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Altkleidersammlung Sammelbetrug im Namen der Johanniter

Von Wolf-Dieter Obst 

Wer alte Jeans  zur  Sammlung geben will, sollte sich über die Wiederverwerter informieren. Foto: Fotolia
Wer alte Jeans zur Sammlung geben will, sollte sich über die Wiederverwerter informieren.Foto: Fotolia

Nicht überall, wo Hilfsorganisationen um Kleiderspenden bitten, steckt auch wirklich eine Hilfsorganisation dahinter. In Stuttgart flog jetzt ein gewerblicher Sammler auf, der offenbar alte Wurfzettel wiederverwertet hat.

Stuttgart - „Das trifft sich ja gut“, freut sich eine Frau in Untertürkheim. Sie hat gerade ihren Kleiderschrank gründlich aussortiert, als sie einen Wurfzettel in ihrem Briefkasten findet. In ihrer Straße soll eine Altkleidersammlung stattfinden: „Wir sammeln für die Johanniter“, heißt es, „aus Liebe zum Leben.“ Bei den großflächig verteilten Zetteln handelt es sich zwar um keine Fälschung – doch der Sammler ist ein gewerblicher Unternehmer, der auf eigene Rechnung arbeitet. Eine Zusammenarbeit mit der Johanniter-Unfall-Hilfe wurde bereits vor einem halben Jahr aufgekündigt.

Betrug? Täuschung? Ein Versehen? Für die Spendenwilligen ist nicht erkennbar, dass sie gar nichts Gutes für die Johanniter tun können. Zumal auf der Rückseite noch Werbung der Johanniter für ihren Menüservice, Ehrenamtsarbeit und Sanitätsdienst samt Spendenkonto zu finden ist. „Das sind alte Wurfzettel aus früheren Aktionen, die offenbar von einem früheren Partner noch immer verwendet werden“, sagt Tobias Grosser, Sprecher des Johanniter-Regionalverbands Stuttgart. Dabei sei dem Betrieb zum Ende des Jahres 2012 gekündigt worden. „Die Zusammenarbeit wurde beendet, weil der Partner unzuverlässig war, es ging am Ende drunter und drüber.“ Der Fall sei einem Rechtsanwalt übertragen worden, der eine Unterlassungsklage in die Wege leitet.

Der Fall fügt sich ein in eine Reihe dubioser Unternehmungen im Zusammenhang mit der Altkleiderbranche. Immer öfter werden große Container aufgestellt, ohne dass die kommerziellen Verwerter dafür Genehmigungen hätten. Zum Jahreswechsel fiel der Polizei im Stuttgarter Osten bei einer Routinekontrolle ein Verdächtiger auf, der an einem Behälter hantierte. Weil der Mann nicht damit rechnete, dass eine Streifenbeamtin Türkisch verstand, plauderte er ungeniert per Mobiltelefon mit seinem Chef darüber, dass er eine Liste mit den illegal aufgestellten Containern in seinem Auto versteckt habe.

Die Polizei stieß auf 315 nicht genehmigte Standorte von Altkleidercontainern in 56 Gemeinden der Region Stuttgart. Für den verantwortlichen Unternehmer gab es ein knapp fünfstelliges Bußgeld sowie vom städtischen Ordnungsamt eine Untersagungsverfügung wegen Unzuverlässigkeit. Der sieht das als Missverständnis – er sei gar nicht der Richtige. auch sein Bruder sei in der Branche tätig.

„Wir haben schon aufgehört mit Sammeln“, sagt der Beschuldigte

Auch im Fall der falschen Johanniter-Sammlung sei alles ein Missverständnis. Auf Nachfrage gibt der Beschuldigte an, dass man sich auch nicht erklären könne, wie die Wurfzettel in die Briefkästen kamen. „Wir haben schon aufgehört mit Sammeln“, sagt er. Seine Firma sei inzwischen für eine Tierschutzorganisation mit Sitz in Schwäbisch Hall tätig – „mit neuen Zetteln“. Wer da wohl noch die Johanniter-Schreiben eingeworfen haben könnte, auf denen seine Firma klein gedruckt „Containerstellplätze für unsere Sammelcontainer“ sucht, kann sich der Textilverwerter nicht erklären. „Vielleicht sind die alten Zettel noch mit unseren neuen Zetteln zusammengekommen.“

Für Andreas Voget, Geschäftsführer des Dachverbands Fairwertung in Essen, ist der Vorgang nicht ungewöhnlich. Der Verband, zu dem sich transparent arbeitende Textilverwertungsbetriebe zusammengeschlossen haben, beobachtet öfter, dass sich Vereine mit gewerblichen Betrieben zusammentun, weil die Logistik von Sammlungen ehrenamtlich oft nicht machbar ist. „Und dann haben viele Vereine schon böse Überraschungen erlebt“, so Voget.

Handlungsweise der Johanniter recht fahrlässig gewesen

Zwar gebe es dann eine Pauschale, doch keine Kontrolle darüber, wie viel eigentlich gesammelt wurde. „Als Verein würde ich nie die Verwendung meines Namens erlauben“, sagt Voget, „eine Logo-Überlassung wird von uns abgelehnt.“ Die Handlungsweise der Johanniter sei so gesehen recht fahrlässig gewesen. Zumal unseriöse Unternehmen mit immer neuen Tarnungen auf dem Vormarsch seien. Das Geschäft mit 750 000 Tonnen Altkleidern jährlich brummt.

Der Stuttgarter Regionalverband der Johanniter hat vorerst genug – und lernen müssen, dass man mit alten Textilien große Probleme bekommen kann. „Wir sind momentan an einem Punkt, dass wir keine Altkleidersammlungen mehr machen wollen“, sagt Sprecher Grosser. Offenbar seien auf dem Markt nur schwer seriöse Partner zu finden – daher suche man vorerst auch keinen neuen. „Bevor wir uns da laufend die Finger einklemmen und Negativwerbung einhandeln“, so Grosser, „lassen wir das lieber.“

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