Antikunst-Schau Fluxus Ein Phänomen, das kaum zu fassen ist

Rainer Vogt, 05.12.2012 05:00 Uhr

Wie reimt sich denn so etwas: Eine Menschengruppe quert mitten in Stuttgart den Zebrastreifen, macht kehrt, quert erneut und wiederholt das Spiel – „a very lawful dance“ – also stets brav bei Grün, etliche Male? Endlich an ihrem Ziel, der Staatsgalerie, angekommen, bewerfen die Leute einander mit Papier und haben ihren Spaß dabei. Das ungereimte Tun ist, ganz einfach, der von Ben Patterson in Szene gesetzte Auftakt zur Eröffnung der Sonderausstellung „Fluxus! – ‚Antikunst‘ ist auch Kunst“.

Sammlung Sohm als Basis

Und weil das mit 400 Exponaten, Plakaten, Künstlerbüchern, Archivalien, Dokumenten, Fotografien, Objekten und Installationen recht stattlich ausgefallene Unterfangen ausschließlich aus eigenen Beständen, nämlich aus dem Archiv Sohm, stammt, besteht auch Anlass, sich selbst zu feiern. Es wurde von dem Markgröninger Zahnarzt Hanns Sohm, der mit intermediär schaffenden Künstlern weltweit befreundet war und mit ihnen korrespondierte, 1981 in die Obhut des Museums gegeben und 1984 von Thomas Kellein um Teile aus dem Nachlass von George Maciunas, der sich als „Chairman“ der Bewegung verstand, erweitert.

Auftakt in Wiesbaden 1962

„Fluxus“ als provokante Bezeichnung für die Kunstrevolte zu wählen und damit auf Reinigung und weniger appetitliche Körperfunktionen anzuspielen, auch das war die Idee des 1948 nach New York gelangten Litauers, dessen unstillbarer Freiheitsdrang keinerlei Konvention duldete, der als Grafikdesigner aber gleichwohl strengen Prinzipien huldigte und seine Pläne zwar erfolglos, doch mit penibler Ordnungsliebe ­verfolgte. Die Geburt der Fluxus-Bewegung markieren die internationalen Festspiele neuester Musik, die im Städtischen Museum Wiesbaden 1962 uraufgeführt wurden. Als „Quellgebiet“ der Strömung nennt Werner Esser aber New York. An der von John Cage als „Kaderschmiede“ geprägten New School for Social Research fand sich schon 1960 mit George Brecht, Al Hansen, Dick Higgins, ­Allan Kaprow und Yoko Ono jener Kreis Gleichgesinnter zusammen, die mit einem noch nie da gewesenen Kulturmagazin die Kunstwelt zu revolutionieren gedachten.

Bewegung in ganz Europa

Obwohl Maciunas’ Idee einer kollektiv ­disziplinierten Gefolgschaft an so selbstbewussten Leuten wie Nam June Paik, Charlotte Moorman, Dick Higgins oder Wolf ­Vostell scheitern sollte, „spukte Fluxus als ein Phänomen durch Europa,“ schreiben Ina Conzen und Werner Esser in ihrem Katalogvorwort, „das in seiner schillernden, unbeständigen Vielgestalt, seinen respektlosen, der Hochkultur eine hintergründig-witzige Kehrseite zeigenden Aktionen, Objekten und Ideen kaum zu fassen war.“ Die ­Strömung riss also andere mit und wurde zum „vielfüßigen Selbstläufer“, der sich ­­­un­kontrolliert ausbreitete.

„Gute, einfallsreiche Gags. Das war es, was wir gemacht hatten.“ Als liebenswertes Understatement von George Maciunas mag das gelten. Als Tabus brechender Impuls hat Fluxus indes weit mehr Wirkung entfaltet, die auch beim Theater, im Film, in der Musik und natürlich der Kunst selbst unübersehbare Spuren hinterlassen hat. Tatsächlich lässt sich die Geschichte der abendländischen Kunst als Abfolge von Umbrüchen deuten, die anmaßenden Ambitionen eine säkulare Absage nach der andern erteilen. Das Augenmerk der Künstler wandte sich von der Religion ab und der irdischen Realität zu, der Landschaft, dem Porträt, dem Stillleben, dem Interieur. Dann traten Industrie, Verkehr, Landwirtschaft, der Krieg ins Blickfeld. Duchamps „ready mades“ ließen die Grenze zwischen Realität und Kunst als solche zweifelhaft erscheinen.

