Altenheim in Japan Kuscheln mit dem Computerhund

Von Christian Gottschalk 

Braver Hund: Japans Rentner bekommen maschinelle Gefährten an ihre Seite. Foto: Gottschalk
Braver Hund: Japans Rentner bekommen maschinelle Gefährten an ihre Seite. Foto: Gottschalk

In Japans Altenheimen fehlt es – wie fast überall – an Pflegekräften. Deshalb sollen immer mehr Maschinen den Menschen ersetzen. In Tokio werden die Prototypen getestet. Tanzt die alternde Gesellschaft künftig mit dem Roboter?

Tokio - Wenn es darum geht, wohlklingende Namen für die Orte zu finden, an denen alte Menschen ihre letzten Jahre verbringen, dann ist Japan auch nicht viel fortschrittlicher als Deutschland. Silberflügel heißt das Heim in Tokios Stadtbezirk Ginza, ein unscheinbares Haus umgeben von Bürotürmen. Besucher müssen noch vor dem Betreten des Fahrstuhls die Schuhe ausziehen. In der Luft liegt der typische Geruch aus Großküche, Desinfektionsmittel und menschlichen Ausdünstungen, ganz so wie an vielen vergleichbaren Orten. Das war es dann aber mit den Gemeinsamkeiten. Die Zukunft einer ganzen Branche kann sich verändern, wenn das Schule macht, was im Silberflügel bereits alltäglich geworden ist.

Kisa Okubo sitzt an einem Tisch und schaut ins Leere. Als sie geboren wurde, endete in Europa gerade der Erste Weltkrieg, man schrieb das Jahr 1919. Ein Mitarbeiter stellt ein glänzendes Etwas auf den Tisch. Kein Fell, keine Augen, aber die Form eines Hundes. Da, wo das Original einen Schwanz hätte, hängt bei dem Computerhund etwas, das ausschaut wie eine überdimensionierte Büroklammer. Der Hund kann mit dem Kopf wackeln, sich hinsetzen, Pfötchen geben. Es dauert nur Sekunden, da kommt Leben in die alte Dame. Immer wieder greift ihre Hand nach der Maschine, „liebes Hundchen, gutes Hundchen“, sagt Kisa Okubo – und lacht dabei.

Alte Menschen akzeptieren die Roboter

Seit drei Jahren experimentiert man im Silberflügel mit dem Einsatz von Robotern. Die Leiterin Yukari Sekiguchi ist von dem Erfolg überzeugt. Die alten Menschen hätten die Roboter sofort angenommen und lieben gelernt, sagt sie. Aus der täglichen Betreuungsarbeit seien sie nicht mehr wegzudenken. Zumal der Techno-Hund seinen real existierenden Kollegen gegenüber einen gehörigen Vorteil hat: nach getaner Arbeit verschwindet er ohne einen Hauch von Gegenwehr im Schrank.

Roboterhunde könnten nicht nur in Tokyo bald Hochkonjunktur haben. Japans Gesellschaft altert im Rekordtempo – und Plätze in Heimen sind immer gefragter. Die Lebenserwartung der Japaner ist in den letzten vier Jahrzehnten im Schnitt um mehr als zehn Jahre gestiegen, der Trend hält an. Wenn es so weitergeht, werden in etwas mehr als vier Jahrzehnten 39,9 Prozent der Japaner älter als 65 Jahre sein. Schon heute haben viele 60-jährige Japaner Eltern, die kaum mehr alleine leben können – aber müssen, weil die Kinder zur Zeit des industriellen Booms die heimischen Dörfer verlassen haben. „Früher gab es einen Konsens, dass die Schwiegertöchter die Pflege übernehmen, das gilt heute nicht mehr“, sagt Mariko Bando – und nippt an ihrem Tee.

