stabil.

Raumnutzungskonzept für Arche ist nötig

Nun aber schweben gleich zwei Damoklesschwerter über den Gebäuden. Sie sind nicht für die Ewigkeit gebaut, erklärte Hechinger, betonte aber, dass er sich bei den intensiven Beziehungen der Menschen zu „ihren“ Bauten nicht vorstellen könne, dass sie einmal abgerissen werden könnten. Andererseits muss die evangelische Kirchengemeinde ihren Immobilienbestand reduzieren und denkt darüber nach, die „Arche” aufzugeben. Bei einer ersten Abstimmung wurde in die Waagschale geworfen, dass man die Arche ja zerlegen und an anderer Stelle wieder aufbauen könnte, doch angesichts der 64 000 allein im Dach verarbeiteten Nägel bezweifelt Hechinger das.

Ein neuer Vorschlag lautet nun, den angrenzenden Gemeindesaal deutlich zu verkleinern und so Platz für eine Wohnbebauung schaffen, die die Mittel für die weiteren Sanierungsmaßnahmen in die Gemeindekasse spülen würde. Dazu muss ein tragendes Raumnutzungskonzept her, vom Seniorencafé bis zum Sprachkurs. Am Dienstag, 10. November, lädt die „Arche-Initiative” dazu alle Interessierten um 19.30 Uhr in den Hornemannweg 10 ein. Das Ziel: den Raum mit neuem Leben zu erfüllen und so zu dessen Erhaltung beizutragen.

Die Bauprojekte seien auch gut für den Zusammenhalt der Stammheimer Bürger gewesen, fasste Hechinger nach dem Rundgang zusammen – „es sind viele Freundschaften entstanden“. Für den Wert von Hübners Entwürfen spreche auch dies: „Die Bauten sind bis heute nahezu vandalismusfrei – sie schützen sich selbst durch die Liebe und die Intention, die in sie geflossen sind.“ Hübner hatte es vorhergesagt und recht behalten. Vielleicht wird sich der Stadtbezirk seiner Hübner-Bauten besinnen: Dann könnte Stammheim zu dem werden, was Feuerbach bereits für Paul Bonatz ist und der Weißenhof in Sachen Bauhaus: eine Pilgerstätte für Kenner und Architekturstudenten.

Redaktion Stammheim

Ansprechpartner
Chris Lederer
stammheim@stz.zgs.de

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