AOK-Studie zu Patienten Jeder vierte versteht seinen Arzt nicht

Von Regine Warth 

Doktor Google – so glauben viele – ist inzwischen der erste Ansprechpartner von Patienten, wenn es um Diagnosen oder Therapien geht. Um den sachkundigen Patienten ist es offenbar nicht so gut bestellt. Denn zugleich versteht jeder Vierte beim Arzt nur Bahnhof.

Berlin/Hannover/Heidelberg - Kommt ein Mann zum Arzt. „Herr Doktor, mir geht’s nicht gut.“ Es dauert nur wenige Minuten, dann steht der Mann mit einem Rezept in der Hand wieder vor der Praxis. Doch was ihm fehlt, weiß er noch immer nicht so richtig. Nach einer aktuellen aber noch unveröffentlichten Studie der Krankenkasse AOK ergeht es mehr Menschen so, als mancher Mediziner meint. Demnach hapert es bei fast jedem vierten Kassenpatienten an der nötigen Kompetenz, um Gesundheitsinfos richtig verstehen und nutzen zu können.

Es ist nicht die erste Studie, die aufdeckt, wie schlecht es um das Arzt-Patientengespräch bestellt ist. Erst im Dezember 2013 kam ein Konsortium unter der Leitung der Universität Maastricht zu dem Ergebnis, dass jeder zweite Deutsche beim Arzt nur Bahnhof versteht. Diesen Eindruck unterstreichen auch die jährlichen Berichte der Unabhängigen Patientenberatung (UPD): In den mehr als 80 000 Beratungsgesprächen der vergangenen zwölf Monate, die von der UPD ausgewertet wurden, beklagten sich die Anrufer vor allem über die mangelnde Wahrnehmung der Patientenrechte.

Der mündige Patient, der sich mit seinem Arzt auf Augenhöhe austauschen kann, über die Pflichten seiner Krankenkasse Bescheid weiß und zwischen notwendigen sowie überflüssigen Behandlungen genau zu unterscheiden weiß, ist wohl eher ein Phantom. „Wir müssen feststellen, dass das Bild vom souveränen Patienten Kratzer bekommen hat“, sagt der Chef des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann.

Die Medizinische Hochschule Hannover macht Patienten fit für den Arzt

Dabei wäre es so wichtig, dass Arzt und Patient richtig miteinander sprechen. Mancher Mediziner hält dies sogar für eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Behandlungserfolg. Einer davon ist der Heidelberger Arzt und Buchautor Gunter Frank. Er rät, nicht jede Pille fraglos zu schlucken, die zuvor verschrieben wurde. Ein solches gutgläubiges Verhalten würde in vielen Fällen zu medizinisch unsinnigen Übertherapien und Fehlbehandlungen führen. „Es wäre schon geholfen, wenn Patienten sich trauen würden, zu fragen, ob die Therapie helfen kann – und diese dann gegebenenfalls auch offen ablehnen.“

Das ist offenbar einfacher gesagt als getan. Wie viele auch höher gebildete Bundesbürger ihre Rechte nicht kennen und diese nicht einfordern oder sich nicht zutrauen, mit dem Arzt auf Augenhöhe zu sprechen, weiß Marie-Luise Dierks. Die Professorin für Sozialmedizin bietet seit 2007 spezielle Schulungen für Patienten an, damit sie danach kompetenter mit den Ärzten sprechen können. Weit mehr als 3000 Interessierte haben seitdem an der Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover teilgenommen. Das Fazit von Dierks klingt daher ernüchternd: „Viele Patienten haben relativ problematische Gesundheitskompetenzen.“

Mit diesem abstrakten Fachausdruck ist bei weitem nicht nur die Verständnislosigkeit gemeint, wenn der Arzt den Patienten mit medizinischen Fachbegriffen konfrontiert. Darunter fällt auch die mangelnde Bereitschaft, sich vor Arztgesprächen ausführlich zu informieren – ebenso wie das Problem, in wenigen Sätzen zu schildern, wo die gesundheitlichen Beschwerden liegen. Auch die Sorge nicht anecken zu wollen, spiele eine Rolle, hat Marie-Luise Dierks festgestellt.

Hinzu kommt der Faktor Zeit, der oft zum Gegenspieler wird. Verschiedene Studien haben ausgerechnet, dass insbesondere Hausärzten durchschnittlich knapp acht Minuten für jeden Patienten bleibt. Von solchen Berechnungen solle sich niemand abschrecken lassen, sagt der Heidelberger Mediziner Gunter Frank. Wenn es um lebenslange Medikamenteneinnahmen oder um Chemotherapien geht, müsse sich der Arzt Zeit nehmen: „Patienten haben das Recht, über die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Therapien beraten zu werden – und zwar so, dass der Patient es versteht.“

Checklisten können bei der Vorbereitung für die Sprechstunde helfen

Um Rechte wie diese durchzusetzen, können Checklisten helfen, wie sie die Patientenuni Hannover entwickelt hat: So kann sich jeder vor dem Praxisbesuch die Fragen zurechtzulegen, die er dem Arzt stellen möchte. Zudem rät Dierks, auch die Antwort des Arztes aufzuschreiben. „Das kann schon zum besseren Verständnis helfen.“

Ob der informierte Patient es allerdings alleine vermag, die festgefahrenen Strukturen zu ändern, daran zweifelt die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Sie fordert, dass Medizin- und Pflegeberufe für die Kommunikation vor allem mit alten und bildungsfernen Menschen fit gemacht werden müssten. Zumindest die Patientenuni hat reagiert und schult auch Medizinstudenten darin, Informationen verständlich zu vermitteln. Doch bis sich dieser Wandel in der Beziehung zwischen Patient und Arzt in Studien niederschlägt, so warnen Mediziner wie Gunter Frank, werde man nicht umhin kommen, eine neue Patientenrolle einzunehmen.

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