Altersermäßigung-Wegfall Beamtenbund kämpft gegen Mehrarbeit für Lehrer

Frank Krause, 08.02.2013 05:00 Uhr

Stuttgart - Es war im November vergangenen Jahres: Da tüftelten die Bildungsexperten von Grün-Rot einen brisanten Entwurf aus. Zwar mag der Titel des Papiers – „Verordnung der Landesregierung über die Arbeitszeit der beamteten Lehrkräfte an öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg“ – etwas hölzern klingen. Der Inhalt hat es aber in sich. Unter Paragraf 5 geht es dabei um die Altersermäßigung – jenes Instrument also, mit dem ältere Lehrer ihre Arbeitszeit reduzieren dürfen. Die bisherige Regel: ab dem 58. Lebensjahr wöchentlich um eine Stunde, ab dem 60. Lebensjahr gar um zwei Stunden. Nach dem Willen von Grün-Rot soll es das so aber nicht mehr geben. Künftig soll es, so stand es im Entwurf, erst ab dem 61. Lebensjahr die Ermäßigung um zwei Wochenstunden geben.

Der Beamtenbund reagierte seinerzeit verärgert auf die Pläne. Mit Blick auf die zunehmende Arbeitsbelastung der Lehrer und die Fürsorgepflicht des Landes in Sachen Gesundheitsmanagement müsse Grün-Rot genau das Gegenteil tun – nämlich die erste Stunde Altersermäßigung bereits mit 55 Jahren gewähren und die zwei Wochenstunden weiterhin ab 60 Jahren zulassen. Beamtenbund-Landeschef Volker Stich begründete die Forderung in einem mehrseitigen Papier und bot der Landesregierung an, „für ein Gespräch gerne zur Verfügung“ zu stehen, wie es in dem Schreiben heißt.

Allein, es geschah nichts. „Man hat mit uns keinen Kontakt aufgenommen“, sagte Stich am Donnerstag unserer Zeitung und reagierte verärgert auf die Tatsache, dass die grün-rote Haushaltsstrukturkommission unter Vorsitz von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) an diesem Freitag über Einschnitte beraten will – ohne die Betroffenen vorher gehört zu haben. „Ich bin entsetzt über die Pläne der Landesregierung und kann sie nur warnen, die Altersermäßigung zu kürzen oder ganz zu streichen. Dagegen werden wir uns wie vor zwei Jahren mit großer Vehemenz wehren.“

Kollaps des Schulsystems

Damals hatte Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) die Idee geboren, die Wochenarbeitszeit von jungen Beamten um eine Stunde anzuheben, um damit Stellen zu sparen. Als der Protestchor immer lauter wurde, stampfte Schwarz-Gelb die Pläne ein. Sollte Grün-Rot nun an der Arbeitszeit für Lehrer rütteln, wäre das aus Sicht von Stich „sehr fahrlässig“. Zum einen gebe es unter den 100 000 verbeamteten Lehrern im Land mit einem Altersschnitt von 50 Jahren „viele Kollegen, die eine Bugwelle von freiwillig geleisteten Überstunden vor sich herschieben und diese bisher nicht abgebaut haben“. Zum anderen werde eine Aufweichung der Altersermäßigung „gerade bei den Kollegen über 60“ das ohnehin angekratzte Vertrauen in die Landesregierung erschüttern. Beide Aspekte, so Stichs Prognose, würden gravierende Konsequenzen haben. „Wir werden unseren Mitgliedern dann raten, die geleistete Mehrarbeit als Ausgleich einzufordern. Darauf haben die Kollegen einen Rechtsanspruch.“ In der Folge „würde das Schulsystem kollabieren“, weil plötzlich Hunderte von Lehrern für Wochen oder Monate nicht mehr in der Schule erscheinen. „Die Landesregierung müsste dann zusätzliche Lehrer einstellen, um den Unterricht aufrechterhalten zu können“, sagt Stich.

Aber das kann sich Grün-Rot angesichts der Sparzwänge nicht leisten. Im Gegenteil: Man will bekanntlich Lehrerstellen in großem Stil abbauen, allein 1000 in diesem Jahr. Was also tun? Am Donnerstag hieß es aus Koalitionskreisen, der Spargipfel an diesem Freitag müsse Klarheit bringen. „Das wird ein heißes Eisen“, prophezeit ein Insider. Denn die Zeit drängt. In diesem Monat müssen die Lehrer landesweit ihre Deputatswünsche für das neue Schuljahr 2013/2014 abgeben. Das aber kann nur geschehen, wenn die Rahmenbedingungen geklärt sind. Fakt ist: Während man bei den Grünen die Altersermäßigung kritisch sieht, wird sie von der SPD bisher (noch) verteidigt.

Fluglotsen würden mit 55 in Rente gehen

Unklar ist, ob der Entwurf der grün-roten Koalition vom November noch gilt oder mittlerweile ent- oder verschärft wurde. Darüber hüllt sich die Regierung vor dem Spargipfel in Schweigen. Eines scheint schon festzustehen. In dem Entwurf, der unserer Zeitung vorliegt, ist als Datum für das Inkrafttreten der 1. August 2013 eingetragen.

