Antisemitismus-Vorwurf „Augstein bereitet die nächste Endlösung vor“

Franz Feyder, 07.01.2013 17:30 Uhr

Stuttgart - Was haben die ägyptischen Muslimbrüder, das iranische Regime und der deutsche Verleger Jakob Augstein gemeinsam? Nach Ansicht des Simon-Wiesenthal-Zentrums zählen sie zu den schlimmsten Antisemiten der Welt. Augstein wehrt sich – Henryk M. Broder kontert im Interview.


Herr Broder, wie oft haben Sie als Kind in der Ecke gestanden, weil sie sich mit Klassenkameraden gekloppt haben?
Ich war als Kind extrem gefügig und extrem anpassungsbereit. Erst in den letzten Schuljahren wurden meine Eltern zunehmend in die Schule gerufen. Nicht, weil ich schlechte Noten hatte. Sondern weil ich auf die Teilnahme am Unterricht keinen Wert mehr legte. Aber warum fragen Sie?

Sie keilen seit Dezember kräftig gegen den Journalisten Jakob Augstein ...
Nein, ich keile auch nicht gegen Augstein. Ich mache das, was er macht: Ich mache von meinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Augstein fragt immer: Ja, darf man denn nicht mehr Israel kritisieren? Ich stelle die Frage: Ja, darf man denn nicht mehr Jakob Augstein kritisieren?

Kritisieren sicher – aber so? Der jüdische Professor Micha Brumlik widerspricht Ihnen.
Brumlik hat gesagt: „Augstein manövriert zwar gelegentlich an der Grenze zum Ressentiment, aber er argumentiert differenziert.“ Also bei so einer Aussage muss man an der Gemütsverfassung eines deutschen Gelehrten zweifeln.

Geht es etwas konkreter?
Hinter der ganzen Debatte steckt doch etwas ganz anderes: Augstein und seine Verteidiger segeln unter der Fahne Israelkritik. Und ich wiederhole wieder und wieder: Das hat mit Israelkritik nichts zu tun. Kritik muss auch nicht fair, sachlich oder ausgewogen sein. Sie muss nur etwas mit dem Gegenstand zu tun haben, den sie kritisiert. Es ist nicht Kritik, wenn Augstein und Grass sagen, Israel bedrohe den Weltfrieden. Es ist nicht Kritik, wenn Augstein sich bei Grass dafür bedankt, dass der ihn aus dem Schatten der Deutschen Geschichte geführt habe.

Was ist es denn dann?
Mentale Probleme. Mentale Probleme, die Augstein mit sich selbst und mit der deutschen Geschichte hat. Er wartet nur auf jeden Anlass, von der Schuld, die er auf seinen Schultern spürt, befreit zu werden. Und dafür ist Israel der ideale Sündenbock.

Salomon Korn sieht das anders. Der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, Augsteins Texte seien antisemitisch ...
Ich fürchte, er hat sie nicht einmal gelesen. Der Zentralrat hat sich immer als Weichspüler verstanden. Als Instrument der Anpassung, des Appeasements. Und wann immer ich mit Leuten des Zentralrats zusammenkomme – und das lässt sich nicht immer vermeiden – dann werde ich abgemahnt, ich soll nicht so offensiv auftreten. Ich würde den Antisemitismus damit nur befördern. Der Zentralrat will vor allem eines: nicht provozieren. Ruhe in der Etappe.

 
 
Kommentare (10)
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JAN
08
Dieter Machmüller, 16:47 Uhr

Ich mag Broder und ich mag Junior Augstein. Aber mit der Einschätzung von Broder mit dem Antisemitismus und Lagerverhältnissen in Gaza schiesst er über das Ziel hinaus.

