Arabische Emirate Katar: Basar mit Seele

Helge Sobik aus Doha, 17.12.2012 05:00 Uhr

Doha - Die Bauarbeiter waren noch gar nicht ganz gegangen, da bröckelte bereits der Putz im neuen Souk Waqif von Doha. An den Häuserecken schien Lehm von den Zwischendecken aus Barasti-Stroh zu bröseln. Auch die weiße Fassadenfarbe in dem Basar war seltsam ungleichmäßig aufgetragen und schien an manchen Stellen von der ersten Sekunde an ausgeblichen. Die Balkendecken mit ihren grau angelaufenen Hölzern wirkten renovierungsbedürftig, kaum dass der letzte Zimmermann seine Sachen eingepackt hatte und nach Hause gefahren war.

Ein seltsamer Anblick in den Emiraten am Golf, wo alles neu und gestylt ist, alles möglichst edel sein und teuer aus­sehen soll. Ein ungewöhnlicher Eindruck in einer Gegend, wo Herrscher Sand zu Gold und Wüste zu Geld werden ließen und niemals an Farbe oder Putz sparen würden. Im Souk Waqif von Doha ist alle vermeintliche Vergänglichkeit in Wirklichkeit nicht nur Absicht, sondern Auftrag. Der Basar im Zentrum der Hauptstadt von Katar ist zwar auf dem Reißbrett entstanden - aber errichtet nach den Kindheitserinnerungen des Herrschers Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani. Der milliardenschwere Mann hatte einen sentimentalen Moment und vermisste die Vergangenheit in seiner ansonsten supermodernen Hauptstadt aus Beton, Stahl und Glas. Vom Basar seiner Jugend waren nur halb verlassene Ruinen geblieben. In Rekordgeschwindigkeit war ebenso wie in Dubai und Abu Dhabi fast alles Alte verschwunden. Es ging auch deshalb schneller als anderswo in der Welt, weil es vor dem Boom rund um Öl und Gas in dieser Gegend kaum etwas anderes als ein paar Zelte, einige einfache Hütten, das eine oder andere Lehm-Fort und ein paar Kaimauern gab.

Ein paar Schritte entfernt türmen sich Gewürze

Jede Erinnerung an diese Zeit der materiellen Armut schien seitdem unschicklich - bis die Machthaber in den Emiraten eine gewisse Traurigkeit darüber packte, dass alles Erbe verleugnet wurde. Heute verkauft Fereidoun Arbabi Jagdfalken in seinem Laden im Souk Waqif - und Lederhäubchen, Handschuhe, Ausrüstung für die edlen Vögel. Wie das Geschäft läuft? Er lächelt und nickt. „Gut“ soll das heißen, denn sogar die Mitglieder der Herrscherfamilie kaufen bei ihm ein und berappen umgerechnet bis zu 50 000 Euro für einen ausgebildeten Falken, das Statussymbol der Oberschicht am Golf. Ein paar Schritte entfernt türmen sich Gewürze, eine Querstraße weiter Stoffe und Kleider, und in der nächsten Gasse handelt Saad Ismail Khalifa al-Jassim mit Austern aus dem Persischen Golf - und mit ihren Perlen. Früher hat er sie selbst als Taucher vom Meeresboden ans Tageslicht befördert: „Das war damals, als es den alten, kleinen Souk noch gab. Das ist lange her.“

Manchmal gibt es bei ihm als kostenlose Zugabe Geschichten von damals, aus der guten, alten Zeit, als Doha noch ein Dorf war: „Damals gab es hier bereits einen Basar. Er war alt, er war viel kleiner als heute, aber er sah tatsächlich fast genauso aus. Und vor allem: Er fühlte sich genauso an. Bis er verfiel, die Geschäfte schlossen und niemand mehr kam. Jetzt sind die Menschen zurück, weil sie hier ihre Geschichte zurückbekommen haben.“ Er dreht und wendet eine polierte Muschel­schale zwischen den Fingern, während er spricht. Der über 70-jährige Mann mit dem Burnus hat recht. In Katar ist der Spagat beim Souk Waqif gelungen: etwas neu zu bauen, das wirklich alt anmutet und nicht nach Plastikwelt aussieht. Das wenige Alte zu integrieren und zugleich etwas zurückzuholen, ohne es nach Disneyland aussehen zu lassen.

Eine ultramoderne Hauptstadt mit Herz

Der Erfolg liegt auch darin begründet, dass die Katarer selbst den neuen Basar in Sichtweite des von Star-Architekt I. M. Pei aus New York errichteten Museums für Islamische Kunst vom ersten Moment angenommen haben. Sie schlendern durch die engen Gassen, spazieren über die kopfsteingepflasterten Plätze, kaufen in den winzigen Geschäften für den Alltag ein, treffen sich bei Einbruch der Dunkelheit zum Wasserpfeiferauchen auf den Plätzen vor den vielen Cafés. Nach ihnen kamen die Fremden, die Touristen ebenso wie manche Gastarbeiter, und taten dasselbe. Weil alles so authentisch wirkt. Doha hat seitdem einen neuen Dreh- und Angelpunkt. Einen mit Charme und sogar ein bisschen Magie. Die sachliche, kühle und ultramoderne Hauptstadt mit ihren Schachbrettstraßen hat plötzlich ein Herz.

Weil der Herrscher seine Kindheitserinnerungen nachbauen ließ. Und weil die Planer ihn richtig verstanden haben und nicht etwa einen der im Mittleren Osten so weit verbreiteten Carrefour-Supermärkte mit auf alt getrimmter Fassade in die Innenstadt gossen. Im Gegenteil: Für die Geschäfte im Souk Waqif gelten Regeln, die noch vor Jahren im Drang nach Moderne und in der Markensehnsucht der Emirate-Araber undenkbar gewesen waren. Leuchtwerbung ist verboten, Logos dürfen bestimmte Größen nicht überschreiten. Und die gesamte Anmutung eines Ladens muss der eines Basars entsprechen, der über Jahrhunderte gewachsen ist, wie in Istanbul, Kairo oder Tunis. Und verkauft werden soll dort nicht vorrangig, was es auch in den Shopping-Malls gibt, sondern das, was schon immer zum Alltag gehörte. Und so gibt es winzige Läden, die nichts als jemeni­tischen Honig oder ausschließlich einfache Küchengeräte ohne Elektrik und Schüsseln anbieten.

Eine ganze Gasse ist Zoogeschäften vorbehalten. Auf der Straße verkaufen die Händler dort Wellensittiche und Papageien, Stroh, Sonnenblumenkerne und Hundefutter. Und am schönsten ist all das, wenn die Sonne gerade hinter dem Horizont abgetaucht ist, die Muezzins zum Gebet rufen, die Dämmerung alles Neue drum herum kaschiert und die Kulisse mit abnehmendem Licht immer zeitloser wird. Manchmal flaniert dann einer durch den Souk, der hier schon als Kind gewesen ist und von den meisten Touristen gar nicht erkannt wird: Scheich Khalifa. Manchen Abend hält er zum Plaudern beim Perlentaucher al-Jassim, manchmal geht er mit einem neuen Falken nach Hause - gerade erstanden im Souk Waqif, ganz aus einer Laune heraus.

 
 
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