Seite 2Antisemitismus-Vorwurf Der deutsche Inbegriff von Antisemitismus: Auschwitz, Holocaust, Endlösung

Von Franz Feyder 



Und Augstein will kommentieren – immerhin seine Pflicht als Journalist.
Augstein kommentiert nicht, er verarbeit seine Ressentiments zu Lektüre. Das einzige, was ich als mildernden Umstand zubilligen könnte, wäre: Er tut es mit unschuldigem Herzen. Aber auch das lasse ich als Entschuldigung nicht gelten. Antisemitismus ist eine Krankheit: Alkoholiker würden sich selbst nie als Alkoholiker bezeichnen. Die glauben immer, sie könnten jederzeit damit aufhören. Männer, die ihre Frauen prügeln, glauben, nicht gewalttätig zu sein. Sie glauben, nur zu erziehen. Und in diese Kategorie gehören auch die Antisemiten: Sie sind nicht in der Lage, ihr Verhalten zu reflektieren.

Verprügeln Sie da nicht den Boten für seine Botschaften? Die israelische Siedlungspolitik ist kritikwürdig, Augsteins Haltung zu den Palästinensern kann man diskutieren. Aber das ist lange noch kein Antisemitismus.
Auf keinen Fall. Sie können sagen, Israels Regierung besteht aus lauter Vollidioten. Sie können sagen, die behandeln die Palästinenser falsch. Die Siedlungspolitik ist falsch. Das alles ist zulässig. Das alles ist richtig...

... und wo ist dann Ihr Problem?
Sie können nicht sagen, Israel sei die Bedrohung für den Weltfrieden angesichts der Tatsache, dass der Iran nicht müde wird zu erklären, Israel habe von der Landkarte zu verschwinden. Wobei die deutsche Sichtweise die ist, ob Ahmadinedschad gesagt hat: Wir werden dafür sorgen, dass Israel verschwindet – oder: Israel wird verschwinden. Das scheint für deutsche Sprachexegeten der wesentliche Unterschied zu sein. Sie können auch nicht sagen, Gaza ist ein „Lager“ und damit auf ein KZ anspielen. Wenn Gaza ein Lager ist, dann sind nicht die Israelis die Wächter, sonder die Leute der Hamas.

Wo ist die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus?
Die Grenze verläuft dort, wo ein Vernichtungswille hinter der Äußerung steckt. Wenn sogar gegen die Lieferung von Defensivwaffen wie den Patriot-Raketen präludiert wird, wie kürzlich von den Grünen. Dann ist es keine Kritik mehr. Dann ist es der Versuch, den Lauf der Geschichte so zu manipulieren, dass es auf den nächsten Holocaust hinausläuft. Ahmadinedschad, die Muslimbrüder, sind natürlich eine andere Spielklasse als Augstein. Aber das ist nur eine Form der Arbeitsteilung: Der Iraner leugnet den Holocaust, Augstein bereitet propagandistisch die nächste Endlösung der Judenfrage vor – diesmal in Palästina. Die Juden, die Israelis, so legt Augstein nahe, sind das größte Problem, das dem Frieden in der Welt im Weg steht.

Also, Augstein in einem Atemzug mit der Endlösung zu nennen, das ist schon ...
... starker Tobak, ich weiß. Aber ich kann es begründen. Fast alle, die sich an der Debatte beteiligen, haben ein statisches Bild vom Antisemitismus. Dieses Bild wird natürlich bestimmt aus der Erfahrung des Dritten Reiches. Das ist der deutsche Inbegriff von Antisemitismus: Auschwitz, Holocaust, Endlösung, sechs Millionen. Was unterhalb dieser Schwelle ist dann kein Antisemitismus mehr, sondern eine Bagatelle.

Geht es konkreter?
Gerne. Niemand würde sich Bankräuber so vorstellen wie bei Dagobert Duck: Als Panzerknacker im roten Shirt und schwarzer Augenbinde. Der moderne Bankräuber sieht aus wie sie und ich. Er sitzt am Rechner und saugt die Konten mit Hilfe von Computerprogrammen leer. Er steht nicht mehr mit dem Schweißbrenner vor dem Tresor. So ist es auch mit dem Antisemiten: Der tritt nicht als SA-Mann auf. Der schmeißt keine Schaufenster jüdischer Geschäfte mehr ein. Der moderne Antisemit argumentiert subtil: Er sagt, dass Israel die Weltgefahr Nummer eins sei, hinter allem die „Israel-Lobby“ steckt“. Und unterstellt damit: Gäbe es Israel nicht, wäre der Frieden auf Erden kein Problem. Das ist Antisemitismus pur.

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