Alexander Kluge Der Filmemacher zu Besuch in Stuttgart

Von Thomas Morawitzky 

Alexander Kluge Foto: dpa-Bildfunk
Alexander KlugeFoto: dpa-Bildfunk

Auch lachend kann man lesen lernen: Ein Wochenende mit dem Filmemacher und Autor Alexander Kluge, der in Stuttgart las, sprach und einen neuen Film vorgestellt hat.

Einen „sehr eigenartigen Film“ nennt ­Kluge selbst dieses Werk, das er eigens für seinen Besuch in Stuttgart zusammenstellte: „Fragmente, die zeigen, wie Menschen sich äußern.“ 20 Beispiele gibt er, vielseitig, hintersinnig, manchmal ironisch, mitunter autobiografisch. Heiner Müller und Christoph Schlingensief sprechen von Kunst und Tod, vom Finden und Verlieren einer Sprache; skurrile Figuren treten neben sie – und wichtig ist dabei nicht immer, was sie sagen.

Alexander Kluge interessiert sich für die Sprache, in der Menschen von sich selbst erzählen, die sie sich geben, um ihre Welt zu ordnen, mit der sie in ein Gespräch eintreten. Ein Gespräch zwischen Menschen kann für ihn musikalische Qualitäten erreichen – „und manchmal“, sagt er, „spielt dabei ein ganzes Orchester mit“.

Erfahrenes und Erfundenes

Sprechen heißt für Kluge auch: zuhören; die Haltung, die er vorschlägt, ist die der Aufmerksamkeit. „So erwachte das Ohr und damit die Sprache“ hat er den Vortrag betitelt, den er am Samstagabend im Max-Bense-Forum der Stadtbibliothek hält. Er beschließt ein wissenschaftliches Symposium internationaler Kluge-Experten, veranstaltet von der Akademie für gesprochenes Wort, dem Institut für Literaturwissenschaft und dem Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikwissenschaft an der Universität Stuttgart.

In der Stadtbibliothek dann ist jeder Platz besetzt, als Alexander Kluge ans Pult tritt. „Ich habe hier das große Privileg, als Poet zu sprechen, nicht als Wissenschaftler“, beginnt er, in seinem gewohnt höflichen, ­humorvollen Ton. „Nichts von dem, was ich sage, muss stimmen.“

Und schon webt Kluge sein Netz aus ­Gedanken, Anekdoten, Parabeln, aus Erlebtem, Erfahrenem, Erwiesenem und Erfundenem. Er erzählt von vielen Begegnungen, stellt unerwartet einleuchtende Verbindungen her, springt durch die Geschichte, führt in die Oper und in die Nachkriegszeit, zu den Trümmerfrauen, die den Alltag wieder­aufbauten. „Je weniger das Politische im Staatswesen vorkommt“, beobachtet er hier, „desto politischer wird die Basis.“

Für Kluge hat jeder Irrtum Erkenntniswert

Im Film, den Kluge dann am Sonntagmorgen im Atelier am Bollwerk aufführt, wird auch Hannelore Hoger zu sehen sein, die Schauspielerin, die seit fast 50 Jahren immer wieder mit ihm zusammen gearbeitet hat. Sie spielt eine Trümmerfrau – „die ihren Mann reparieren musste“.

Kluges Vortrag ist übervoll von Bildern, die jenes „Prinzip Mündlichkeit“ illustrieren, für das er wirbt – das Dialogische, Dialektische, in dem sich das Miteinander der Menschen verwirklicht. Kluge ist ein Optimist, für den der Irrtum einen ebenso großen Erkenntniswert besitzt wie die Wahrheit, der in jeder Gefahr eine Chance sieht. „Der Schrecken“, sagt er, „macht stumm, aber er lehrt auch zu lesen.“