Kunst ist Leben

Doch die Protagonisten von Fluxus wollten die Grenzen an sich überwinden. Kunst und Leben sollten nahtlos ineinander über- oder auch aufgehen. Und stets ist, wenn vom Künstler die Rede ist, auch der Nicht­künstler gemeint. Überhaupt sollten ­Künstler und die anderen, die Rezipienten, sich zusammentun und gemeinsam Dinge unternehmen.

Paradox daran ist, dass auch als Antikunst gedachte Hervorbringungen regel­mäßig den Weg ins Museum finden und der damit eigentlich beabsichtigten Provokation der Stachel gezogen wird. Andererseits zeigt das Beispiel von Hanns Sohm, der als Entgelt für manchen Gefallen von seinen Künstlerfreunden mit Sammelstücken belohnt wurde und seine Leidenschaft als „fröhliche Wissenschaft“ betrieb, wie fruchtbringend Künstler und Nichtkünstler sich austauschen können.

Ausstellung als Problemfall

Als problematisch erweist sich dieses Sammelgut allerdings, wenn es ausgestellt werden soll. Performances und Aktionen lassen sich schlecht konservieren, bestenfalls ­filmen und dokumentieren. Übrig bleiben Erinnerungsstücke, Fotografien wie die von dem „Paper Piece“, das Ben Patterson Anfang der 1960er Jahre durchführte, ­Plakate, Collagen, Künstlerbücher, Objekte. „L’ART EST INUTILE“, behauptet ein Plakat von Ben Vautier: Also möge mit seinen Streichhölzern, wem diese in die Hände­ fallen, „alle Kunst zerstören“. Begrüßt wird der Besucher der Ausstellung von Hanns Sohms „Fluxshop“, der wie traditionelle Möbel von Gemischtwarenläden jede Menge Schätze birgt. Gleich daneben posieren Schaufensterpuppen mit Unterwäsche von Robert Watts. Was solche Wäschestücke eigentlich verhüllen sollten, offenbart ein Siebdruck auf den „female underpants“.

Geschichte wird erlebbar

In der Abteilung „Mail Art“ wird das Netzwerk der Fluxus-Gemeinde nachvollziehbar. Der Sektion „Wissenschaft“ gelten eher ironisch persiflierende Sachen. Robert Watts wog kleine Steine aus und versah sie mit entsprechenden Ziffern. Das Alphabet von Emmett Williams visualisiert Buchstaben mit Bildern. Wenn sich jemand Bier in den Hosenbund schüttet, ist „pour“, also P gemeint. Die Kuratoren sind sich der Schwierigkeiten der Präsentation bewusst gewesen, weshalb Filme und Videoaufnahmen die Exponate ergänzen. Eine dokumentarische Installation vergegenwärtigt unter dem Titel „Die Irren sind los“ Fluxusereignisse in Europa 1962–1977 als „Ausstellung in der ­Ausstellung“, die zudem mit einer Datenbank verknüpft werden kann, die über zur Verfügung gestellte iPads aufgerufen ­werden kann.

Maciunas gegen Vostell

Auch in inhaltlicher Hinsicht herrscht ­Beschränkung. Die Ausstellung, sagen Bettina Kunz und Steffen Egle, „beleuchtet Fluxus in erster Linie als historisch weitgehend abgeschlossenes Phänomen, welches in den späten 1970er Jahren endete. Die Zäsur ergibt sich durch den Tod von George Maciunas im Jahr 1978.“

So werden George Maciunas und Wolf Vostell als Antipoden und „zeitweise Rivalen“ der Bewegung herausgestellt, „die um die gleichen Freunde rangen“. Aber während Vostell etwaige Grenzen zwischen Fluxus und Happening ohne große Skrupel ignorierte und seine Arbeiten vielfach in den Dienst seiner politischen Überzeugungen stellte, hatte der „Heilige Vater“ der Fluxus-Idee für derartiges Engagement nur geringes Verständnis. Auch Joseph Beuys bleibt als „wichtiger Fluxus-Grenzgänger“ ausgespart. Mit der Orthodoxie ihres Oberhaupts hatte er wohl nichts am Hut. Und dass der riesige Fundus des Archivs Sohm dem Publikum „nachhaltig“, also haushälterisch und „mit Maß und Ziel“ vor Augen geführt wird, ist bestimmt keine verkehrte Entscheidung.

Die Schau „Fluxus! – ,Antikunst‘ ist auch Kunst“ ist bis zum 28. April im Stirlingbau (Neue Staatsgalerie) zu sehen. Mi, Fr, Sa und So 10 bis 18, Di und Do 10 bis 20 Uhr. Geschlossen am 24., 25., 31. 12. 2012 und 29. 3. 2013. Der Katalog kostet 24,90 Euro. www.staatsgalerie.de

 

 

 
 
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