Vorbehalte gegen ausländische Pfleger

Bando ist Rektorin der Showa-Universität für Frauen in Tokio – und eine nationale Berühmtheit. Ihr Buch „Würde der Frau“ hat sich mehr als drei Millionen Mal verkauft, Bando gilt als ausgewiesene Expertin in Fragen der japanischen Gesellschaft. „Das ist wie in Deutschland“, sagt sie. Zu wenig Altenheime, zu wenig Altenpfleger. Von der Idee, ausländische Pflegekräfte anzuwerben, hält sie nicht viel. Ausländer werden in Japans Gesellschaft kritisch beäugt, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt bei unter zwei Prozent. Besser sei es, „junge Ältere“ für den Beruf zu gewinnen, meint die Professorin: „Viele Frauen um die 60 sind total fit und könnten das machen.“ Ebenso energisch appelliert sie an die Wirtschaft ihres Landes: „Die Industrie soll endlich vernünftige Roboter entwickeln, die den Menschen im Leben unterstützen und nicht nur zum Spielen taugen.“

Die ersten Prototypen solcher Roboter sind im Haus Silberflügel im Einsatz. Der Hund, der Kisa Okubo zum Lachen gebracht hat, ist dabei nur ein Hilfsmittel von vielen. Altenpfleger Sugimoto Takashi schlüpft in ein Gerät, das aussieht wie eine Mischung aus Babytragegurt, Rucksack und Raumanzug. Die elektronische Muskelmaschine soll Pflegern den Umgang mit schweren Lasten erleichtern, zum Beispiel dann, wenn sie Menschen aus dem Bett herausheben. Künstliche Muskeln an den Armen lassen die zu hebenden Kilos um ein Vielfaches leichter erscheinen.

Ein Anzug für den Pfleger kostet 5000 Euro

Anfangs seien die Pfleger skeptisch gewesen, sagt die Heimleiterin, inzwischen sei das Tragen der mehr als 5000 Euro teuren Anzüge für das Personal verpflichtend. Der Rücken dankt es den Pflegekräften. Die werden mit weiteren Produkten der japanischen Hightech-Industrie unterstützt: Maschinen, die Schlaganfallpatienten mit elektronischen Impulsen in den Beinen dabei helfen, das Laufen wieder zu erlernen. Betten, die sich per Knopfdruck in einen Sessel verwandeln und kleine Kissen unter den Bettmatratzen, die genau erkennen ob der über ihnen Liegende schläft oder nur ruhig liegt – und im Stationszimmer Alarm auslösen, wenn der Bewohner Anstalten macht, das Bett zu verlassen. Nachts sei es immer mal wieder zu Stürzen gekommen, wenn Verwirrte aufgestanden seien, sagt Heimleiterin Sekiguchi. Mit der neuen Technik sei das Geschichte.

Honda, Sony, Panasonic – das Who is who der japanischen Industrie testet seine Produkte im Silberflügel. Die meisten der Hightech-Maschinen werden jedoch von kleinen Start-ups produziert. Der Rentner Nori liebt keine so sehr wie May. Seit mehr als drei Jahren lebt Nori in dem Altenheim, dem Experimentierfeld für neue Technologien. Ein Kommunikationsroboter wie May steht auf fast jedem Nachttisch. „Mein Name ist May“, sagt May mit heller, klarer Stimme, wenn Nori danach fragt. „Sing ein Lied“, sagt Nori. „Okay“, sagt May – und beginnt, die Arme im Takt zu bewegen. Noris Lippen bewegen sich mit. Er schaut glücklich in die blinkenden Dioden, die dort sind, wo Menschen ein Gesicht haben.

Klatschen im Takt und Trockenkuchen

Mays große Schwester steht ein Stockwerk tiefer, dort, wo neben den gesünderen der 40 Dauerbewohner des Silberflügels auch die vielen Tagesgäste betreut werden. Es gibt Tee, Trockenkuchen und Mays große Schwester, die singt und sich im Takt der Musik bewegt. Altenpfleger Takashi hat seine elektronische Muskelmaschine inzwischen ausgezogen und steht neben Mays Schwester, die vor allem deswegen keinen Namen hat, weil sie ein Unikat ist. Zusammen singen Mensch und Roboter und klatschen im Takt. „Wenn ich das alleine mache, wird es den Leuten schnell langweilig“, sagt Takashi. „Wenn der Roboter mitmacht, dann haben sie Spaß.“ Zusammen singen Sugimoto Takashi und der Roboter mit dem ganzen Saal ein Lied, das viele Bewohner an ihre Jugend erinnert. Viele wischen sich eine Träne der Rührung aus dem Gesicht. Nur der namenlose Roboter schaut immer fröhlich in die Runde.

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