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Arbeit im Wengert statt Leben auf der Straße

"Nord-Rundschau", vom 15.10.2010 02:41 Uhr
Feuerbach. Obdachlose Jugendliche und arbeitslose junge Erwachsene bewirtschaften einen Weinberg. Von Georg Friedel

Vom Lärm der Straßen ist im Gebiet "Hohe Warte" nichts zu hören. Kein Martinshorn dringt bis in die Steillagen hier heroben, kein ewiges Brummen der Automotoren ist in den Obstgärten und Weingärten zu hören, kein Milligramm Abgas hängt in dem Feuerbacher Natur- und Landschaftsschutzgebiet in der Luft. Hier kann man tief durchatmen, es ist friedlich und ruhig. Fast ein bisschen zu ruhig für Dion. Der 20-Jährige hat gerade eine frisch geerntete Trollingertraube in der Hand. Er zupft und schneidet mit der Rebschere die vertrockneten und verfaulten Beeren weg, den Rest legt er zum Lesegut in einen grünen Bottich. Eigentlich sei ihm diese Arbeit zu leicht, sagt er. Zuletzt waren er und sein 19-jähriger Kumpel Michael auf der Baustelle des Kaufhauses Fairkauf, das die Caritas in Feuerbach einrichtet, beschäftigt. Die Arbeit dort sei körperlich härter gewesen, sagen beide. Nicht zu vergleichen mit dem Job im Weinberg. "Es ist nicht anstrengend, dafür aber mühselig. Man braucht hier viel Geduld", findet der 22-jährige Oliver.

Patrick ist erst 16 Jahre. Die Schule hat er längst geschmissen, stattdessen steht er jetzt wie die anderen hier am Weinstock und liest Trauben. Gerade hat ihm Ulrich Baum de Vries, Arbeitsanleiter und Psychologe bei "Jugend.Arbeit.Perspektive" (JAP), erklärt, dass nicht die ganze Traube weggeworfen werden muss, wenn schlechte Beeren dabei sind. Seit dem Frühjahr bewirtschaften bis zu 36 Jugendliche und junge Erwachsene einen Weinberg auf der Hohe Warte. Sie sind zwischen 16 und 22 Jahren, kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, haben meist Stress mit Eltern, Schule, Einrichtungen und Ämtern, sind ohne Ausbildung oder Job. Manche verbringen die Tage und manchmal auch die Nächte auf der Straße. Eine ihrer Anlaufstellen ist dann der so genannte "Schlupfwinkel" an der Schlosserstraße. Dort können sie duschen, frühstücken, Wäsche waschen und kochen. Die Einrichtung wird von der Caritas und der Evangelischen Gesellschaft getragen.

Neben dem Schlupfwinkel ist die Einrichtung "Jugend.Arbeit.Perspektive" an dem Gemeinschaftsprojekt beteiligt. Das ist ein Angebot des Caritasverbandes für junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die sich beruflich in der Orientierungsphase befinden: "Wir wollen die Jugendlichen mit Hilfe der Projekte wieder an geordnete Tagesstrukturen und Arbeit heranführen", sagt Margitta Zöllner, Fachdienstleiterin beim JAP. Es gehe bei den Projekten auch um Qualifikationen, wie pünktlich zur Arbeit zu erscheinen oder bei der Arbeit durchzuhalten, erklärt Baum de Vries: "Insgesamt haben die jungen Leute über 600 Stunden in dem rund 10 Ar großen Weinberg mit viel Spaß, aber auch Schweiß den ganzen Sommer über gearbeitet." Viele der Jugendlichen, die auf der Straße leben, hätten auch Hunde: "Die durften sie hier in den Weinberg mitbringen", sagt Baum de Vries. Den Wengert für das soziale Projekt hat übrigens der Feuerbacher Eberhard Mauch zur Verfügung gestellt. Im Frühjahr sei eine der Mitarbeiterinnen des Projektes auf der Hohe Warte spazieren gegangen und habe ein Schild entdeckt, auf dem stand, dass dieser Weinberg zu pachten sei. So sei das Projekt ins Rollen gekommen. Eberhard Mauch habe seinen steilen Wengert aus gesundheitlichen Gründen abgeben wollen, sagt der Arbeitsanleiter bei der Caritas. Mauch habe sofort gefallen an der Idee gefunden, hier arbeitslosen Jugendlichen ein Betätigungsfeld in der Natur zu eröffnen, berichten die Initiatoren des Projektes. Mauch stellte daraufhin seinen Wengert den Projektverantwortlichen kostenfrei zur Nutzung und Bewirtschaftung zur Verfügung. Auch seine Maschinen durften sie benutzen. "Und er stand uns beratend zur Seite und hat uns viele unentbehrliche Tipps gegeben", berichtet Baum de Vries.

Inzwischen ist die erste Ernte eingefahren. Regent, Dornfelder und Trollinger sollen zu einem Cuvee-Wein ausgebaut werden. Einen guten Ort zum Keltern haben die Jugendlichen auch schon gefunden. Der Obertürkheimer Weinbaumeister Konrad Zaiß, Stadtrat der Freien Wähler, findet das Projekt so vorbildlich, dass er nun seinerseits sein Fachwissen einbringen und seine Kelter zur Verfügung stellen will. Es könnte ein guter Wein werden. Beim Dornfelder und Regent hat Baum de Vries teilweise 83 Grad Öchsle gemessen. Im Gewölbekeller der Jugendhilfe soll der Tropfen nun in Ruhe reifen. Bei Benefizveranstaltungen soll er zu gegebener Zeit Spendern und Unterstützern kredenzt werden.

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