Wolfgang Ressel, Rektor der Universität Stuttgart, leitete Kluges Vortrag ein. „Alexander Kluge“, sagte er, „beklagt die digitale Herausforderung nicht.“ Kluge allerdings sieht auch die Gefahren, die diese Herausforderung mit sich bringt, warnt davor, ihr naiv entgegenzutreten, warnt vor der „Tyrannei der dritten Natur“. Sie ist für ihn die kommende Natur, die die Sphäre ablöst, die der Mensch sich selbst geschaffen hat: „Wo Arbeit war, kommt Information hin.“ Den Menschen in dieser dritten Natur vergleicht Kluge mit dem Eingeborenen, den es in eine hoch entwickelte Zivilisation verschlägt, und ermahnt ihn, seine neue Umgebung aufmerksam zu betrachten, in ihr zu lesen.

Wenn Technik den Menschen „enteignet“

Kluges Skepsis ist unverkennbar. Im ­Westen, im Silicon Valley, sagt er, entwickelten die „Kinder der Blumenkinder“ Technologien der Information, die es ermöglichen, menschliche Wünsche und Bedürfnisse nachzubilden, zu simulieren, zu manipulieren – und die Freiheit, die sich die Menschen unter jeder Herrschaft stets innerlich bewahren konnten, auszulöschen. „Wenn das stattfindet“, sagt er, „sind wir auf einer Ebene enteignet, auf der wir noch nie enteignet waren.“ Und im Samstagsprogramm des privaten Fernsehsenders RTL sieht er einen weiten Vorstoß in diese Richtung.

Ohne Hoffnung ist er jedoch keinesfalls: Alexander Kluge schreibt dem Menschen eine große Widerstandskraft zu. Die Worte, die er in einer seiner Geschichten in Lebe­wesen verwandelt, die in den Kehlen der ­Menschen leben und den Aufstand proben, können sie retten. „Wir haben in uns menschliche Eigenschaften“, sagt er, „die in fremdem Besitz nicht gedeihen können. Das sollten wir rechtzeitig begreifen.“

Kluges Stuttgarter Vortrag endet als ein Appell: Er sieht den Menschen zwischen dem Bild größter Bodenhaftung – dem Kind, das an der Brust der Mutter liegt – und dem Drahtseilakt, den die Artisten in der Zirkuskuppel vollführen, ratlos, wie in einem der bekanntesten Werke als Filmemacher. „Die Bodenhaftung“, sagt er, „dürfen wir nicht den Clowns überlassen.“

Aufforderung zum erneuten Lesen großer Philosophen

Im Zeitalter der Information, sagt ­Alexander Kluge, sollte der Mensch sich seiner Ressourcen bewusst werden, sein ganzes Wissen aufbieten, um die Schrift, die die neue Zeit an die Wand schreibt, zu ent­ziffern. In Stuttgart fordert er seine Zuhörer auf, die Denker an der Schwelle dieses ­Zeitalters neu zu lesen, neu zu bewerten – Luhmann, Derrida, Deleuze, Guattari –, und er ruft: „Theoretiker aller Länder, vereinigt euch!“

Gegen Ende jenes eigenartigen Filmes, den Kluge eigens für seinen Besuch an der Universität Stuttgart zusammenstellte, lässt er den Philosophen Joseph Vogel denn auch lange sprechen, über den Begriff des ­Rhizoms, der sich bei Deleuze und Guattari findet: ein Geflecht ohne Zentrum, in dem der Unterschied zwischen Theorie und Praxis hinfällig wird.

Aber Alexander Kluge, der die wissenschaftlichen Fachsprachen so sehr liebt wie den Dialekt seiner Heimat Halberstadt, setzt Abstraktionen auch immer ein Gewicht entgegen. Das muss nicht notwendig das Bild eines Säuglings an der Mutterbrust sein – bisher unveröffentlichte Aufnahmen von Helge Schneider erfüllen diesen Zweck ebenso gut. Oder Hannelore Hoger, die auftritt als Kammersängerin aus der Schweiz, Peter Berling als „Der letzte Grammatiker der DDR“: Auch lachend kann man lesen lernen.

www.uni-stuttgart.de

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