Die Gewerkschaften jedenfalls reagierten am Donnerstag mit Kritik auf die Überlegungen der Landesregierung. „Nicht nur Tausende von Lehrerstellen werden von Grün-Rot gestrichen, jetzt will man auch der Altersermäßigung den Garaus machen“, schimpfte Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Fluglotsen würden mit 55 in Rente gehen, Feuerwehrleute mit 60, Lehrer müssten bis 67 arbeiten. „Arbeitsmediziner haben die Stresssituationen für Pädagogen an der Schulfront mit der eines Rennfahrers verglichen. Da waren die ein oder zwei Stunden Altersermäßigung ein Zeichen der Wertschätzung und eine in beinahe homöopathischer Dosierung verabreichte Entlastung“, so Brand. Wer „die Schullandschaft von Grund auf umpflügen will, benötigt dazu motivierte Akteure und keine Mitarbeiter, die sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen“, warnte Brand die Regierung.

Ähnlich äußerte sich Margarete Schaefer vom Verband der Lehrer an beruflichen Schulen. Die Altersermäßigung sei keine Besserstellung von Lehrkräften, sondern als Umsetzung einer Arbeitszeitreduzierung eingeführt worden. „Eine Streichung oder weitere Kürzung der Altersermäßigung wäre ein weiteres Sonderopfer für die Lehrer. Das ist mit uns nicht zu machen.“

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (10)
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentar schreiben
Anzeigen
MRZ
14
Rüffel Kretschmann, 22:12 Uhr

Altersteilzeit

Sehr geehrte Landesregierung, es ist eine Unverschämtheit von Ihnen sich selber die Diäten zu erhöhen und den Landesbeamten die Altersteilzeit zu kürzen. Pfui, Pfui, Pfui. Wenn mein ein Lehrerhasser ist, sollte man nicht in die Politik gehen. Hoffentlich seid ihr bald wieder abgewählt!!!

FEB
09
peter, 19:22 Uhr

Ih sag´s doch emm´r, Auga uff bei d´r Berufswahl !

FEB
08
Gymnasiallehrer, 18:22 Uhr

ku

Lieber ku! Machen Sie selbst die Probe und hospitieren Sie sechs Wochen an einer Schule. Tun Sie alles, was Ihr Mentor macht, ebenfalls, d.h. räumen Sie Ihren Schreibtisch abends nicht vor zehn Uhr, brüten Sie am Samstag über Aufsatzkorrekturen, bereiten Sie sich am Sonntag auf den Unterricht am Montag vor, es sei denn, Sie haben dies schon am Freitagnachmittag oder am Samstag erledigen können. Die Sommerferien nutzen Sie für die Einarbeitung in neue Abiturthemen, die übrigen Ferien für Klausurkorrekturen (natürlich nicht von frühmorgens bis spätabends, aber doch an einigen Stunden am Tag). Wenn Sie Glück haben, müssen Sie an einem Tag nur drei Klassen unterrichten; je nach Klassengröße sind dies dann 70 bis 95 Schüler, die Sie, neben Ihrem Unterrichtsstoff, alle im Auge behalten, individuell fördern und benoten müssen. Sie müssen jederzeit in der Lage sein, auf besondere Situationen im Unterricht wie z.B. Störungen oder unerwartete Probleme in der Klasse angemessen zu reagieren. In den Pausen stehen Sie am Kopierer, führen Gespräche mit Schülern oder Kollegen oder haben Sie Aufsicht. Es kann aber auch sein, dass Sie acht Klassen an einem Tag unterrichten müssen, da kommen Sie locker mal auf 200 bis 250 Schüler, die alle von Ihnen gebührende Beachtung und eine gerechte Benotung ihrer schriftlichen und mündlichen Leistungen erwarten. Da sind dann Lehrerkonferenzen, Elternnachmittage und -abende, Einzelgespräche mit Schülern und Eltern, Klassenfeste, Sport- und Wandertage, Projekttage, pädagogische und fachliche Fortbildungen, Exkursionen, Studienfahrten, Schullandheimaufenthalte und Schulaufführungen mitsamt Extraproben nur noch «kleine Zutaten». Allein diese Aufzählung zeigt, wie vielfältig und facettenreich der Lehrerberuf ist - dies ist seine schöne, aber auch anstrengende Seite. Daneben genießen Sie viel Freiheit bei der Gestaltung des Unterrichts und Ihrer Arbeitszeit außerhalb der Unterrichtszeiten. Aber diese Freiheit verlangt von Ihnen ein hohes Maß an Eigenverantwortung; faule Lehrer bekommen ihre Nachlässigkeit seitens der Schüler und ihrer Eltern, aber auch von ihren vorgesetzten und nicht vorgesetzten Kollegen sehr deutlich und auf unangenehme Weise zu spüren, zu Recht! Und dann kommen Sie irgendwann in die Jahre. Sie profitieren von Ihrer Routine und Erfahrung, genießen vielleicht auch ein bisschen die Zuneigung Ihrer Schüler (die gegen «nette» alte Lehrer überhaupt nichts haben), merken aber auch, wie Ihr Gedächtnis, Ihr Gehör, Ihre Augen und Ihre körperliche Ausdauer nachlassen; für manche Dinge brauchen Sie mehr Zeit als früher und Ihr Bedarf an Verschnaufpausen nimmt zu. Gewährt man Ihnen diese, etwa in Form einer Altersermäßigung, können Sie immer noch anständige Arbeit leisten und sind zudem viel besser gegen Krankheiten geschützt, um derentwillen man Sie für viel Geld vertreten müsste. Spätestens jetzt merken Sie hoffentlich, dass die Lehrer mit ihren Protesten gegen die geplante Streichung der Altersermäßigungen kein Luxusproblem zum Ausdruck bringen, sondern die Sorge um den nachhaltigen Umgang Ihres Dienstherrn mit ihren geistigen und körperlichen Ressourcen.

Kommentar-Seite 1  von  4
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.