Alles Klohr Spätfolgen des Abfallgebühren-Traumas

Von Markus Klohr 

Die Mülltonne  als Goldgrube Foto: dpa
Die Mülltonne als Goldgrube Foto: dpa

Wenn im Landkreis Ludwigsburg die Müllabfuhr auch nur um ein paar Euro teurer wird, ist das immer ein Politikum. Denn die Kreisräte mussten schon einmal miterleben, wie Filz und Misswirtschaft den Menschen horrende Gebühren beschert haben.

Abfall - Es lodert ein Feuer, nein: es tobt ein Sturm! Die Kreispolitik ist alarmiert, beunruhigt, entsetzt, man befürchtet das Allerschlimmste. Nein, es geht nicht um die Ausrufung des Katastrophenfalles wegen eines Super-GAU im Kernkraftwerk Neckarwestheim; auch nicht um Überschwemmungen, die den Landrat zu öffentlichen Auftritten in Gummistiefeln nötigen könnten. Es geht um 7,50 Euro. Genauer: 7,50 Euro im Jahr. Um diesen Betrag sollen die Müllgebühren eines durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalts im Kreis Ludwigsburg 2017 teurer werden.

Wir vergleichen mal Äpfel mit Birnen

Ist das nicht schrecklich? Wir vergleichen (wie gewohnt) Äpfel mit Birnen und schauen mal: das VVS-Jahresticket fürs komplette Netz ist dieses Jahr um 36 Euro pro Jahr teurer geworden. In den Jahren zuvor war das – sehr grob vereinfacht – auch schon so. Pro Jahr entspricht das einer Preissteigerung von um die zwei Prozent. Außer rituellem Genörgel in diversen politischen Gremien gibt es diesbezüglich keinen Aufschrei. Aber beim Müll! Fünf Prozent Gebührensteigerung!! Und das im Kreis Ludwigsburg!!! Das ist nicht von Pappe, da werfen sich die Mandatsträger im Kreistag Ludwigsburg vorauseilend das Büßergewand um. „Schwierigen Jahren“ blicke man entgegen, hieß es im Technischen Ausschuss am Montag. Oder: der Kreis habe einen „erheblichen Erklärungsbedarf“. Dieselben Leute, die – zurück zum hinkenden Vergleich – die alljährliche Preissteigerung beim VVS schulterzuckend als Routine durchwinken, überschlagen sich vor Sorge – und das alles, wie gesagt, wegen 7,50 Euro. Und das, obwohl den Menschen im vergangenen Jahrzehnt so gut wie keine Erhöhungen zugemutet wurden. Wie lässt sich dieses Ludwigsburg Abfallgebühren-Paradoxon erklären?

Historisch natürlich! Es ist gerade mal 20 Jahre her, da wurden im Kreis Ludwigsburg, im Namen der Kreis-Abfallverwertung AVL, die Millionen vergraben. Ein junger Landrat namens Rainer Haas traf damals auf eine Müllhalde aus Filz und Misswirtschaft: der Pilotversuch, die Deponien zurückzubauen, um mit den dort befindlichen Rohstoffen Geld zu verdienen, scheiterte. Der AVL-Geschäftsführer verschaffte Frau und Tochter gut bezahlte Nebenjobs, Entsorgungsfirmen, die sich sein Wohlwollen erkauft hatten, wurden bevorzugt bedient.

Kein neuer Skandal, nur eine falsche Tabelle!

Nach der Entlassung und Aufarbeitung des AVL-Skandals blieben rund 130 Millionen Mark Schulden. Die Müllgebühren stiegen in kurzer Zeit um 40 Prozent auf jährlich 619 Mark für einen vierköpfigen Haushalt. Es gab Aufruhr, Proteste, etliche Bürger legten Widerspruch gegen ihren Gebührenbescheid ein.

Deshalb liegt auch heute noch ein Knistern in der Luft, wenn im Landratsamt Ludwigsburg jemand das Wort „Müllgebühren“ in den Mund nimmt; und wenn ein Kreisrat, wie am Montag geschehen, von „handwerklichen Fehlern“ spricht, die die jüngste Erhöhung mit bedingt hätten. Wir können beruhigen: es deutet wenig auf einen AVL-Skandal hin. In diesem Fall wurde den Aufsichtsräten nur eine falsch kalkulierte Tabelle vorgelegt.

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