Als arbeitsunfähig erachtet und ermordet

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Schorndorf Mit drei Stolpersteinen gedenkt Schorndorf der Bürger der Stadt, die in Grafeneck getötet worden sind. Von Oliver Hillinger

Schorndorf Mit drei Stolpersteinen gedenkt Schorndorf der Bürger der Stadt, die in Grafeneck getötet worden sind. Von Oliver Hillinger

Siebzig Jahre sind vergangen, seit die grauen Busse in der Anstalt Stetten vorfuhren, um Bewohner von dort in die Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb zu deportieren. Für Renate Völker war diese Zeitspanne wie verflogen, als sie vor gut einem Jahr aus einem Nachlass zwei Bilder ihrer Tante Helene Krötz bekam. "Sie erinnert mich sehr an meine Mutter", sagt Renate Völker. Jedoch sei es ihr niemals vergönnt gewesen, ihre Tante, die als Kind an einer Hirnhautentzündung erkrankte und daher von einer geistigen Behinderung betroffen war, persönlich kennenzulernen. Helene Krötz starb im Alter von 21 Jahren in den Gaskammern der Tötungsanstalt Grafeneck. Eine von rund 10 600 Menschen, die dort im Herbst 1940 ermordet worden sind.

Drei sogenannte Stolpersteine für aus Schorndorf stammende Menschen, die dieses Schicksal erlitten, sind gestern gesetzt worden. Auch an Helene Krötz soll vom kommenden Frühjahr an ein solcher Gedenkstein vor ihrem Elternhaus, einem Gasthof in Urbach, erinnern. Um so weit zu kommen, waren Forschungen in den Akten der heutigen Diakonie Stetten nötig. Die meisten dieser Unterlagen, unter anderem die Listen mit den in den Bussen deportierten Menschen, haben die Jahrzehnte unbeschadet überstanden, schildert der Theologe Martin Kalusche. In dessen Dissertation mit dem Titel "Das Schloss an der Grenze" hat er nachgewiesen, dass die Haltung der damaligen Leitung der Anstalt Stetten zur Deportation von Behinderten zumindest zwiespältig war. Richtig leicht tat man sich mit diesem Nachlass bis in die jüngste Zeit nicht. Renate Völker spricht von anfänglichen "bürokratische Hürden", die sie habe überwinden müssen, um letztlich Akteneinsicht zu bekommen.

Was Renate Völker und ihr Cousin Bernd Krötz in den alten Aufzeichnungen zu lesen bekamen, machte ihnen das Leben ihrer Tante plastisch. Helene Krötz höre gern Radio, plaudere gerne, sei ein anschmiegsames Kind, stand darin. "Bei Lob freut sie sich über alle Maßen", notierte eine Pflegerin, die offenbar Zuneigung zu ihr empfand. Andere Urteile lesen sich härter. Fritz Rupp, ehemaliger Hausleiter in Stetten, nannte sie einen "hoffnungslosen Fall". Helene Rupp sei "zu keiner Arbeit fähig", gehe immer nur im Garten umher und zupfe Blätter ab.

Die vorgebliche Arbeitsunfähigkeit besiegelte offenbar Helene Krötz" Schicksal. Im Herbst 1939 musste die Anstalt Stetten Listen ihrer Bewohner anfertigen. Aus den Bewertungen zogen die Behörden der Tötungsmaschinerie Schlüsse, wer überleben durfte und wer nicht. Einige konnte die Anstaltsleitung zwar in letzter Minute vor der Deportation bewahren, aber für viele Menschen aus Stetten bedeutete der Eintrag auf einer der Listen den Tod.

Das Schicksal ihrer Tante habe sie sehr bewegt, sagt Renate Völker. Sie möchte künftig Schulklassen durch die Gedenkstätte in Grafeneck führen und so an die dort ermordeten Menschen erinnern. Zudem entstehen zurzeit aufgrund der Akte von Helene Krötz im Internet abrufbare Lehrmaterialien für Schüler, die es ermöglichen sollen, am Beispiel der Helene Krötz die Folgen der Euthanasie im Unterricht zu behandeln. Den Opfern einen Namen zu geben, an sie zu erinnern - dieser Gedanke gefällt Renate Völker sehr gut.

Ausstellung Im Foyer des Schorndorfer Rathauses erinnert eine Ausstellung an die Geschichte der Tötungsanstalt Grafeneck. Sie ist bis zum 22. Dezember dort zu sehen.

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