Ich mag Augstein wegen seiner Wirtschaftspolitischen Ansichten und Broder für seine zutreffenden Ansichten zu einer gefährlichen religiösen Ideologie, die sich nicht nur in Europa immer mehr verbreitet. Ich stehe auch vobehaltlos zu dem Staat Israel und seinem Existenzrecht gemäß den Verträgen von 1948. Ebenso stehe ich zu den gemachten Geländegewinnen durch die Kriege die von den 'friedlichen arabischen Nachbarn' vom Zaun gebrochen wurden. Sie sind als Faustpfand gegenüber dem zukünftigen Staat Palästina, so sich denn dieser je konstituieren kann (allein die Palästinenser tragen hier durch Ihr Verhalten die Verantwortung. Bis dato haben Sie leichtfertig jede Chance vertan die sich Ihnen bot), in gänze oder in Teilen Verhandlungsmasse. Ich erkenne jedwede religiös begründete Landnahme (das ist das Land der Juden/Palästinenser etc. weil es in der Thora/Bibel/Quran steht) nicht an. Überhaupt ist wie am Beispiel Israel/Islamische Welt ersichtlich wird, Religion (e g a l welche) bei den Problemen dieser Welt ausnahmslos immer im Lager der Probleme zu sehen und nicht auf Seiten der Lösungen. Von daher ist die Argumentation den Staat Israel betreffend von Augstein nicht nachvollziehbar. Und die Assoziation Gaza=Lager bei der Konotation von Lager in der Terminologie mit Juden ist schlicht ein tiefer Griff ins Klo. Die, die hier im Hintergrund stehen und mit deren Andenken hier gespielt wird, (die Lagerinsassen von einst...) hatten es wohl nicht ganz so gut wie die von Augstein gemeinten 'Lagerinsassen' in Gaza. Noch nicht einmal Ansatzweise... Und der islamisch-arabische Sprachgebrauch '...das Israel von der Landkarte getilgt und die Juden in's Meer getrieben werden müssen' hat immer noch Gültigkeit/ist unwiedersprochen von den friedliebenden Nachbarn. Nicht einer, nicht ein einziger der islamischen Staaten, hat bis Dato das Existenzrecht Israels anerkannt! D a s gilt es bei Broder zu berücksichtigen.

JAN
08
hatomune, 13:22 Uhr

Broder-bashing!

Broder hat Mut und argumentiert treffend - zugegeben am äußersten Ende. Dahin wird er vom correctness-crap getrieben. Genau wie der Staat Israel. Die Siedlungspolitik ist sicher fragwürdig, aber in den Augen eines Sicherheitspolitikers ein gutes Unterpfand für kommende Zweistaatenverhandlungen. Funktionierende Gemeinwesen kostenlos übernehmen - das wärs. Die Palästinenser haben bewiesen, dass sie nur bescheidene staatenbildende Fähigkeit haben. Allerdings gibt es schon einen Staat, in dem die Palästinenser die große Mehrheit haben. Sie werden allerdings fremdbestimmt und gelenkt: Jordanien. Die jord. Palästinenser wollen mit DEN Palästinensern nichts zu tun haben - im Übrigen ist Palästina lediglich ein geographischer Begriff. Die selbsternannten Palästinenser sind die Übrigbleibsel dreier verlorener Kriege. Den größten Teil hat Israel zurückgegeben. Und dafür einen Friedensnobelpreis geerntet (mit Ägypten) und jede Menge Undank (Gaza). 8 MIO sind von 250 MIO (nun incl. Ägypten) Zerstörungswilligen umgeben. Nur gut, dass die Sunniten und Schiiten in Wirklichkeit am eigenen Armaggedon arbeiten. Hier ist der Unfriede zu suchen.

JAN
08
Edmund K., 12:52 Uhr

Zu billig

Wenn ein Journalist in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiert ist das sein gutes Recht. Aus den Worten von Jakob Augstein Antisemitismus abzuleiten, statt auf seine Aussagen einzugehen, ist zu billig und zeugt von einem fragwürdigen Demokratieverständnis. So wurden z. B. auch Architektur- Kritiken an der neuen Synagoge in Ulm an dem Standort auf dem Weinhof am Rande der Ulmer Altstadt als Antisemitismus bezeichnet und deshalb zurückgewiesen. Es ist zu einfach, ständig diese Keule zu schwingen.

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